Oberhessen

Auf dem Weg nach Amerika

Von Corinna Willführ

Mitte des 19. Jahrhunderts verließen viele Oberhessen auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat mit dem Ziel Amerika. Bis zum Jahr 1854 erreicht die Zahl der Auswanderer ihren Höhepunkt: 230 400 Deutsche brechen ins „Land der Freiheit“ auf, unter ihnen 20.000 Hessen.

Ein ganzes Dorf verabschiedet sich

Das komplette Dorf Wernings, das auf dem Gebiet der heutigen Stadt Gedern lag, brach nach Amerika auf: Am 8. Oktober 1842 sind 118 Erwachsene (der Älteste 89 Jahre), 30 Kinder und acht Säuglinge (der Jüngste zwei Monate) an Bord des schwedischen Schiffs „Mimer“. Es legt in Bremerhaven ab. Ankunft in New Orleans: 2. Dezember 1842. Weiter geht es für die Werningser auf dem Mississippi und über Land bis nach St. Louis. Die meisten finden eine neue Heimat in Waterloo und Columbia. Gruppen- und Einzelauswanderungen aus Oberhessen gab es auch schon im 18. Jahrhundert. So gründeten die Herrnhuter aus Büdingen 1741 Bethlehem in Pennsylvania.

„In neun Tagen mit dem Dampfer des Norddeutschen Lloyd von Bremen nach Amerika“ bot der Agent Carl Schneider aus Büdingen an. Für eine Überfahrt in die Neue Welt, jeweils mittwochs und sonntags, von Hamburg über Le Havre nach New York warb Mitte des 19. Jahrhunderts mit Anzeigen in der regionalen Presse auch die Hamburg-Amerikanische-Paket Gesellschaft. Auskunft zu Passagen über den Großen Teich erteilten Agenten vor Ort, etwa August Reuning in Nidda, C. F. Schleuning in Friedberg und Carl Moog in Gedern.

Aus Not die Heimat verlassen

Abenteuerlust war selten der Anlass für die Menschen aus Oberhessen, die sich auf diese Anzeigen meldeten, mit der Absicht ihrer Heimat den Rücken zu kehren und in eine ungewisse Zukunft in die Neue Welt aufzubrechen. „Ein besseres Los finden wir überall“, hieß es unter ihnen. Denn in den ländlichen Regionen, die eh schon von einem rauen Klima geprägt waren, mussten die Bauern nach dem Ende des Erbrechts für den Ältesten auf immer kleineren Parzellen wirtschaften. Der Ertrag der Felder reichte kaum mehr für das tägliche Essen. Steuern, Zölle und Abgaben allerdings waren weiter zu zahlen. Mit ihrer Arbeit den Unbilden der Natur ausgesetzt, verarmten immer mehr Landwirte durch Missernten und besonders gravierend durch die Kartoffelfäule 1845/46. Der Bedarf an Getreide stieg – das Brot wurde teurer, war kaum mehr bezahlbar. 1850/51 herrschte im Vogelsberg eine große Hungersnot.

Aus dem Besucherbuch der Evangelischen Kirche in Usenborn ein Dankeschön von Gästen aus den USA, deren Vorfahren aus dem Ortenberger Stadtteil kamen. (Fotos: Corinna Willführ)

Auch Handwerker stellten sich nicht besser als die Bauern. Die Industrialisierung in den Städten schritt voran. Wer da in Heimarbeit Stoffe webte oder Flachs verarbeitete, konnte mit den niedrigeren Preisen und der geforderten Menge, wie sie große Webstühle leisteten, kaum mithalten. Oberhessen war im Jahr 1834 „die ländlichste der drei Provinzen des 1804 gegründeten Großherzogtums Hessen“ – und die am weitesten von dessen Residenz entfernte Provinz. Sie hatte, wie es der Historiker Michael Keller schreibt: „Weder Stand noch Klasse“.

