Goethe was here

Eine  Ballnacht in Volpertshausen mit Folgen

von Ursula Wöllgoethe6

Der Hüttenberg ist eher bekannt als Heimat des Handkäses denn als Wiege von Weltliteratur. Das muss sich ändern, sagte sich der Heimatkundliche Verein von Volpertshausen  und renovierte das stattliche Giebelhaus, in dem der junge Goethe eine Nacht durchtanzte. Und sich natürlich verliebte. Ohne diesen Ball am 9. Juni 1772 wären „Die Leiden des jungen Werther“ wohl kaum entstanden, so Werner Ludwig in seinem Buch über das ‚Goethehaus in  Volpertshausen‘. Im Ballsaal findet heute Kultur statt, etwa am 8. November eine Lesung von Heine-Gedichten.

Ein Ballsaal in der Pampa?

Hüttenberg-Volpertshausen ist  ein kleiner Ort inmitten reizvoller Natur. Das große Giebelhaus mit seinem wundervollen Fachwerk stand zu Goethes Zeiten noch am Rand, heute jedoch in der Mitte des Dorfes. Es ist ziemlich genau 300 Jahre alt, der Landgraf von Nassau-Weilburg ließ es 1720 für sein Plaisier errichten. Es diente ihm als Jagdhaus, in dem er von Zeit zu Zeit seine Jagdgesellschaften bewirtete und unterbrachte. Neben dem großen Saal im ersten Stock gab es eine Wohnung für den Oberförster und seine Familie. Zu dessen Aufgaben gehörte es, den Wilddieben das Handwerk zu legen. Die Herren allein hatten das Jagdprivileg, basta.

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Das Goethehaus in Volpertshausen. (Foto: Ursula Wöll)

Im Hessischen Landboten haben Büchner und Weidig beschrieben, wie elend es der ländlichen Bevölkerung ging. Ihre Flugschrift entstand 1835, aber Jahrzehnte zuvor waren die Verhältnisse nicht besser. Selbst der Oberförster verdiente zu wenig, um seine Familie zu ernähren. Er betrieb deshalb nebenbei Landwirtschaft. Es wundert da nicht, wenn die verarmten Bauern  zu Wilddieben wurden, um auch einmal Fleisch auf den Tisch zu bringen. Und auch um den Wildverbiss auf ihren Äckern zu mindern. Die Abgaben waren hoch, der Schweiß der Hüttenberger war – frei nach Büchner/Weidig – das Salz auf dem Tische des Grafen von Nassau-Weilburg. Und Schweiß floss reichlich beim Bau des großen Hauses, an dem wir heute unsere Freude haben. Sicher mussten Spanndienste geleistet werden, denn das Holz für Scheuer und Ställe hinter dem großen Hof kam aus Weilburg.

Handkuss unter Glückstränen

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Lotte und Wolfgang

In diesem Jagdhaus amüsierte sich Goethe in einer warmen Juninacht. Erst 23 Jahre alt, war  er noch ein nobody, der nur durch Witz, Einfälle und unkonventionelles Verhalten brillierte. Seit Mai 1772 war er Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar, dem begüterten Vater in Frankfurt zuliebe. Aber der Sohn war weniger für die „Brotwissenschaften“, er erkundete statt der Akten die romantische Natur. Oft wanderte er nach Garbenheim, einem heute eingemeindeten Dorf nahe Wetzlar, das als Wahlheim in den „Leiden des jungen Werthers“ auftaucht. Als seine Großtante, die Hofrätin Lange, das Volpertshausener Jagdhaus für einen Ball von 25 jungen Leuten mietete, traf es Goethe schon in der Kutsche. Zufällig saß darin die Tochter des Amtmannes, Charlotte Buff, und zwar im weißen Ballkleid mit rosa Schleifen. Die etwa 12 Kilometer von Wetzlar nach Volpertshausen reichten, um dem späteren Dichterfürsten den Kopf zu verdrehen, die zwei weiteren mitreisenden Damen hatten da keine Chance. Wer wissen will, was sich in dem Ballsaal vor, während und nach dem Gewitter so tat, lese bitte unter   www.gutenberg.spiegel.de/buch/die-leiden-des-jungen-werther-3636/1 .

Dichtung und Wahrheit

Im Werther-Briefroman hat die helläugige ‚Lotte‘ schwarze Augen. Es waren die Augen der Maximiliane, der späteren  Mutter der Bettina  Brentano. Im September 1772 bereits verließ Goethe Wetzlar und  wanderte über Koblenz nach Hause. In Koblenz besuchte er die damals berühmte Schriftstellerin Sophie LaRoche, deren Tochter Maximiliane Eindruck auf den leicht Entflammbaren machte. Aber wie Lotte bereits an Kestner ‚vergeben‘ war, so die Maxe an den Kaufmann Brentano. Da blieb nur, in Frankfurt die Wetzlarer Zeit literarisch zu verarbeiten. Nachdem sich der Kollege Jerusalem dort erschossen hatte, entstand 1774 in nur drei Monaten der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“. Er machte Goethe berühmt. Ohne die Ballnacht in dem großen Giebelhaus gäbe es diesen Briefroman nicht.

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Die Renovierung 1991

Das  Haus war lange Dorfschule, heute ist außer dem Ballsaal ein Heimatmuseum zu besichtigen. Es zeigt unter anderem die Herstellung von Handkäse, denn auch das ist ja Kultur.

Am Sonntag, dem 8. November, findet um 17 Uhr eine weitere Veranstaltung der Reihe ‚Klassik mal anders‘ statt. Im Ballsaal rezitiert Sibylle Kuhne Gedichte von Heinrich Heine, unterstützt von einem Akkordeon-Duo. Karten für 12,50 gibt es bei der Hüttenberger Gemeindeverwaltung in Rechtenbach.

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