Plädoyer für Langeweile

Schwingen des Todesengels

Nissens Woche – die elfteKlaus

Die Zeit ist relativ – je schneller ich bin, desto langsamer vergeht sie. So habe ich Einstein verstanden. Meine eigene Erfahrung steht im Widerspruch dazu. Wenn ich eine Urlaubsreise mit vorprogrammiertem Nichtstun verbringe, also am Strand entschleunige, dann wird der Tag endlos.

Es ist dumm, viel und schnell zu arbeiten

Wenn ich aber arbeite, effektiv möglichst viele Dinge zu erledigen trachte, beschleunigt sich der Zeitablauf parallel zur Intensität meines Tuns. Je mehr ich mir für den Tag vornehme, desto schneller ist er vorbei. Unmöglich, das alles zu schaffen. So verfliegt der Arbeitstag, die Woche, das Leben. Heute vor einem Jahr – war das nicht neulich erst? Insofern ist es dumm, viel und schnell zu arbeiten – du näherst dich deinem Ende nur mit höherer Geschwindigkeit. Wir sehen die Langeweile viel zu negativ. Versuche, fauler zu werden. Sonst bist du – wenigstens subjektiv – sehr bald tot.

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Wenn du an einem schönen Ort bist und viel Zeit hast, dauert es deutlich länger, bis es Abend wird. Foto: Klaus Nissen

Es gibt ja Signale in dieser Richtung. Bei Facebook taucht immer häufiger eine gesponsorte Seite auf meiner Neuigkeiten-Liste auf. Irgendein Versender offeriert mir da ein schwarzes T-Shirt mit dem Spruch: „Mit sechzig fängt das Leben an“. Was für ein Schmarrn! Eingerahmt wird der Spruch von zwei mächtigen Adlerschwingen, die wohl eine Harleyfahrer-Jugendlichkeit symbolisieren sollen. Mich erinnern sie eher an die Schwingen des Todesengels. Mit sechzig fängt das Leben nicht an – es neigt sich ganz sachte oder auch deutlich. Das ist nicht zu ignorieren, auch wenn ich auf Ü30-Parties gehe, Motorrad fahre oder joggend gegen den körperlichen Verfall kämpfe und deshalb immer noch recht fit bin.

 Wer Geld hat, geizt gerne

Was rege ich mich auf – der T-Shirt-Versender will mit seinem Motto-T-Shirt doch nur ein wenig Umsatz mit der Alterskohorte der Sechzigjährigen machen. Da ist was zu holen. Viele dieser Leute haben Kaufkraft, und manche leisten sich richtig teure Harleys, Wohnmobile oder SUVs. Ich richte allerdings meinen Ehrgeiz darauf, möglichst wenig auszugeben. Die Dreizylinder-Yamaha aus dem Jahre 1980 noch einmal über den Tüv zu bringen. Mein Vorrat an schwarzen T-Shirts reicht bis ans Lebensende. Die Wohnkosten herausgerechnet, kannst du bei vorhandener GrP1180247undausstattung sehr billig leben. Wenn du das Geld hast, macht es Spaß, mit weniger als zehn Euro über den Tag zu kommen. Und wenn es viele von meiner Art in dieser alternden Gesellschaft gibt, ist es kein Wunder, dass die Binnenkonjunktur nicht in Schwung kommt. Obwohl die Zentralbank den Banken Milliarden aufdrängt, damit sie endlich wieder Kredite vergeben. Die Aktienmärkte wachsen, doch die Leute haben nichts davon.

Besser wäre es, wenn die EZB die 60 Milliarden im Monat nicht den Banken, sondern den 350 Millionen EU-Bürgern überwiese. Das wären immerhin 171 Euro pro Kopf und Monat. Ich kenne viele Leute, die dieses Geld dringend nötig haben. Und es garantiert ausgeben würden.

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