NS-Täter

Weg waren sie nie

Von Detlef Sundermann

Es geht um dunkle Familiengeheimnisse, die nicht selten wie bleierne Wolken über verwandtschaftliche Beziehungen lagen. Manche Großeltern oder Eltern zogen es vor, bis ins Grab eisern zu schweigen. „Die Nazis waren ja nicht einfach weg“ ist der Titel einer Ausstellung, die im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehn ist. In der Schau mit acht Stationen aus Text-, Bild und Audiodokumentationen wird den Fragen nachgegangen, was damals vor 80 Jahren passiert ist und warum es in vielen Fällen so lange gedauert hat, bis die Leute darüber erzählt haben, nicht zuletzt in ihrer eigenen Familie.

Schüler wirkten an der Ausstellung mit

Die Besonderheit der nicht nur für Jugendliche konzipierten Ausstellung liegt auch in ihren Machern: Schüler aus Bayern, Hessen, Thüringen und Berlin wirkten mit, darunter die Frankfurt Max-Beckmann-Schule. Die Leitung der Ausstellung, die zuvor in Berlin gastierte, liegt beim Schulmuseum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Karl Hoffmann schrieb von der Ostfront an seine Mutter herzzerreißende Briefe. Ein offensichtlich überaus guter Sohn. Das bezeugen die sorgfältig von der Mutter in ein Buch gelegten Briefe, die er bis zu seinem Soldatentot 1944 nach Hause schickte. Es gab aber auch einen anderen Karl, der als Panzerfahrer wohl kein Erbarmen gegenüber Menschen kannte. Er habe Dörfer verwüstet und die Bewohner gemordet, so Mathias Rösch, Kurator der Ausstellung und Leiter des Schulmuseums. Karls Mutter hatte vor ihrem Tod dem Museum 1982 das dicke Buch mit den Briefen und Fotografien vermacht, damit das Familiengeheimnis keines mehr bleibt.

Gesammelte Briefe und Fotos des Panzerfahrers Karl Hoffmann an seien Mutter.

An einer anderen Station der Ausstellung berichtet ein Enkel über die grausame Vergangenheit seines Opas: „Geahnt haben wir nichts davon. Er war halt einfach ein Polizist in Polen“. Allerdings war dieser Mann, der bei Heimatbesuchen seinen beiden Enkeln stets ein neues Plüschtier aus seinem Mantel als Geschenk zog, offenbar im Dienst ein Monster, das mit für die Ermordung von tausenden polnischen Juden verantwortlich gewesen seien soll. Rösch berichtet von den Gesprächen mit den Nachkommen, dass die Geschehnisse immer wieder in Vergessenheit geraten seien. Rösch erklärt dies damit, dass der „Kopf solche Erinnerungen blockiert“.

Mathias Rösch, Kurator und Leiter des Schulmuseums in Nürnberg.

Das Schweigen über die Untaten

Die bewusste Blockade habe in den 1950er Jahren zu einem Erstarren, zu einem Schweigen über die gar nicht lange zurückliegende Geschichte geführt. „Über die persönliche Verantwortung wurde nicht geredet“, so Rösch. Und dies nicht nur im Familien- oder Freundeskreis. Es sei Teil der Geschichte, dass hochrangige Nazis für den Wiederaufbau des Staates benötigt wurden, so Rösch. Außerdem hätte eine Vielzahl an NS-Verbrecher-Prozessen unmittelbar nach Kriegsende die Staatsbildung gelähmt.

Die Wanderausstellung ruft unter dem Thema „Beruflicher Neuanfang“ in Erinnerung, dass der Rheinland-Pfälzische Polizeipräsident Georg Heuser im Dritten Reich in der Uniform eines SS-Hauptsturmführer steckte und an der Ermordung von mehr als 11.000 Juden beteiligt war. Nach 1945 habe Heuser gegen NS-Verbrecher ermitteln müssen. Seine monströse Vergangenheit kam erst 1963 vor Gericht, das ein mildes Urteil sprach: 15 Jahre Gefängnis von denen er nur sechs Jahre absitzen musste.

Ein anderes Beispiel ist der ehemalige Baden-Württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger. Ihm wurde eine erhebliche Mittäterschaft in der Hitler-Diktatur erst im Jahr 1978 zur Last gelegt. Als Marinerichter beantragte oder fällte er vier Todesurteile. Filbinger versuchte sich bis zu seinem Tod zu rehabilitieren. In seiner Biografie soll er sich als Vertreter einer „verschmähten Generation“ tituliert haben.

Einer der Nazi-Jäger: Der damals junge Jurist Fritz Bauer setzte sich vehement dafür ein, dass etwa die Auschwitz-Täter 1963 in Frankfurt vor Gericht kamen. Es war der erste Auschwitz-Prozess in Westdeutschland. (Fotos: Detlef Sundermann)
Vermittlung von Medienkompetenz

Auf den ersten Blick scheint die Ausstellung im Museum für Kommunikation deplatziert. Aber Direktorin Annabelle Hornung erklärt: „Die Vermittlung von Medienkompetenz ist Demokratieförderung. Daher gehört diese Ausstellung zu uns.“ Die acht Stationen zeigten das Thema unter einer „besonderen Perspektive“. Hornung: „Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir uns erinnern wollen.“ In der schon begonnen Ära der Künstlichen Intelligenz nehme die Zahl der KI-generierten Fake-Fotografien stetig zu, die angeblich Szene aus dem Dritten Reich oder aus den Konzentrationslagern zeigten. „Die echte Arbeit der Gedenkstätten wird dadurch verschwinden“, befürchtet Hornung. „Nur wer die die Prozesse und die Strukturen von damals versteht, kann die heutige Entwicklung einordnen.“

Laut Rösch hänge die „Wertekultur mit der Erinnerungskultur“ zusammen. Wenn letztere wegfalle könne es für eine Gesellschaft „hoch gefährlich“ werden. Dann öffne sich „der Raum für die Schönredner“. Rösch betont: „Schule ist ein völlig verkannter Motor“, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Denn die Jugendlichen streuen das Wissen laut Rösch in die Familien und später in alle Berufe.

„Die Nazis waren ja nicht einfach weg: Vom Umgang mit dem Nationalsozialismus in Deutschland seit 1945“, Museum für Kommunikation Frankfurt, Schaumainkai 53. Die Wanderausstellung ist bis 26. Juli zu sehen. Öffnungszeiten und Rahmenprogramm zur Ausstellung unter: www.mfk-frankfurt.de/nazis-nach-1945-ausstellung/

Recherche-Info: Die sogenannte Kriegsstammrolle enthält die Personalakten der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg. Sie wurde bei Kriegsbeginn für jede Einheit angelegt und enthält detaillierte Informationen über jeden Soldaten, persönliche Daten, Verwandtschaftsverhältnissen oder Einsätze und Auszeichnungen. Die Daten werden heute vom Bundesarchiv verwaltet. Dort können auch Rechercheanträge gestellt werden. www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/personen-und-familienforschung/personenbezogene-unterlagen-militaerischer-herkunft/

Titelbild: Blick in die Ausstellung. Die Tafel zeigt NS-Täter, sie später wieder im prominenten Dienst des Staates waren, oft ohne dass ihre Vergangenheit zuvor beleuchtet wurde.

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