Tabu Altern

Ausstellung zur Vergänglichkeit

Von Ursula Wöllaltern4

Der Kunst-und Kulturkreis Wettenberg (KuKuk) zeigt etwa 80 Fotos und Plastiken, die sich allesamt mit der Vergänglichkeit von Menschen und Dingen beschäftigen. Ein Thema, das Angst-Lust erzeugt, denn das Alter blüht uns allen unausweichlich. Aber ist diese letzte Lebensphase wirklich derart unangenehm, dass sie in unserer Kultur so abgewertet wird? Oder hat sie gar einen ganz eigenen Charme, wie es der Ausstellungstitel „Charme des Alterns“ behauptet?

Die Stadt als Ort der Kultur verliert ihr Monopol

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Barbara Yeo-Emde und Dieterich Emde.   (Fotos: Ursula Wöll)

Das Thema ‚Alter‘ wird immer noch stark tabuisiert. Wunderbar, dass es vom ‚Kukuk‘  nun aufgegriffen wurde. KuKuk, das ist eine jener auf dem Lande immer häufiger entstehenden Kulturinitiativen, die von engagierten Einwohnern getragen werden. In Wettenberg bei Giessen wurden vor gut 10 Jahren Barbara Yeo-Emde und Dieterich Emde aktiv, gewannen den Bürgermeister für ihre Idee und bald viele örtliche MitstreiterInnen. Beide sind bis heute heftig engagiert, auch im Vorstand des Vereins, Die etwa 80 Mitglieder treffen sich regelmäßig in einer von ihnen gemieteten weißgestrichenen großen Halle mit Café im Ortsteil Wissmar, reden  miteinander über Kunst, Musik, Theater und Gott und die Welt. Hier stellen sie auch aus, organisieren Konzerte und Lesungen. Das Veranstaltungsprogramm für 2016 ist bereits so gut wie im Kasten. Wie wichtig den Mitgliedern Kultur und der gemeinsame Austausch ist, zeigt schon, dass sie bereit sind, monatlich 7 Euro Beitrag zu zahlen.

Tabubrüche brauchen Zeit

Zur Vernissage der Ausstellung „Charme des Alterns“ waren an die 100 BesucherInnen erschienen, und das in einem Ort von 12000 Einwohnern. Das mag daran liegen, dass fotografische Porträts gern gesehen werden. Man kommt der abgebildeten Person durch Augenkontakt relativ nahe, vergleicht sich mit ihr, findet Unterschiede und Gemeinsamkeiten, lernt sich also selbst ebenfalls besser kennen. Vor allem besaß wohl  das Thema eine große Anziehung, gerade weil es so wenig aufgearbeitet ist. Denn noch ist das Alter stark tabuisiert, und wird gerne verdrängt. Altealtern2 Menschen gelten nicht als schön. Der letzte Lebensabschnitt, der niemandem erspart bleibt, wird nicht als gleichwertig mit den vorangegangenen betrachtet. Oft übernehmen die Alten dieses gesellschaftliche Vorurteil und fühlen sich selbst  weniger wertvoll. Sie verlieren dadurch an Neugierde und Schwung, ein Circulus vitiosus entsteht.  Besonders für Frauen trifft das zu, da weibliche Schönheit mit dem süßen Vogel Jugend identifiziert wird und  nicht mit der lebensweisen Eule.

