Verena Kessler

Als 1000 den Freitod suchten

von Jörg.-Peter Schmidt

Der Roman, den die 33-jährige Autorin Verena Keßler im Gießener Kulturzentrum „Prototyp“ in einer Veranstaltung des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) vorstellte, stimmt nachdenklich. Das Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Erzählung zieht, handelt von einem schier unbegreiflichen Geschehen, das sich in der Stadt Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) im Mai 1945 tatsächlich abspielte: Etwa 1000 Menschen begingen in wenigen Tagen Selbstmord. Auch kleine Kinder wurden von ihren Eltern mit in den Tod genommen.

Die Menschen erhängten sich oder ertränkten sich in den Flüssen Peene und Tollense.  Sie suchten den Freitod, weil sie Gräuel beim Einmarsch der sowjetischen Armee erwarteten. Unter anderem aufgrund der Propaganda der Nationalsozialisten entstand diese Szenerie nicht mehr zu kontrollierender Panik.

Es gab in der Tat unverantwortliche und unentschuldbare Gewalt (darunter Vergewaltigungen) und immense Brandstiftungen der Sowjets in Demmin, aber auch humanitäre Aktionen von ihnen am Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem zuvor die Deutschen im Auftrag der NS-Regierung unter anderem in der Sowjetunion unvorstellbar grauenhafte Verbrechen verübt hatten. Das Buch der in Hamburg  geborenen Schriftstellerin, die in Leipzig lebt, zeigt, was Kriege mit Menschen anrichten und sie in den Wahnsinn treiben.

Sensibles Thema beim Debüt

Verena Keßler hatte sich also ein schwieriges, sensibles Thema für ihr im Verlag Hanser Berlin erschienenen  Debüt ausgesucht, das den Titel „Die Gespenster von Demmin“ trägt. Sie stand vor der Frage: In welcher Form könnte sie literarisch verarbeiten, was sich  ereignete.  Als Dokumentation, als Sachbuch, als historischer Roman? Die gebürtige Hamburgerin, die in Leipzig lebt, entschied sich für eine andere Schreibweise.

Nach der Lesung ließen sich viele Leserinnen und Leser den Roman von der Schriftstellerin signieren.  (Fotos: Jörg-Peter Schmidt)

Die Handlung in dem Jugendbuch, das auch von vielen Erwachsenen  gelesen und gelobt wird (auch vom „Literarischen Quartett“), spielt in der heutigen Zeit. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen, die in unmittelbarer Nachbarschaft in Demmin leben: Die 15-jährige Larry und Frau Dohlberg, eine 90-jährige, die Zeitzeugin des Massensuizids war. Als sie kurz vor dem Umzug in ein Pflegeheim steht, holen sie ihre Erinnerungen ein: Ihre Schwester wurde von ihrer Mutter im Mai 1945 mit in den Tod genommen.

Werdegang der Autorin

Bevor Verena Keßler Auszüge aus ihrem Buch las, wurde sie im „Prototyp“ vor etwa 50 Zuhörerinnen und Zuhörern von der Moderatorin Monika Rox-Helmer  (Historisches Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen) vorgestellt. Die Autorin studierte am Deutschen Literaturinstitut,  nahm an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung teil und war Stipendiatin des 23. Klagenfurter Literaturkurses. 

Leser werden hin- und hergerissen

Als die Autorin dann Auszüge aus ihrem Buch vorstellte, wurde deutlich: Verena Keßler versteht es, so zu schreiben,  dass sie locker Humor und Spannung in die Handlung einpackt, ohne den ersten Hintergrund  der Hauptthematik zu vernachlässigen. Neben Larry und Frau Dohlberg spielen beispielsweise Larrys beste Freundin, Larrys Mutter, ihr Vater und ein junger Mann aus dem Netto-Lebensmittelsmarkt, den sowohl Larry als auch ihre Freundin bisweilen „nicht uninteressant“  finden, eine wichtige  Rolle.

Auf dem Stadttfriedhof in Demmin wurde ein Denkmal über den Gräbern errichtet, das an den Massensuizid erinnert. (Fotoquelle: Wikipedia, Wikswat)

Es kommt schon mal ein Kuss vor, auch eine dramatische Rettungsaktion auf dem winterlichen Eis, allerlei Dinge, über die sich Larry, die unbedingt Kriegsreporterin werden will, ärgert oder freut, die auch mal reißaus nimmt –  und dann immer wieder die quälenden Erinnerungen von Frau Dohlberg an das, „was damals geschah.“

Große Gegenbewegung zu NPD-Märschen
Der Roman ist im Verlag Hanser Berlin erschienen.  

In dem Roman tauchen auch Neonazis auf, von denen sich die Schriftstellerin klar distanziert. In Demmin hat am 8. Mai schon oft einen „Gedenkmarsch“ auf „Einladung“ der NPD stattgefunden Erfreulich ist, dass es zu diesem Marsch eine weit größere Gegenbewegung gibt, wie von Verena Keßler, die vor Ort recherchiert hat, zu erfahren war.

Für sie gab es langen Applaus des Publikums, das  sich über folgende Ankündigung der Schriftstellerin freute: Sie arbeitet an einem weiteren Roman und wenn der erscheint, würde man sie gern bei einer Lesung wiedersehen. 

Titelbild: Verena Keßler (links) während der Lesung, die von Monika Rox-Helmer  geleitet wurde.

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