Volker Kutscher

Rath ermittelt im Olympia-Jahr

von Jörg-Peter Schmidt

„Olympia“ heißt der achte Roman Volker Kutschers, in dem wiederum der Kriminalermittler Gereon Rath die Hauptrolle spielt; diesmal ereignen sich die Morde im Umfeld der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin. Hat der Autor etwa aufgrund des großen Erfolgs der Verfilmungen seiner ersten beiden Rath-Krimis „Der nasse Fisch“ und „Der stumme Tod“ in der Serie „Babylon Berlin“ jetzt seinen Schreibstil geändert? Sind seine Bücher reißerischer geworden? Dies ist überhaupt nicht der Fall.

Das Regime und seine Fratze

Volker Kutscher (Foto: Andreas Chudowski)

Auch wenn der Schriftsteller mittlerweile von Kiepenheuer & Witsch zum Piper-Verlag gewechselt ist, bleibt er sich treu. Seine Geschichten, die die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg beleuchten, sind nicht sensationslüstern erzählt, sind seriös recherchiert und spannend. Und was besonders wichtig ist: In der Rath-Reihe zieht sich wie ein roter Faden die Abscheu gegen Diktaturen, Gewalt und Unrecht aller Art, gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus.

So ist es auch bei Kutschers aktuellem Besteller. Der Roman schildert bereits zum Auftakt die allgemeine Olympiabegeisterung. Die nationalsozialistischen Machthaber versuchen sich als Blender, um der Weltöffentlichkeit das Bild von einem friedlichen, toleranten Deutschland zu vermitteln. Sie lassen Schilder, die die jüdische Bevölkerung diskriminieren, für einige Wochen verschwinden. Aber diese Scheinkulisse bröckelt, zerfällt beim genauen Hinschauen und das Hitler-Regime hat mehr oder minder im Verborgenen seine hässliche Fratze nicht abgelegt.

Im Olympischen Dorf hat sich ein vermutlicher Mord an einem Gast aus den USA ereignet und es muss  ein Verantwortlicher dafür gefunden werden, was auch schnell  geschieht. Ein Mitarbeiter in der Gastronomie, der eine kommunistische Vergangenheit hat, war zufällig beim Tod des wahrscheinlich vergifteten US-Amerikaners in einem Speisesaal anwesend, was den Nazis gerade recht kommt. Dass der Verdächtige wahrscheinlich unschuldig ist, spielt für die braunen Ermittler keine Rolle. Der angebliche Mörder wird im berüchtigten Columbiahaus, das es in Kreuzberg wirklich gab, schwer gefoltert und Oberkommissar Rath ist „eingeladen“ dabei zuzusehen. Selbstverständlich will er die Wahrheit herausfinden, was alles andere als ein Kinderspiel ist, denn die Machthaber machen es ihm schwer. Und es ereignet sich ein weiterer Mord…

Jesse Owens und die Medaillen

Jesse Owens wurde 1936 nicht nur im Weitsprung Olympiasieger (Fotoquelle. Wikipedia; Bundesarchiv, Bild 183-R96374 / CC-BY-SA 3.0)

Selbstverständlich kommen olympische Sportler in dem Roman vor: Dabei gibt es auch eine Begegnung mit dem US-Athleten Jesse Owens. Bekanntlich gewann er im Berliner Olympiastadion – sehr zum Missfallen von Hitler und seinen Gefolgsleuten – vier Goldmedaillen: im Weitsprung und in verschiedenen Laufwettbewerben: über 100 Meter, 200 Meter und in der Staffel (4 mal 100 Meter). Hitler, Göring, Goebbels und ihren Gefolgsleuten war es ein Dorn im Auge, dass ausgerechnet ein Dunkelhäutiger hier die Medaillen absahnte. Owens war übrigens zunächst dagegen, als Sportler und damit als Vorbild bei Wettkämpfen in einem Land anzutreten, in dem Rassismus und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung vorherrschte. Er und weitere Sportlerinnen und Sportler des Teams der USA reisten mit größten Bedenken ins Nazi-Deutschland.

Die Nazis und der Abscheu vor ihnen

Abschließend noch eine gute Nachricht für die Leserinnen und Leser der Kutscher-Romane: Es gibt auch diesmal ein Wiedersehen beispielsweise mit der großen Liebe von Gereon Rath: Charly ist mitterweile seine Ehefrau. Auch der ehemalige Ziehsohn von Gereon und Charly mit Namen Fritze ist in die Handlung eingebettet ebenso wie der Filmproduzent Manfred Oppenberg. Abschließend noch ein Hinweis, die der Krimi-Spannung zusätzlichen Zündstoff verleiht: Der Tod von Gereon Rath ist für gewisse Leute  beschlossene Sache…

Man kann also auch den neuen Roman in dieser Reihe empfehlen, die schon deshalb aktuellen Bezug hat, weil sie sich – wie eingangs erwähnt –  sehr deutlich von rechtsnationalistischen Strömungen distanziert.

Volker Kutscher: Olympia, Piper-Verlag, 544 Seiten, gebunden, ISBN-13 : 978-3492070591, 24 Euro (auch als Hörbuch erhältlich)

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