Friedberg

Ein Loch führt in die Unterwelt

Unter der Altstadt von Friedberg liegen teils mehrstöckig geräumige Keller. Einige sind bekannt und werden genutzt, andere sind seit Jahrzehnten vergessen und unzugänglich. Nun öffnete sich ein Fenster in die Vergangenheit.

Friedberg hat ein Loch

Nicht schlecht staunten die mit der Verlegung von Glasfaserleitungen in der Großen Klostergasse beschäftigten Arbeiter, als ihnen bei der Wiederverfüllung des Leitungsgrabens der Boden buchstäblich unter den Füßen wegbrach. Was dort passierte, berichtete am 17. Juli 2025 Deliah Werkmeister aus der Pressestelle des Wetteraukreises.

Was verbirgt sich da unten? Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des THW Wiesbaden an der Baustelle in der Großen Klostergasse.

Beim Verdichten des Schotters öffnete sich ein etwa 60 Zentimeter großes Loch. Zwei miteinander verbundene Zollstöcke zeigten schnell, dass die eingebrochene Grube zwar räumlich sehr begrenzt ist, diese aber über vier Meter in den Friedberg Untergrund führt.

Bei einem zügig anberaumten Ortstermin mit dem für Tiefbau in Friedberg zuständigen Fachgebietsleiter Tobias Schmidt und dem Kreisarchäologen Dr. Jörg Lindenthal konnte der Sachverhalt teilweise geklärt werden: Mithilfe von Aufnahmen einer in das Loch abgelassenen Kanalkamera konnte ein Gang dokumentiert werden, der wohl in einen der vielen im Friedberger Untergrund verborgenen Tiefkeller führt.

Das weckte bei den Entdeckern den Wunsch, genauer nachzusehen. doch bei der anschließenden Recherche stellte sich heraus, dass kein aktueller Zugang zu dem wohl seit vielen Jahrzehnten verschlossenen Kellerabgang bekannt ist. Und dass ein Zugang durch den über vier Meter tiefen, schmalen Einsturztrichter nur mit sehr hohem Aufwand und Kosten möglich wäre.

Der Kreisarchäologe eilt herbei

Daraufhin nahm die Kreisarchäologie mit Unterstützung des Technischen Hilfswerk-Ortsverbands Friedberg Kontakt zur Ortungsgruppe des THW Wiesbaden auf, der über entsprechende Sachkunde und Technik verfügt.

So gelang es mit dem Einsatz einer Searchcam – einem Gerät mit Videomonitor, Kamera, Kopfhörer und Mikrofon, das unter anderem zur Ortung Verschütteter unter Trümmern eingesetzt wird – Aufnahmen in deutlich höherer Bildqualität als mit der Kanalkamera zu erstellen.  Der Zugang – zunächst etwa 4,5 Meter senkrecht abwärts und dann über eine Kante in einen weiteren Hohlraum – erwies sich als anspruchsvolle Aufgabe, konnte aber gelöst werden.

Die Aufnahme der Searchcam zeigt gut erkennbar den Abgang mit Türbogen. Fotos: Wetteraukreis

Das Ergebnis: In etwa 4,5 Metern Tiefe setzt ein Kellerabgang an, der im Straßenraum der Großen Klostergasse wohl einen Tiefkeller erschließt. Eine weitere Erkundung des Kellerraumes war mit vorhandenen Mitteln nicht möglich. Für eine weiterführende genauere Dokumentation müsste der Zugang erweitert werden. Hierauf wurde wegen der hohen Kosten und einer nicht absehbaren Zeitverzögerung in Abstimmung zwischen Stadt und Denkmalpflege verzichtet. Da ein weiteres Nachbrechen des Pflasters nicht auszuschließen ist, wird der Kellerabgang nun verfüllt. Als Verfüllmaterial nutzt man sogenannten „Flüssigen Boden“. Die reversible Einfüllung lässt die Option einer zukünftigen Untersuchung offen. 

Teils mehrstöckige Keller

Die Große Klostergasse führt in Friedberg vom Parkhaus an der Alten Bahnhofstraße bergauf in Richtung Kaiserstraße. Sie war früher eine von Läden gesäumte Hauptachse Friedbergs – am unteren Ende lag der in den 1980ern abgerissene erste Bahnhof der Kreisstadt.

Nur wenige Meter vom aktuellen Loch entfernt lag früher die Szenekneipe „Lascaux“. Dort konnte man mit perfekter Schallisolation auch laute Musik hören. Später wurde die Kneipe geschlossen – es gab keinen Notausgang.

Das Eis hielt bis in den Sommer

Die tiefen Keller dienten in früheren Jahrhunderten als Vorratsräume. Und als Kühlschränke. Vor allem in der westlichen Altstadt lagerte man für die Bierkonservierung bis ins 19. Jahrhunderte im Winter Eisblöcke ein, die aus einem großen Teich auf der Seewiese geschnitten wurden.

Die Kellerlandschaft unter der Stadt regte stets die Phantasie der Einwohner an. Wiederholt gab es Keller-Führungen. Und bei Sanierungen der Kaiserstraße taten sich Abgänge zu weiteren Hohlräumen unter der breiten Straße auf. Auch sie wurden mit einer Art Flüssiglehm verfüllt, aber nicht zerstört.

Bei der in den nächsten Jahren anstehenden Umgestaltung der Kaiserstraße werden sich voraussichtlich weitere Fenster in die Unterwelt von Friedberg öffnen.

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