Unser Wasser

Städter trinken nicht vom Hahnleitungswasser

Städter misstrauen der Qualität von Leitungswasser. Sie trinken deshalb lieber das teurere Mineralwasser, fand  die Studentin Svenja Daniel aus Schotten heraus.  Ein Interview.

Unser Wasser trinken wir lieber aus der Flasche

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Svenja Helene Daniel (26) studiert Politik- und Sozialwissenschaften an der Universität Gießen. Sie stammt aus Schotten. Gerade ist ihre Bachelor-Arbeit über „Konsum und Bedeutsamkeit von Trinkwasser im Stadt-Land-Vergleich“ fertig geworden. Sie trinkt Wasser gerne aus der Leitung. Foto: Privat

Mineralwasser sei nicht besser als Leitungswasser – dafür aber wesentlich teurer, verkündete  Ende Juli die Stiftung Warentest. Manche Mineralwässer haben nicht einmal mehr Mineralstoffe als das Wasser aus der Leitung, so die Stiftung nach einer gründlichen Analyse. Trotzdem trinken vor allem Städter lieber das teure, mühsam zu transportierende Wasser aus der Flasche. Das und die Gründe dafür erforschte die aus Schotten stammende Politik- und Sozialwissenschafts-Studentin Svenja Helene Daniel.

Frau Daniel, Sie haben in ihrer Bachelor-Arbeit je zehn Menschen aus dem Vogelsbergkreis und aus dem Raum Frankfurt befragt, wie sie es mit dem Wassertrinken halten. Wie kamen Sie auf so ein Thema?

Ich bin in Schotten aufgewachsen und meine Familie lebt dort. Hier ist die Grundwasser-Nutzung ein wichtiges Thema. Man sorgt sich, dass zu viel Wasser aus dem Vogelsberg in den Ballungsraum fließt. Es ist nicht gerecht, dass die Wassergebühren in Frankfurt um 75 Cent je Kubikmeter niedriger sind als bei uns. Ich bin der Meinung, wir sollten uns mehr mit dem Thema Trinkwasser auseinandersetzen. Mit meiner Arbeit möchte ich die Affinität zu Trinkwasser und dessen Wertschätzung steigern und mögliche Hemmungen für den Gebrauch von Trinkwasser als Lebensmittel aufdecken. Mein Ziel war es, Tendenzen zu entwickeln, die für weitere Forschungen über den Konsum und die Bedeutsamkeit von Trinkwasser im Stadt-Land-Vergleich verwendet werden können.

Leitungswasser wird mit „Gebrauchswasser“ assoziiert

In Ihrer Untersuchung meiden Sie das Wort „Leitungswasser“ – warum?

Während meiner Forschungsarbeit habe ich gemerkt, dass das Wort „Leitungswasser“ oft mit „Gebrauchswasser“ assoziiert wird und demnach negativ belastet ist. Es scheint gerade bei den Städtern nicht klar zu sein, dass aus der Leitung hochwertiges Trinkwasser kommt.

Deshalb trinken sie lieber Mineralwasser? Zahlen bis zu 74 Cent je Liter und schleppen die Flaschen in den dritten Stock?

Das ist zu vermuten. Jedenfalls tranken die Deutschen 1970 nur 12,5 Liter Mineralwasser im ganzen Jahr. 2015 waren es dann 147 Liter.  Aus meiner Auswertung der Fragebögen geht hervor, dass Personen, die in der Stadt leben, häufiger zu Flaschenwasser tendieren, als die Vogelsberg-Bewohner. Deutlich wird auch, dass Leute, die wenig Trinkwasser aus der Leitung konsumieren, die Qualität von Trinkwasser umso negativer einschätzen.

Landbewohner trinken also mehr Leitungswasser?

Dem würde ich zustimmen. Zumindest wissen Bewohner des Vogelsbergkreis und der östlichen Wetterau offenbar mehr über das Trinkwasser – dass es sehr gut ist. Die Tendenz steigt demnach, Wasser aus der Leitung zu trinken.

Sie haben auch erforscht, ob Restaurantbesucher häufiger kostenfreies Wasser serviert haben möchten. Bitten Landbewohner in der Pizzeria häufiger um ein Glas Leitungswasser?

Nein. Meine Arbeit ist auf Grund der kleinen Stichprobe zwar nicht repräsentativ, aber ich konnte in meiner kleinen Stichprobe keinen Unterschied zwischen Stadt und Land feststellen. Wer im Restaurant ein Glas Wasser bestellt, möchte Mineralwasser.

Regionales Mineralwasser ist den Verbrauchern egal

Das gibt es überall in den Getränkemärkten. Die Kasten-Preise schwanken je nach Marke zwischen 1,99 und mehr als fünf Euro. Greifen Landbewohner eher zu den günstigen Sorten?

Der Preis für Mineralwasser scheint nach den Antworten, die ich erhalten habe, bei den  Verbraucherinnen und Verbrauchern keine wichtige Rolle zu spielen. Für Städter höchstens in der Hinsicht, dass ein hoher Preis und die Exklusivität von Flaschenwasser für sie attraktiv ist. Mineralwasser steht bei ihnen für einen gesunden Lebensstil.  Auf Mineralwasser aus der Region legt übrigens nur einer von 20 Befragten einen gesteigerten Wert.

Leitungswasser  ist ja ständig verfügbar und sehr billig. Was fast nichts kostet, taugt für die Menschen auch nichts?

Ich vermute, dass dieser Gedanke teilweise vertreten wird. In meiner Untersuchung haben vier von zehn Befragten angegeben, dass sie kein Leitungswasser trinken. Als Gründe nannten sie den Geschmack und befürchtete Verunreinigungen in den Leitungsrohren.

Zum Essen und Trinken ist Wasser- und Geldsparen also keine Option. Höchstens vier Prozent des ganzen Wassers werden dafür gebraucht. Spielt das Wassersparen beim Waschen, Putzen, Baden auch keine Rolle?

Doch – eine große.  Das ist bei Stadt- und bei Landbewohnern gleich. Sie drehen den Wasserhahn zu, wenn sie sich die Zähne putzen. Sie bauen Wasser-Stopper in ihre Toiletten ein und stellen die Dusche ab, wenn sie sich einseifen und shampoonieren. Der Wasserverbrauch ist stark zurückgegangen. In Frankfurt zapft ein Einwohner noch 151 Liter pro Tag aus der Leitung, in der Wetterau 116 Liter und im Vogelsberg sogar nur 113 Liter.

Trinkwasser aus der Leitung hat einen zu schlechten Ruf

Was ist Ihr Fazit?

Trinkwasser aus der Leitung hat einen viel zu schlechten Ruf. Es muss untersucht werden, welche Funktion städtische und ländliche Regionen einnehmen, wenn es um das Image von Trinkwasser geht und welche subjektiven Wahrnehmungen dadurch hervorgerufen  werden. Haushalte auf dem Land scheinen deutlich aufgeklärter über Trinkwasser zu sein – weil die Menschen dort mehr Informationen darüber bekommen. Ich würde den Wasserversorgern empfehlen, gerade bei den Städtern eine Imagekampagne zu starten. Man kann und sollte auch über das Preisgefüge von Trinkwasser nachdenken. Ich finde es nicht in Ordnung, dass Wasser in der Stadt günstiger ist als dort, wo es aus den Brunnen gepumpt wird.                                                                                  Interview: Klaus Nissen

Mehr Informationen zum Trinkwasser im Rhein-Main-Gebiet finden Sie hier.

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