Sinclair-Haus

Wrede: Fallensteller der Wahrnehmung

Von Corinna Willführ

„Modell-Landschaft-Fotografie“ ist der Titel der aktuellen Ausstellung der Altana-Kultur-Stiftung mit Fotografien von Thomas Wrede im Sinclair-Haus in Bad Homburg. Klingt der Titel eher nüchtern: Die Arbeiten des Professors für Fotografie und Medien sind es nicht. Zeigt doch die erste umfassende Werkübersicht des Foto-Künstlers die unterschiedlichen Facetten seines Schaffens: Überdimensional große Arbeiten von Vögeln in Schwarz-Weiß, grell-bunte Farbbilder aus Freizeitsparks und aufwändige Illusions-Landschaften. Inszenierungen, die mit der gewohnten Wahrnehmung brechen.

Vögel die gegen Glasscheiben prallen

„Die Vögel stehen in der Luft und schreien“ – und sie treffen den Ausstellungsbesucher mit Wucht, drängen sich wie Nachtmare in einen Albtraum. Verstört schon allein das Ansehen der mehrere Quadratmeter großen Schwarz-Weiß-Fotografien im ersten Raum des Erdgeschosses im Sinclair-Haus, so erschüttert die Erklärung zu den Motiven. Denn Thomas Wrede, Professor für Fotografie und Medien an der Hochschule der bildenden Künste, Essen, hat in der Serie „Die Vögel stehen in der Luft und schreien“ (1993 bis 1996) die Abdrücke von Vögeln festgehalten, die gegen Glasscheiben geprallt sind. „Die letzte Spur des Vogels auf dem Glas wird zum monumentalen Bild für das Drama des Sterbens und damit zur Vanitasdarstellung, zum Memento mori.“


Von grausam-schöner Ästhetik sind auch seine Arbeiten, die Anfang der 1990er Jahre auf der dänischen Insel Samsö entstanden sind. Im Frühjahr haben damals Planen aus Polyäthylen das halbe Eiland bedeckt. Sie sollten die Kartoffelfelder vor den Unbilden des Wetters schützen. Nach der Ernte wurden die Plastikhüllen auf Mülldeponien gelagert, die mehrere Fußballfelder groß waren. Ebenfalls in Schwarz-Weiß hat Wrede die „Zeitbomben der westlichen Zivilisation“ (heute gibt es sie in dieser Form auf Samsö nicht mehr) in Szene gesetzt. Auch wenn die riesigen Haufen von Hüllen nichts mehr enthalten, in ihnen steckt das Verwesende, das Tödliche, da ist die Assoziation zu manchem Leichensack aus einem Krimi nicht weit.

Neue Wirklichkeiten mit Spielzeugautos

Hat Thomas Wrede in diesen Fotografien die Realität abgebildet, schafft er sich und damit auch dem Betrachter in seinen jüngeren Arbeiten neue Wirklichkeiten. Mehrere Wochen kann Wrede unterwegs sein, um einen geeigneten Schauplatz und die geeignete Kulisse um ein Bild für seine „Real landscapes“ mit seiner Plattenkamera aufzunehmen. So platziert der Künstler eigens angefertigte Spielzeugautos und kleine Modellhäuser auf einen Sandhügel oder an einer Pfütze so, dass sie wie Dünen oder Seen wirken. „Die fotografische Täuschung seiner Scheinwelten“, so die Ausstellungs-Information „wird nicht durch digitale Bearbeitung, sondern durch das Fehlen von Größenverhältnissen in der realen Landschaft hervorgerufen.“ So lässt sich das Auge täuschen von dem Drive-In-Theatre, das man irgendwo als echtes am Strand von L.A. vermutet, das aber auf einem Sandhügel an der Nordsee en miniature eigens für ein Foto von Wrede aufgebaut wurde – aus einem mehrere hundert Bausätze umfassenden Fundus des Fotografen, die bis ins kleinste Detail, beispielsweise die Werbung auf einem Imbisswagen, „naturgetreu“ sind.


Sehnsuchtsorte auf Fototapeten

Wie sich Menschen durch Fototapeten in ihren eigenen vier Wänden individuelle Welten schaffen, mit dem rauschenden Gebirgsbach oder dem herbstlichen Wald Sehnsuchtsorte in ihren Alltag holen, zeigt eine Fotoserie, von der man gar nicht glauben mag, das es die Motive so wirklich gibt. Indes: Sie sind nicht inszeniert. Denn Wrede hat die Illusionen im Tapetenformat in den Zimmern von Privatleuten aufnehmen können, die sich bei ihm auf eine Zeitungsanzeige gemeldet hatten.
Mehr von dem Künstler und seiner Arbeitsweise kann man in einem kleinen Film erfahren, der im Erdgeschoss gezeigt wird. Ergänzend zur Ausstellung gibt es mehrere Veranstaltungen. Beispielsweise den Vortrag „Virtual Reality – Ein Spiel mit Illusion und Wirklichkeit“ mit Philipp Meister am Mittwoch, 31. Mai 2017, um 19.30 Uhr. Sonntags werden um 11.15 Uhr Führungen angeboten. Weitere Informationen unter 06172/404-128.

museum-sinclair-haus.de

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