Musse – wie altmodisch

Die Software kennt das Wort nicht einmal

Nissens Woche – die fünfzehnteP1190469

Es gibt Leute, die Hektik mögen. Sie freuen sich über zahlreiche Termine. Sie sei fünf- bis sechsmal pro Woche auch abends dienstlich-gesellschaftlich unterwegs, erzählte mir eine Sparkassen-Vorstandsfrau während eines dienstlich-gesellschaftlichen Abendessens. Sie wirkte zufrieden und selbstbewusst.

Musse – wie altmodisch

Die Frau wurde später bei einer anderen Sparkasse Vorstandsvorsitzende. Leuten, die gerne viel um die Ohren haben, vertraut man höchste Positionen an. Denn sie verbreiten den Eindruck, niemals überfordert zu sein und alles regeln zu können. Wenn das mal kein Irrtum ist!

Betriebsamkeit gilt jedenfalls als Indiz für Wichtigkeit und Beliebtheit. Deshalb ist auch die What’s App derart erfolgreich. Wenn das Smartphone dauernd piept oder pfeift, will ja vermeintlich dauernd – und vor allem öffentlich – jemand etwas von mir. Ich muss also wichtig und/oder beliebt sein. Man kann so etwas auch organisieren, wenn einen keiner mag und braucht.

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Eigentlich müsste die Bude geputzt werden. Doch wer weiß, wie lange die Sonne noch so schön auf die Terrasse scheint.  Also weile ich noch müßig – das klingt ja furchtbar! Weile und Muße sind wörtlich und sinngemäß total out – neunzehntes Jahrhundert! Das Wort Muße wird von der WordPress-Blogsoftware nicht als Überschrift geduldet. Sie wandelt es unkorrigierbar in „Musse“ um. Das klingt dynamischer.  Foto: Klaus Nissen

Mir geht so etwas eher auf die Nerven. Ich besitze kein Smartphone, mag nicht gerne angerufen werden und brauche auch keine Wichtigkeits-Symbole. Wenn Leute anrufen, die ich mag, freue ich mich hinterher natürlich trotzdem darüber. Wenn das Telefon überhaupt nicht klingelt und abends der Mail-Eingang immer noch leer ist, gibt das zu denken.

Ideal wäre es, beschäftigt zu sein, ohne Hektik zu haben. Beliebt und effektiv zu sein und trotzdem täglich Momente der Muße zu finden. Beides zusammen geht offenbar nicht. Wir entscheiden uns für Ersteres und finden die Muße zwar schön und erstrebenswert, verzichten aber darauf. Muße – klingt richtig altmodisch.

Der Dreizylinder erzwingt die Pause

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Zum Thema Muße hätte ich eigentlich gern die Prostituierte fotografiert, die am Donnerstag auf einem Klappstuhl vor dem Chausseehaus zwischen Ilbenstadt und Stammheim die warme Morgensonne genoss. Aber erstens genierte ich mich, und zweitens brauste ich mit hohem Tempo vorbei, weil ich es eilig hatte. Deshalb muss jetzt der Buddha aus Pitsanulok als Sinnbild herhalten. Foto: Klaus Nissen

Am Donnerstag hatte ich zwei wichtige, aufeinander folgende Termine in Büdingen und Rockenberg. Weil die Sonne schien, reaktivierte ich die alte Yamaha. Der massige Dreizylinder mag aber keine hohen Temperaturen, und das Stop-and-Go in Büdingen-City erst recht nicht. Er weigerte sich, nach dem Termin wieder anzuspringen. Und während die zweite Verabredung immer näher rückte, musste ich durch die schöne Altstadt spazieren. So ein Mist! Als die Karre endlich wieder lief, heizte ich durch die östliche Wetterau. In Selters bekam ich die Quittung – der Motor ging einfach aus. Ich tobte schwitzend auf dem Kickstarter herum, während auf der Bundesstraße die Autos und Motorräder vorbei glitten. Das ist frustrierend. Also gab ich auf und spazierte durchs Niddertal. Auch nicht schlecht. Der verlorene Termin stellte sich später als doch nicht so wichtig heraus.

Am Freitagmorgen nahm ich lieber Bus und Bahn. Beim Umsteigen im Koblenzer Bahnhof hatten alle es eilig – nur die Leute nicht, die gar nicht auf das nächste Fahrzeug warteten. Obdachlose, die nach einer kalten Nacht auf der Bank an der Bushaltestelle die Sonne genossen. Alkoholiker, die genüsslich mit der Bierdose in der Hand den Promillespiegel wieder einpegelten. Alte Migranten. Junge Kerle mit Kapuzen-Sweatshirts, die so aussahen, als würden sie einem aufs Maul hauen, wenn man falsch guckt. In bester Laune plauderten sie miteinander. Ich fuhr einsam weiter. Alles Loser! Warum wirkten die trotz ihrer miesen Lage genauso zufrieden wie die Sparkassen-Vorstandsfrau? Weil an diesem Morgen die Sonne schien, weil sie Gesellschaft und viel Zeit hatten. Ich muss noch mal über meine Prioritäten nachdenken.

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