Pilz und Käfer leisten ganze Arbeit
Von Klaus Nissen
Etliche Spaziergänger genossen im Januar 2026 die Wintersonne bei Spaziergängen durch den Stadtwald von Karben. Die traurige Nachricht lautet: Kommenden Sommer wird es hier an manchen Stellen sonnig bleiben. Denn der Wald hat noch mehr Lichtungen bekommen. Der krummzähnige Tannenborkenkäfer und der Rußrindenpilz Cryptostroma corticale gaben den geschwächen Bäumen den Rest.Wald besteht nur noch aus wenigen Bäumen
Es sind nur ein paar Schritte vom Parkplatz des Trimm-Dich-Pfades an der Straße von Groß-Karben nach Heldenbergen. Links vom Waldhohlweg ist der Wald beinahe verschwunden. Nur vereinzelt stehen kerzengerade, hohe Küstentannen auf der Anhöhe. „Vor drei Jahren war hier noch ein geschlossener Bestand“, sagt Revierförster Eckhard Richter.

Doch dann machte sich der krummzähnige Tannenborkenkäfer über die Nadelbäume her. „Es ist ein Mysterium“, wundert sich der Forstmann. „Wie hat er den Bestand gefunden?“ Denn der metallicbraun glänzende Verwandte des gemeinen Borkenkäfers platziert seinen Nachwuchs eher im Schwarzwald und anderen weit entfernten Gegenden zwischen Baum und Borke.
Förster: „Dagegen kann man nichts machen“
Es ist passiert. Die Käfer fraßen ihre Gänge in das Holz der von mehreren Trockenjahren geschwächten Bäume. Sie begannen abzusterben. „Dagegen kann man nichts machen“, meint der seit drei Jahrzehnten im Karbener Wald aktive Förster. „Wir haben die Tannen gefällt“. Im Auftrag der Stadt stapelten die Waldarbeiter vom Landesbetrieb Hessenforst die Stämme am Waldweg und verkauften sie ans Sägewerk.

Die noch stehenden Küstentannen werden auch bald verschwinden, prophezeit Eckhard Richter. „Am Ende des Sommers stehen hier keine Bäume mehr.“ Denn wenn sie allein stehen, fallen die Tannen leicht um. Ihr Wurzelwerk ist zu klein.
Und nun? Die allgegenwärtigen Brombeer-Ranken wachsen auf der hektargroßen Halblichtung noch besser als rundherum. Der Revierförster sagt: „Wir warten erstmal ab, was von alleine nachkommt.“ Kaum sichtbar schieben einige junge Bergahorn-Bäumchen und Küstentannen ihre dünnen Stämmchen durch den Brombeer-Teppich. Vielleicht schaffen sie es, groß zu werden. Falls nicht, muss man nachpflanzen – und das ist teuer. Auf einen Hektar passen gut 4000 Jung-Bäumchen zu je einem Euro. Das Pflanzen kostet pro Stück mindestens 50 Cent. Vorher muss der Waldboden gemulcht und nach dem Pflanzen drei Jahre lang freigehalten werden. Das kostet laut Richter je tausend Euro. Dann sind noch 400 Meter Wildschutzzaun zu ziehen – macht weitere 3500 Euro.
Rußrinden-Pilz befällt den Bergahorn
Ein Stück weiter nördlich schließt sich die nächste Lichtung an. Hier haben die Waldarbeiter auf 14000 Quadratmeter die Bergahorn-Bäume komplett abgesägt. Sie hatten die Rußrindenkrankheit, so Richter. Man erkenne sie früh an den Wasser-Reisern – schnurgerade Triebe, die am glatten Stamm nach oben wachsen. Der Förster wollte nicht warten, bis sich die Rinde ablöst und dahinter die schwarze Sporenbelag des Pilzes sichtbar wird. „Die Bäume sind dann brüchig und kaum noch aus dem Wald zu holen. Deswegen haben wir schnell gehandelt.“

Die Neubepflanzung erfolgte hier schnell, weil sie zu 85 Prozent vom Staat bezuschusst wurde. Nun stehen hier je 400 junge Wildbirnen, Elsbeeren, Flatterulmen und Winterlinden. Außerdem 1100 Spitzahorn-Bäumchen und 5500 junge Stieleichen. Und am Rande der Lichtung einige Walnuss- und Esskastanien.
Es gibt zu viele Rehe im Wald
Rundherum zieht sich ein brusthoher Zaun aus Maschendraht. Er soll die Rehe von den leckeren Knospen fernhalten. Leider sei der Zaun notwendig, sagt Förster Richter, weil auch im Karbener Wald zu viel Wild unterwegs sei. Viele Jagdpächter hätten offenbar Schwierigkeiten, die Population in Grenzen zu halten. Für Rehe sei die Gegend ideal: Es gibt viel zu fressen, und sie haben sowohl Versteck-Möglichkeiten als auch genug Fernsicht, um bei Gefahr fliehen zu können. Interessant findet Richter die Initiative der Stadt Gießen, die das Rot- und Schwarzwild im vorigen Jahr von Drohnen zählen ließ. Dort, wo mehr als zehn bis 15 Rehe pro hundert Hektar äsen, wird der Vertrag mit dem jeweiligen Jagdpächter beendet.
Der Karbener Stadtwald
Genau 234,6 Hektar oder 2,34 Millionen Quadratmeter Wald besitzt die Stadt Karben. Dazu gehört ein Gehölz bei Petterweil und das größere Areal im Osten auf dem Höhenzug zwischen Ilbenstadt und Groß-Karben. Letzteres wird durch die Kreisstraße 246 in eine nördliche und eine südliche Hälfte geteilt.

Mit der Bewirtschaftung ihres Waldes hat die Stadt den Landesbetrieb Hessenforst beauftragt. Revierförster Eckhard Richter (62) koordiniert Fällungen und Pflanzungen. Er ist auch für die kommunalen Wälder zwischen Wölfersheim und Bad Vilbel zuständig – insgesamt rund 1600 Hektar.
Der Zustand des Karbener Waldes ist wie in anderen Forsten bedenklich. Der Klimawandel mit seinen trockenen Sommern versetzt viele Bäume in Trockenstress. Das erleichtert es Schädlingen, die Pflanzen zu befallen. Dagegen gibt es kein Patentrezept. Fichten-Monokulturen werden durch Mischwald ersetzt. Für Aufforstungen investiert die Stadt bis 2029 jährlich 20 000 Euro. Die Erlöse aus dem Holzverkauf werden komplett wieder in den Wald investiert, heißt es im Rathaus. Die Preise für Holzstämme sind in den letzten Jahren aber gesunken. Zeitweise bekam man nur noch 20 Euro für einen Festmeter Holz, berichtet Revierförster Eckhard Richter. In Dürrejahren nahmen die Sägewerke kaum noch Stämme an. Weil die meisten Hölzer in den Poltern an den Waldwegen nach einem Jahr zu verrotten beginnen, habe man die Stämme zeitweise häckseln müssen. Förster Richter: „Das ist, als ob man ein neues Auto in die Schrottpresse steckt.“
Zehn Prozent ihres Waldes hat die Stadt nach eigenen Angaben stillgelegt. Dort werden keine Bäume mehr gefällt – beispielsweise in der Abteilung 26 an der Grillhütte östlich von Groß-Karben. Mit der Stillegung der Waldareale kann die Stadt Ökopunkte selber nutzen oder verkaufen, um die Bodenversiegelung bei Baumaßnahmen im Stadtgebiet auszugleichen.