alternNur langsam ändert sich diese negative Einstellung. Film, Literatur und Kunst stellen über die obligatorische Referenz an die Würde des Menschen konkrete Fragen; Ist es richtig, dass man Alte an den Rand drängt oder Dinge vorzeitig wegwirft, um neue zu kaufen? War das historisch immer so? Oder war etwa die Achtung vor den Alten größer, als diese noch eine Funktion in der Großfamilie hatten? Welchen Status haben Alte in anderen Kulturkreisen? Ist in anderen Gesellschaften der ‚Jugendwahn‘ weniger ausgeprägt? Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos von Barbara Ritzkowski dominieren die Ausstellung. Sie zeigen alte Menschen, die sie in Asien oder Lateinamerika getroffen hat. Und die strahlen in der Tat viel Charme aus, trotz aller Runzeln.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen wird in anderen Kulturen generell viel häufiger gelächelt als bei uns.  Zum anderen haben dort die Alten einen hohen Status, weil sie Lebenserfahrung besitzen. Ihre körperlichen Mängel fallen weniger auf, da generell ein weniger hektisches Klima herrscht. Auch wird die Reisende nur relativ gesunden und fitten Menschen begegnet sein. Wer ein hiesiges Altersheim durchstreift, tut sich schwerer, vom Charme des Alters zu sprechen. Denn wer sich ausgegrenzt fühlt, von niemandem vermisst wird und vielleicht noch arm dazu ist, kann keinen Charme entwickeln. Nicht nur Kinder brauchen Zuwendung, um sich voll  entfalten und anziehend wirken zu können. Ohne die Albrecht_Duerer,_Bildnis_seiner_Mutteranderen sind wir nichts, wir strahlen nicht, sondern werden stumpf. Es gilt einen neuen Schönheitsbegriff zu entwickeln, der auch diese Alten einbezieht, sie sympathisch findet. Albrecht Dürer hat vor 500 Jahren seine kranke Mutter wenige Monate vor ihrem Tod gezeichnet. Mit 63 Jahren war sie völlig ausgezehrt, aber der Sohn wird ihr Charme zugebilligt haben.

Die Ausstellung läuft bis 18. Oktober im KuKuk, Wissmar, Goethestraße 4b. Infos über weitere Veranstaltungen unter www.kukuk-wettenberg.de oder Tel. 0641-870159

Ein Gedanke zu „Tabu Altern“

  1. Richtigstellung
    Mit Interesse habe ich den ausführlichen Bericht über die aktuelle Ausstellung des KuKuK gelesen und die darüber hinaus gehenden Gedanken zum älter werden und zum Alter.
    Als Vorsitzender des KuKuK habe ich mich über die Informationen zu unserem Verein und das Interesse für unsere Veranstaltungen gefreut.
    Es ist mir sehr wichtig, nun einige Dinge, die bei dem kurzen Gespräch mit Frau Wöll anlässlich der Vernissage zur Sprache kamen und zu Mißverständnissen führen könnten, richtig zu stellen:
    Die Idee, sich als Kunst- und Kulturkreis zusammen zu finden, wurde nicht durch meine Frau und mich initiiert, sondern von einigen Wettenberger Freizeit-Künstlerinnen und –künstlern, zu denen ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehörte. Unter Federführung und tatkräftiger Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Gerhard Schmidt wurde der Kunst- und Kulturkreis ins Leben gerufen. Zur Gründung wurde ich mit anderen Wettenberger Kunstinteressierten eingeladen und gehöre seitdem dem Kreis an, der sich drei Jahre später als Verein etablierte. Dass sich der KuKuK im Laufe seines Bestehens zu einem festen Bestandteil des Kulturlebens im Giessener Land und der Region etablieren konnte, ist nicht zuletzt der guten Zusammenarbeit des Vorstandes und weiterer engagierter Mitglieder zu verdanken. Erwähnen möchte ich noch, dass die Kunst- und Kulturhalle des KuKuK meines Wissens die einzige Kunsthalle im Landkreis ist mit regelmäßigen Ausstellungen über das gesamte Jahr hindurch. (Bis dato insgesamt 130 unterschiedliche Ausstellungen)

    Die Idee zur Ausstellung Charme des Alterns kam von den beteiligten Künstlerinnen Dörte Kohl und Barbara Ritzkowski, denen sich Ulrike Dalla-Bona und Wolfgang Gebhard mit Plastiken anschlossen.
    Dieterich Emde
    KuKuK-Vorsitzender

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