Solidarität

Beispiele der Nächstenliebe

Von Ursula Wöll

Das KZ Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 von sowjetischen Soldaten befreit. Dieser Tag ist seit 1996 Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. „Niemals dürfen wir vergessen, was Menschen anderen Menschen antaten und noch antun“, mahnt Landbote-Autorin Ursula Wöll. Sie setzt dem Solidarität und Nächstenliebe entgegen. Manchmal seien es „klitzekleine Beispiele“, die „es oft nicht in die Medien schaffen“. Zwei schildert sie im Folgenden:

Aufmerksame Nachbarschaft

Jüngst schneite es sogar mal trotz Klimawandel. Morgens höre ich Kehrgeräusche. Die Nachbarin, dick eingemummelt, kehrt ‚meinen‘ Schnee vom Bürgersteig und sogar vom Hof mit weg. Ich hätte – momentan gehbehindert – warten müssen, bis es taut. Die Nachbarin wurde ganz ohne vorherige Bitte von mir aktiv. Das hat mich riesig gefreut, denn gerade von ihr hätte ich das am wenigsten erwartet. Den ganzen Tag über war ich gehobener Laune.

Gegenseitige Freundlickeit ist das Schmieröl

Da fällt mir gleich noch eine schöne Geste meiner Freundin Hiltrud ein. Sie erzählte mir, dass sie kürzlich eine ältere Frau angerufen und gefragt habe, ob sie ihr etwas einkaufen solle. Die Angerufene war so gerührt, dass sie am Telefon in Tränen ausbrach. Hiltrud vermutete, dass diese Frau länger schon keine Person gesprochen hatte, geschweige denn eine, die an ihre Bedürfnisse denkt. Es war die Geste meiner Freundin Hiltrud, welche die Frau so rührte. Denn sie brauchte nichts, ihre Einkäufe waren geregelt. Unsere Isolierung wegen Corona ist zwar notwendig, aber für Leute ohne Familie emotional zu bewältigen ein Bravourstück.

Jeder Mensch braucht Austausch mit anderen, es ist schlimm genug, dass körperliche Berührungen in unserer Kultur schon vor der Pandemie tabuisiert waren. Aber nun gilt seit Monaten strikt: Kein Händeschütteln, keine noch so kleine Umarmung, kein flüchtiges Küsschen. Der Tastsinn liegt brach. Da tut es gut, wenn man wenigstens sprachlichen Austausch hat, und sei es nur übers Telefon. Ganze 40 Prozent alle Haushalte in Städten sind mittlerweile Einpersonen-Haushalte. Da dürfte es für alle Landbote-LeserInnen nicht so schwer sein, eine alleinlebende, vielleicht flüchtig bekannte Person zu finden, die man mal anruft.

Das Berührungsverbot kompensieren

Fragen Sie nicht: Was soll diese Pseudo-Anteilnahme? Gegenseitige Freundlichkeit ist das Schmieröl unserer Gesellschaft. Sie versichert uns, dass wir nicht allein in der Welt verloren sind. Wie wichtig Zuwendung durch Bezugspersonen schon für Kinder ist, hat der Psychologe René Spitz bei Kleinkindern im Kinderheim nachgewiesen. Als man noch kaum etwas über die Bedeutung emotionaler Kontakte wusste. Die Erzieherinnen dachten, wenn sie die Kinder gut nähren und sauber halten, so reicht das. Sie wunderten sich, dass trotzdem viele mit der Zeit krank wurden. René Spitz gab diesem Verkümmern durch seelische Mangelernährung einen Namen: Hospitalismus. Hiltrud hat sein Buch „Vom Säugling zum Kleinkind“ nie gelesen, ich gratuliere ihr zu ihrer spontanen Einfühlung, die in ihrem Anruf mündete.

Die Zahl 40 % Einpersonen-Haushalte fand ich in dem Buch „Die berührungslose Gesellschaft“ von Elisabeth von Thadden. Es kam 2018 im Beck-Verlag heraus, also noch vor dem Auftauchen der Pandämie. Mittlerweile wird alles von uns verlangt, was unseren emotionalen Bedürfnissen widerspricht, weil nur durch Distanz das Virus besiegt werden kann. Wir sollten uns dessen bewusst bleiben, damit nicht eines fernen Tages, wenn wir wieder näher aneinanderrücken dürfen, wir das gar nicht mehr wünschen. Dann würde die Kälte der Gesellschaft zum Permafrost und neue Ungeheuer gebären.

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