Holzverkauf für die Auswanderung

Wer die Reise über den Großen Teich wagen wollte, musste seine Auswanderung in einem amtlich veröffentlichten Gesuch kundtun. Drei Monate bis zur Abfahrt konnten noch etwaige Schulden eingefordert werden. So finden sich im Stadtarchiv Ortenberg aus Selters unter IX. Finanzangelegenheiten, Hinweise auf „Mobiliar und sonstige Versteigerungen 1833-1844“ oder unter XI. Bevölkerungsverhältnisse die „Pfändungsprotokolle 1830-1890.“ Dort lässt sich auch nachschlagen, was es mit der Auswanderung aus Wippenbach auf sich hatte. Unter dem Stichwort „Bevölkerungsverhältnisse“ sind in Konvolut 1, Faszikel 6: „Alle Akten über die Auswanderer der Gemeinde Wippenbach“ aufgelistet, inklusive des „Antrags auf Sonderfällung von Bäumen im Gemeindewald“ und der Verteilung des Geldes, „welches aus dem Holzverkauf eingenommen wurde.“

Dass es zu diesem kam, ist eine besondere Geschichte. So hatten die Ausreise willigen Wippenbacher dem Dorfschullehrer anvertraut, sich um die Dinge zu kümmern, die zu erledigen waren, bis sie an Bremerhaven – mit Hamburg der größte Auswandererhafen im 19. Jahrhundert – an Bord gehen könnten. Auch ihr Geld für die Passage. Doch als sie am Kai ankamen, war weder von dem Lehrer noch von ihren Ersparnissen etwas zu sehen. Da war die Not groß. Zuhause kein Haus und Hof mehr. Abhilfe schaffte ein Bittbrief. Vom Großherzogtum Hessen erhielten die Betrogenen die Erlaubnis, ein Waldstück zu roden. Das Geld aus dem Holzverkauf half jenen, die trotz der schlechten Erfahrung weiterhin nach Übersee wollten, die Reise zu bezahlen. Und jenen, die wieder in der Heimat bleiben wollten, das neugewonnene Areal anders zu nutzen. Die Erinnerung an das Ereignis halten bis heute nicht nur die Archivalien wach, sondern auch der Straßenname „Zum Treuer“.

Das Bild des Tanzmädchen mit Drehleier befindet sich im Musikinstrumentenmuseum Lißberg.

Wenige Kilometer weiter findet man im Musikinstrumentenmuseum Lißberg Originalexemplare eines Instruments, das eng mit der Großen Auswanderung verbunden ist: in Europas größter Drehleier-Sammlung. Museumsleiter Kurt Racky:. „Das Instrument ist auf historischen Abbildungen zusammen mit sogenannten Tanzmädchen zu sehen.“ Aufgrund seiner leicht knarrzig-knirschenden Töne, die ein wenig wie „hurdy-gurdy“ klingen, wurden die Frauen, die zu dessen Melodien in den Saloons des amerikanischen Westens tanzten Hurdy-Gurdy-Girls genannt. Sie allerdings kamen eher aus der Region um Butzbach und dem nahen Espa. Warum nicht aus Oberhessen? Eine noch nicht beantwortete Frage.

Seelenfängern in die Falle getappt

„Seelenfänger“ nannten die Menschen auf den Dörfern jene, deren Versprechungen auf ein besseres Leben sie gefolgt waren. Vor einem Betrüger warnte auch ein Schreiben der Großherzoglichen Regierung der Provinz Oberhessen, das am 17. Dezember 1825 an die Gemeinde Usenborn ging und vor einem „angeblichen Major Schäffer“ warnte. Es sollte: „Die verblendeten Untertanen dabei wiederholt belehren, welches traurige Schicksal die meisten durch die glänzenden Versprechungen dieses Betrügers irregeleiteten Auswanderungslustigen (!) getroffen hat.“ Dr. Conrad von Meyer macht diesem in einem Brief (Stadtarchiv Ortenberg) als einer der ersten Colonisten auf dem von Antwerpen abgelegten Schiff Argo, den Vorwurf, dass „der Major von Schäffer, jenen Leuten weit mehr verspricht, als er im Namen der Regierung zu versprechen jemals befugt und ermächtigt ist.“

Vier Wochen nach der Auflösung der Versammlung in der Paulskirche wurden „die Uhren in Deutschland wieder zurückgestellt“, schreibt Sabine Börchers in ihrem Buch „Routen der Freiheit“. „Die Reichsverfassung mit ihren Grundrechten aber blieb beispielhaft für spätere Verfassung.“ Die Lage der Bevölkerung verbesserte sich. Die Kartoffelfäule konnte durch resistente Arten gegen den Pilz HERB 1 bekämpft werden. Der Bau der Horlofftal- und der Main-Weser-Bahn schuf Arbeitsplätze und brachte mehr Mobilität. Zwischen 1820 und 1850 wurden in Oberhessen 24 Schulen gebaut. Die Industrialisierung schritt voran. Und mancher, für den im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ der Traum vom besseren Leben nicht in Erfüllung gegangen war, kehrte zurück.

Titelbild: Diese Straßenlaterne in der Ortenberger Altstadt ist Symbol für die Auswanderung.

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