Eine fürstliche Bibliothek
Von Elfriede Maresch
Eine Buch-Odysee ging kürzlich zu Ende. Philipp, Fürst zu Stolberg-Wernigerode, bekam eine ganz besondere Sendung aus der Berliner Staatsbibliothek zugestellt. Mit über 20 Büchern aus dem einstigen Familienbesitz kann er die Bibliothek auf dem Gut Luisenlust ergänzen. Restituiert wurden drei Schriften aus dem 16. Jahrhundert, 17 Bände aus dem 18. Jahrhundert und vier aus dem 19. Jahrhundert, ein Themenspektrum von kirchengeschichtlichen Werken über Belletristik bis zu Veröffentlichungen über den Natur- und Kulturraum des Harzes.Bücher aus vier Jahrhunderten
Im Zuge von Forschungsprojekten und bei regulären Katalogisierungsarbeiten waren diese Bücher als ehemaliger Besitz der Stolberg-Wernigerodeschen Privatbibliothek identifiziert worden. Die Berliner Staatsbibliothek und das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen hatten den Fürsten über den Fund informiert. Einige Bände stammten aus der Universitäts- und Landesbibliothek Halle, andere waren über den antiquarischen Buchhandel zunächst in Privatbesitz übergegangen.
Fürst Philipp hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die zerstreuten Bestände so weit möglich wieder zusammenzutragen, wo nötig instand setzen zu lassen und sie in der wieder hergestellten historischen Systematik aufzustellen. 30.000 Büchern konnte er wieder zusammentragen. Der ehemalige Bibliotheksumfang mit einem Buchbestand von rund 121.000 Bänden im Juli 1928 ist nicht mehr herzustellen. Generell ist die Geschichte dieser Bibliothek ein Wechsel von Epochen des Sammelns und solchen des Verlustes durch äußere Ereignisse.

Im 16. Jahrhundert gegründet
Begründer der Anfangsbibliothek war Graf Wolf Ernst zu Stolberg (1546 bis 1606), der die zeitüblichen Druckfahnen auf charakteristische Weise binden ließ und mit 4.000 Bänden eine ungewöhnlich große Privatbibliothek vererbte. Nicht alle Nachfahren waren gleichermaßen Bücherfreunde, die Wirren des 30-jährigen Krieges kamen dazu und so blieb nicht die gesamte Bibliothek erhalten. Eine neue Entwicklung begann unter dem 1691 in Gedern geborenen Grafen Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode, vom Pietismus geprägt, der seine Sammlungen 1746 zur öffentlichen Bibliothek erklärte, 30.000 Bände mit den Schwerpunkten Bibeln, theologische Werke und Sammlungen geistlicher Lieder zusammentrug und sie zum nicht verkäuflichen Fideikomissgut bestimmte. Seine Sohn Henrich Ernst pflegte die Bibliothek in diesem Sinne weiter. Im Geist dieses frühen Pietismus sollten solche Bibliotheken mit ihrem Wissenskosmos zu einem „Lebenswandel in Gott“ beitragen. Eine drehbare Katalogauslegemaschine aus jener Epoche gehört zu den Beständen in Luisenlust, eine von nur noch 15 Exemplaren weltweit.
Nach 1850 wurde die Bibliothek nach der Systematik des Bibliothekars Ernst Förstemann neu geordnet und in einem Katalog erfasst. Das Hausgesetz von 1878 erklärte die Büchersammlung zum unveräußerlichen Stammgut. Mit den Wirtschaftskrisen nach 1920 gab es Einschnitte: Bestände wurden über Antiquare an staatliche Bibliotheken in In- und Ausland verkauft. Über 90.000 Bände blieben und wurden in den 1930-er Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
50.000 Bände gingen nach Moskau
1945 schlug auch die „Stunde Null“ der Fürst zu Stolberg-Wernigerodeschen Bibliothek. In der damaligen sowjetischen Besatzungszone durchkämmten Trophäenkommissionen der sowjetischen Truppen kulturelle Einrichtungen und wurden eher zufällig auf die Stolberg´schen Sammlungen aufmerksam – die Magdeburger Universitätsbibliothek war auch nach Wernigerode ausgelagert. Pfleglicher Umgang mit Büchern war in all der Nachkriegsnot nicht zu erwarten. Fürst Philipp erzählt haarsträubende Geschichten vom Abtransport auf offenen Lastwagen, die bei Regen in Bombentrichtern steckenblieben und umgeräumt werden mussten. Etwa 50.000 Bände kamen unter solchen Umständen und Irrwegen nach Moskau. Sie wurden 1998 per Duma-Gesetz zum Eigentum des russischen Staates erklärt. Eine Rückgabe ist damit vorerst so gut wie ausgeschlossen. Im Zuge der Bodenreform wurden alle Liegenschaften der Familie Stolberg in der sowjetischen Besatzungszone enteignet, auch mobile Kulturgüter wie die Restbibliothek gehörten dazu. Nach der Wende setzte sich Fürst Philipp verstärkt für den Wiederaufbau der Bibliothek ein. „Zur Restitution gehört viel Eigeninitiative“ sagt er: „So das Stellen von Anträgen, der Eigentumsnachweis ist aufgrund des im Zuge der entschädigungslosen Enteignung in der sowjetischen Besatzungszone verlorengegangenen Katalogs schwierig. Oft ist die Zuordnung nur anhand von Ex Libris, Signaturschildern oder Bleistifteinträgen in den Büchern möglich. Die Suche nach den in den antiquarischen Buchhandel gelangten Büchern kommt noch dazu.“
Anspruchsvoll ist auch die rein physische Erhaltung der teils Jahrhunderte alten Bücher. In der Bibliothek wird eine Raumtemperatur von ca. 18 Grad eingehalten, Schwankungen werden vermieden. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei 50 Prozent, eine Stunde pro Tag wird die Luft bewegt und durch Filter in den Anlagen gereinigt. Schimmel und Staub sind gefährliche Feinde historischer Bestände. Der Fürst hat sich der Luftzirkulation wegen für Drahtgeflecht-Füllung der Bücherschranktüren entschieden.
Eine Bildungseinrichtung
Die Präsenzbibliothek ist heute wie bereits vor ihrer Schließung 1939 eine Bildungseinrichtung. Nach Voranmeldung ist sie der interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Fürst Philipp: „Ich bin glücklich darüber, dass durch die Aufnahme in den Verbundkatalog K10plus, einen Online Public Access Catalogue (OPAC), weltweit ausführliche Einsicht in die Bibliotheksbestände genommen werden kann. Forschende kamen schon aus Los Angeles, aus Bologna, aus Norwegen nach Hirzenhain.“

Die Bibliothek hat eine eigene, reizvolle Atmosphäre und Blickfänge besonderer Art. Dem Raum sieht niemand mehr den ehemaligen Kuhstall von 1721 an. Jetzt bietet sich ein heller lang gestreckter Saal mit Gusseisensäulen, Familienbildern, Wappen, langen Reihen von Bücherschränken an der einen Seite. Sammlerstücke einer „Wunderkammer“ im Sinn der Renaissance mit Naturalien und Artefakten in edlen Intarsienmöbeln finden sich auf der anderen Seite, dazu eine Galakutsche in der Saaltiefe, ein Unterkieferknochen eines Grönlandwals im Vordergrund. Der Saal wird gern für standesamtliche Trauungen, Jubiläen und ähnliches gemietet.
Titelbild: Im Magazin zeigt Fürst Philipp zu Stolberg-Wernigerode einen Teil der restituierten Bücher vor der Einordnung.