Die Bauruine bleibt stehen
Von Klaus Nissen
Was wird aus der seit fünf Jahren verwaisten Amazon-Großbaustelle an der B455 in Grund-Schwalheim bei Echzell im Wetteraukreis? Das Projekt ist gescheitert. Nun beginnt die politische Debatte, ob die Bauruine beseitigt wird. Vorerst kommt kein Abräumkommando.Amazon-Bauruine bald Thema im Kreistag
Eine lange, an den Seiten offene Halle und zwei hohe Treppentürme aus Beton verwittern seit 2021 von Disteln flankiert auf dem Vier-Hektar-Grundstück am Rande von Grund-Schwalheim. Der zu 70 Prozent fertige Bau wird niemals wie geplant als Verteilzentrum des Logistikkonzerns Amazon dienen. Amazon hat sich zurückgezogen und streitet mit dem Bauträger, wer die bisher ausgegebenen 23 Millionen Euro für das gescheiterte Projekt zu zahlen hat.
Was nun? Wird das weithin sichtbare Bau-Debakel nun für einen anderen Verwendungszweck ertüchtigt? Wird es abgerissen? Oder bleibt es stehen, bis der Beton zerbröselt?
Investoren hüllen sich in Schweigen
Mareike Schlegel könnte am besten eine Antwort liefern. Sie ist Sprecherin Garbe Industrial Real Estate GmbH, deren Tochterfirma „96. Logimac“ das Verteilzentrum gebaut hat. Auf Anfrage schreibt sie aus Hamburg: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns derzeit zu dem Sachverhalt nicht äußern möchten.“
Am 23. Mai gab es vor dem Gießener Landgericht ein Treffen von Garbe-Vertretern mit Amazon-Gesandten. Da ging es aber nur um die Kostenverteilung – nicht um die Zukunft es exponierten Geländes neben dem früheren Limes-Kleinkastell „Alte Burg“ an der Straße von Bisses nach Unter-Widdersheim. Die Aufteilung der Baukosten bleibt strittig. Nach zwei Vertagungen soll das Landgericht im August entscheiden.
Müssen wir nun für alle Zeiten mit dem Anblick der Bauruine leben? Die Grünen-Kreistagsfraktion sucht eine Antwort aufdiese Frage. Sie stellte Ende Juni eine förmliche Anfrage an die Kreisverwaltung. Die muss nach der Sommerpause vor dem Kreistag erklären, ob die Baugenehmigung eine Rückbauklausel enthält. Und was der Landkreis tun will und kann, damit es nicht „bei der Perspektive eines zu 70 Prozent fertigen und vor sich hin rottenden Gebäudes auf dem Areal bleibt“. So formulieren es die Grünen-Fraktionssprecher Isil Yönter und Michael Rückl.
Kreis: Keine Rückbaupflicht
Nachgefragt bei der Kreis-Pressesprecherin Deliah Werkmeister: Wie steht es um die Amazon-Ruine? Der Kreis habe den Bau genehmigt, antwortet sie. „Es gibt daher im Rahmen der Baugenehmigung keine Rückbauverpflichtung. Der Bauherr muss jedoch dafür sorgen, dass von dem Bauwerk/Bauruine keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht.“
Die Baugenehmigung war umstritten. Von Anfang an ging der Bund für Umwelt und Naturschutz gerichtlich dagegen vor. Die große Halle und ihre geplante Beleuchtung würden den benachbarte Zugvogel-Rastplatz in der Horloffaue beeinträchtigen, schrieb der Umweltverband ans Gericht. Erst ab dem vergangenen Frühjahr galt das Projekt nach der Vorlage einer nachgebesserten Umweltverträglichkeitsprüfung als rechtsssicher genehmigt. Da war es schon längst abgeblasen.
Gemeinde Echzell kann Rückbau verlangen
Die Bauruine steht in der Gemarkung der Gemeinde Echzell. Die müsse sich für einen Abriss engagieren und künftig lieber kleinere Gewerbeprojekte vorantreiben, so die Echzeller Grünen-Sprecherin Christa Degkwitz. Der scheidende Bürgermeister Wilfried Mogk meint auf Anfrage, zunächst müsse man abwarten, wie sich der Bauträger und Amazon einigen. Bis September hoffe er, Klarheit zu haben. Und: „Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, dass eine Rückbauverpflichtung bei Projekten dieser Größenordnung fester Betragsbestandteil werden sollte.“
Die gibt es für Grund-Schwalheim bislang nicht. Das lässt sich aber ändern. Wilfried Mogk kann das Problem zum 1. November an seinen Amtsnachfolger Raik Noll weitergeben. Der CDU-Politiker wird dann im Baugesetzbuch vielleicht den Paragraphen 179 entdecken. Dort steht: „Die Gemeinde kann den Eigentümer verpflichten zu dulden, dass eine bauliche Anlage ganz oder teilweise beseitigt wird“, wenn sie Missstände oder Mängel aufweise. Zu klären wäre dann noch, wer die sicher nicht geringen Rückbau- und Entsiegelungskosten tragen müsste.
Das wird sicher eine Weile dauern. So werden wohl täglich tausende Autofahrer noch jahrelang beim Pendeln zwischen Nidda und Wölfersheim der mächtigen Bauruine beim langsamen Verfall zusehen müssen.