Keltenwelt Glauberg

Mistel – Rätsel, Zaubertrank, Glücksbringer

Von Corinna Willführ

Obelix, ohne sie – nicht denkbar. Schließlich verdankt der legendäre Gallier seine Kraft der Tatsache, dass er in den Zaubertrank gefallen ist. Über dessen Geheimnisse wacht Miraculix in den „Asterix-Comics“ von Uderzo und Goscinny. Miraculix ist ein Druide, ein Priester der Kelten. Die Pflanze, die Obelix stark macht, ist die Mistel. Mit botanischem Namen Viscum album. In England und den USA gilt sie zu Weihnachten und Neujahr als Glücksbringer, sofern man sich unter einem ihrer Zweige an der Türschwelle küsst. Und in der Wetterau? Da beschäftigt die Pflanze aus der Familie der Santalaceae, der Sandelholzgewächse, die Archäologen. Trägt doch der Keltenfürst vom Glauberg eine Kappe mit Mistelblatt. Vielleicht.

Der Keltenfürst und die Mistel

Da die Kelten keine schriftlichen Dokumente hinterlassen haben, können Archäologen, die sich mit Stämmen aus der Latènezeit beschäftigen, nur auf Berichte über sie zurückgreifen und/oder aus Funden Interpretationen über deren Leben und Wirken vor mehr als 2000 Jahren wagen. So geschieht dies auch in der Keltenwelt am Glauberg seit der Entdeckung der Fürstenstatue vom Glauberg vor 20 Jahren. Tausende Besucher bezeugen seit 2011 ein großes Interesse an den Kelten in der Region – vor allem auch an der Sandsteinfigur des Fürsten. Eine Figur, die den Archäologen weiterhin Rätsel aufgibt. Beispielsweise mit ihrem Kopf, in dem so mancher die Mickey Mouse aus den Zeichentrickstudios von Walt Disney zu erkennen glaubt.

Die Statue des Keltenfürsten. (Foto: Keltenwelt Glauberg)

Thomas Lessig-Weller, Museumspädagoge in der Keltenwelt, kann diese Assoziation nachvollziehen, doch für den Fachmann für Ur- und Frühgeschichte deuten die „paarig stehenden Blätter“ am Kopf des Keltenfürsten darauf hin, dass es sich um ein Mistelblatt handelt. Folgt man dieser, bedeutet dies, dass „der abgebildete Mann, den Panzer, Schwert und Schild als weltlichen Herrscher ausweisen auch ein Druide, also ein Priester der Kelten gewesen sein könnte und damit noch machtvoller“, so Lessig-Weller. Denn – und damit zitiert der 48-Jährige wissenschaftliche Mitarbeiter der Keltenwelt Plinius, den Älteren (römischer Gelehrter 24 bis 79 n. Chr.): „Nichts ist den Druiden- so nennen sie ihre Magier – heiliger als die Mistel und der Baum, auf dem sie wächst, sofern es nur eine Eiche ist….. Sie (die Kelten) meinen wahrhaftig, das alles, was auf jenen Bäumen wächst, vom Himmel gesandt und ein Kennzeichen des von der Gottheit selbst erwählten Baums sein…. Sie bezeichnen die Mistel mit einem Wort ihrer Sprache als „Allheiler“.

Thomas Lessig-Weller mit der Kappe des Keltenfürsten und einem Mistelzweig. (Foto: Keltenwelt Glauberg)

Eiche, Ulme, Apfelbaum bewirten den „Donnerfuß“

Doch nicht nur die Kelten sprachen der weißbeerigen Mistel Heilkräfte zu. Auch heute noch wird sie in der alternativen Medizin eingesetzt. So sollen der „Donnerbesen“ oder der „Druidenfuß“, wie die Mistel auch genannt wird, dem Manne bei Verdauungs- und Blasenbeschwerden helfen, so sie denn auf einer Eiche gewachsen ist. Wenn sie sich auf einem Apfelbaum eingenistet hatte, könne sie selbige Malaisen bei Frauen lindern, und wenn eine Ulme ihr Wirt war, bei Lungenerkrankungen hilfreich sein.

Einen „Wirt“ braucht die Mistel in jedem Fall, ist sie doch eine Schmarotzerpflanze, die sich, verbreitet über Vögel, in den Kronen von Bäumen entwickelt. Also an einem „Platz an der Sonne“, wie der BUND Hessen auf seiner Homepage wissen lässt. Wobei sie von ihrem Wirt keine Nährstoffe abzweigt, sich wohl aber von dessen Wasser bedient. Bei den Naturschützern erfährt man auch, dass die Mistel nicht unter Naturschutz steht und für den privaten Gebrauch also in kleinen Mengen – eben für den Kuss auf der häuslichen Schwelle – geerntet werden darf. Im Bewusstsein, dass eine Mistel um 50 Zentimeter groß zu werden, 30 Jahre benötigt, sollte doch ein kleiner Zweig des „Glücksbringers“ genügen. Das gewerbsmäßige Sammeln bedarf – ähnlich wie bei Pilzen – allerdings einer Genehmigung. Auf keinen Fall darf der Baum, auf dem die Mistel wächst, beschädigt werden.

Schließlich wird eine Mistel „einigermaßen selten entdeckt und wird, wenn man sie findet, mit großer Ehrfurcht aufgesucht, und zwar vor allem am sechsten Tag nach Neumond“ (Plinius der Ältere). Wie wertvoll den Druiden die Pflanze war, zeigt auch, dass die keltischen Priester sie nur mit einer goldenen Sichel ernteten. Und da es in 2016 auch nicht am und um dem Glauberg Druiden mit einer goldenen Sichel gibt, sollte die Viscum Album zur Freude aller möglichst an vielen Bäumen (nicht nur) rund um die Keltenwelt am Glauberg erhalten bleiben, selbst wenn am 29. Dezember 2016 Vollmond ist.

Mehr über die Mistel und die „Ernährung der Kelten“ ist im kommenden Jahr ab Ende April in einer Sonderausstellung der Keltenwelt Glauberg zu erfahren.
keltenwelt-glauberg.de

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