Karl Schmidt-Rottluff

Bild und Selbstbild

von Ursula WöllRottluff1

Kann man in einem Gesicht lesen? Sicher spiegeln sich momentane Regungen wie Wut oder Freude in ihm. Aber von der Physiognomie auf die Persönlichkeit schließen, das kann verdammt schiefgehen. Schließlich gab es ja wirklich mal Heiratsschwindler. Gerade das Geheimnis, wie sich unser Ich äußert, hat KünstlerInnen seit je zu Selbstporträts angestachelt. So hat der expressionistische Maler Karl Schmidt-Rottluff an die 70 Selbstbilder hinterlassen. Sie sind nun im Museum Wiesbaden zu sehen, überdies  etliche Selbstporträts seiner Malerkollegen von Feininger bis Nolde.

Wer bin ich und wie viele?

Das Wesen eines Menschen zeigt sich leider oft nicht in seinen Zügen, denn es ist durch Erziehung und Umstände entstanden, während ihm das Gesicht in die Wiege gelegt wurde. Das altert zwar, muss aber nicht unbedingt Bildung, Neugier oder Lebenserfahrung  widerspiegeln. Was also hat eine Künstlerin wie Käthe Kollwitz getrieben, sich immer wieder selbst zu porträtieren? Wollte sie eine Art gemaltes Tagebuch ihres Lebens hinterlassen? Wollte sie sich durch den schöpferischen Prozess über sich selbst klarer werden? Denn immer wieder musste sie neu entscheiden, welche Facetten ihres Ichs ihr Gesicht prägen sollten. Genauer gesagt, ihres Ich-Ideals, das ja meist nicht ganz identisch mit dem gelebten Ich ist.. Auch Picasso gehört auf die Liste der manischen Selbstporträtierer. Ihn trieben wohl Selbstverliebtheit an, die narzistische Freude an der spielerischen Neuerfindung seiner Person.

Karl Schmidt-Rottluff fiel auf dieser Liste bisher weniger auf, weil Rottluff3nur ein einziges Mal eine Ausstellung seiner Selbstporträts organisiert wurde, nämlich 1974 von Hanna Bekker vom Rath in ihrem Frankfurter Kunstkabinett in der Braubachstraße (damals noch am Börsenplatz). Sie war Mäzenin etlicher Künstler der klassischen Moderne, so auch des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff. Während der Nazizeit stellte sie ihm ein Atelier in ihrem berühmten ‚Blauen Haus‘ in Hofheim zur Verfügung. In diesen Jahren, in denen seine Werke als ‚entartet‘ geächtet wurden, war übrigens dem Künstler die Lust vergangen, sich mit sich selbst zu befassen. Anstelle von Porträts malte er verwüstete Wälder und andere passende Symbolik.

Karl Schmidt-Rottluff war Mitbegründer der Künstlervereinigung „Brücke“ im Jahr 1905, hielt sich aber als Einzelgänger eher abseits der Gruppe um Ernst Ludwig Kirchner. Statt zum Aktzeichnen an die Moritzburger Teiche fuhr er sechs Sommer über nach Dangast zum Malen. Sein erstes Selbstporträt entstand 1906. Da war er gerade mal 22 Jahre und hatte die van Gogh-Ausstellung besucht. Dessen pastose Malweise in kräftigen Strichen faszinierte Schmidt-Rottluff so sehr, dass er sie stark imitierte. Sehr farbig wurde daher sein erstes Selbstbild und sehr aufgelöst in den Konturen, so dass sein Kopf fast mit dem Hintergrund verschmilzt. Damit wollte er wohl andeuten, dass er noch auf der Suche nach einem eigenen Stil war, noch unfertig als Person. Es fehlen die Malutensilien auf diesem Selbstbild, weil Malen noch nicht ein integraler Teil seines Lebens war.

Ganz anders fällt sein Selbstporträt „Alter Maler II“ aus, nun sind die rottluffKonturen klar umrissen. Es sind die Augen, die es so ausdrucksstark machen. Als Schmidt-Rottluff das Bild 1962 malte, war er bereits 77 Jahre alt. Er sollte noch 14 Jahre leben, aber das wusste er ja nicht. Etwas wie existentielle Furcht spricht aus seinen Augen. Sein Malarm, den er ärztlich behandeln ließ, schmerzte sicher ständig, was den verzweifelten Ausdruck verstärkt haben mag. Die Hand umfasst das Gefäß mit den Pinseln, denn Malen war zu einem Teil seiner Identität geworden. Die helle Öffnung des Raumes im Bildhintergrund ist zu klein zum Flüchten. Der Maler kann dem Alter nicht entrinnen, er erkennt sich gefangen im Strom der Zeit, auf der Einbahnstraße zum Grab hin. In der Vase stehen Früchte anstelle von Blüten, die Ernte seines Lebens wird bleiben. Aber das tröstet ihn nicht, weil er selbst gehen muss.

Im Zenit seines Lebens sind seine Selbstporträts voller Energie. 1920 malt er sich in voller Aktion, mit geneigtem Oberkörper den Pinsel schwingend, der vor die Stirn gemalt ist. Sind das nicht Brillen, sondern Klappen vor seinen Augen? Auch die beiden Pinsel in der anderen Hand werden wie in Abwehr vor sich gehalten. „Die Realität ist nur Rohstoff und wird von mir gestaltet, was Farbe und Form angeht. Ich bin kein Fotograf, sondern reduziere das Gesehene auf das mir Wesentliche“, so könnte man dieses Selbstporträt interpretieren.

Selbstbilder vielseitig interpretierbar

Man könnte……, das ist das Reizvolle daran. Wie würde ich mich interpretieren, wenn ich mich vor dem Spiegel malte? Ausstellungen mit Porträts provozieren solche Fragen. Papier ist geduldig, man kann die Dargestellten lange anstarren und dabei Vergleiche ziehen, also Gemeinsamkeiten oder Unterschiede konstruieren. Die realen Personen würden sich das verbitten, schon gar nicht so ruhig verharren. So wird die große Wiesbadener Ausstellung auch für diejenigen sehenswert, die den expressionistischen Maler Karl Schmidt-Rottluff gar nicht so besonders mögen. Und die ein paar weibliche Selbstporträts vermissen. 1906 etwa malte sich Paula Modersohn-Becker in schwangerem Zustand, wie sie beziehen viele Künstlerinnen den Körper mit ein, wenn sie sich im Porträt selbst vergewissern.

Bis 17. Januar 2016 im Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2 (montags geschlossen),

museum-wiesbaden.de

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