US-Nationalfeiertag 4. Juli

In Memorian The Hessiansvierterjuli

 von Ursula Wöll

Am 4. Juli 1776 beschlossen die 13 Kolonien der Ostküste ihre Unabhängigkeit von England. Ein jahrelanger Krieg schloss sich an, denn die Engländer gaben ihre lukrativen Überseegebiete nicht so einfach auf. Auf ihrer Seite mussten zigtausende deutsche Soldaten kämpfen, die von ihren absolutistischen Landesherren an Georg III. „verkauft“ worden waren. Die meisten kamen aus Hessen. Sie sind weitgehend vergessen, daher soll an diese armen Kerle erinnert werden.

Beginn einer neuen Zeit

Die Unabhängigkeitserklärung ist ein wunderbares Dokument, das den Beginn einer neuen Zeit ankündigt. Zum erstenmal wurden die Menschenrechte schriftlich fixiert und erhielten Gesetzeskraft. So ist in der Präambel die Rede von der Gleichheit aller Menschen und ihrem Recht auf Leben, Freiheit und Glückseligkeit. (Doch wie so oft, klaffte zwischen Theorie und Praxis ein Riss. Selbst der Verfasser des Textes, Thomas Jefferson, hielt auf seinem Besitz  „Monticello“ weiter Sklaven,  wie auch Washington seine Plantage „Mount Vernon“ mit  Sklaven bewirtschaftete.) Die Engländer hatten nicht genug Soldaten, um den Status quo aufrecht zu halten. Sie wandten sich an die deutschen absolutistischen Herrscher, die prunksüchtig über ihre Verhältnisse lebten und hoch verschuldet waren, obwohl sie die Untertanen bereits auspressten wie eine Zitrone. Man kann das gut 50 Jahre später, 1834, im Hessischen Landboten nachlesen.

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Johann Gottfried Seume

Der Dichter Johann Gottfried Seume war einer der Unglücklichen, für die Landgraf Friedrich von Hessen-Kassel Subsidienverträge abschloss und kassierte. Er wurde in Vacha, also sogar außerhalb der hessischen Landesgrenzen, von Werbern des Kasseler Landgrafen eingefangen, nach der Festung Ziegenhain gebracht und die Weser hinunter entführt. „Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt“, schreibt Seume später in „Mein Leben“. Die Atlantiküberquerung seines Seglers dauerte 22 Wochen! Das war keine lustige Kreuzfahrt, denn „in den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet und gepökelt wie die Heringe“. Die Lager unter Deck waren übereinander geschichtet, so dass man nicht einmal aufrecht in ihnen sitzen vermochte. Je sechs Mann teilten sich eines, so dass sie sich nicht einmal auf den Rücken drehen konnten. Alle mussten sich zugleich umwenden, wenn der seitliche Mann „umdrehen“ rief. Die Soldaten erhielten, wenn überhaupt, nur gesalzenes (gepökeltes) Fleisch.

Die Generale hatten Milchkühe an Bord

Ihre Generale dagegen reisten komfortabel. Der in Lauterbach vierterjuli1geborene Adolph Friedrich Riedesel Freiherr zu Eisenbach hatte Frau und Kinder nachkommen lassen. Bei der Rückreise der Familie waren sogar Milchkühe an Bord: „Eine unserer Kühe wurde von einem der heftigen Stöße, die das Schiff bekam, aus der Hängematte, in welcher sie aufgehangen war, herausgeworfen und davon so zugerichtet, dass wir sie abschlachten lassen mussten“, schreibt Friederike von Riedesel in ihren Memoiren. Eine mutige Frau, nur dass sie leider auf der falschen Seite war und das nicht im mindesten reflektierte.

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Hessen im Jahr 1789

Man schätzt, dass England etwa ein Drittel seiner gesamten in Amerika kämpfenden Truppen aus Deutschland rekrutierte, insgesamt etwa 35 000 Mann. Die verschuldeten absolutistischen Herrscher vermieteten sie an George III, um weiter in Luxus leben zu können. Landgraf Friedrich II von Hessen-Kassel schloss die meisten Subsidienverträge ab, und zwar ‚verlieh‘ er 17 000 Soldaten. Das Braunschweiger Herrscherhaus lieferte 4 300 Mann und erhielt für sie 2 Millionen Taler (zum Vergleich: Lessing erhielt als Bibliothekar in Wolfenbüttel jährlich 200 Taler). Das relativ kleine Hanau lieferte insgesamt 2 400 Soldaten, obwohl die gesamte Grafschaft Hanau 1775 nur 11 500  Einwohner hatte. Die Hanauer Kontingente wurden über den Rhein, Holland und Porthmouth zum und über den Atlantik verschifft. Schließlich lieferten auch die Herrscher von Ansbach-Bayreuth und von Anhalt-Zerbst je 1 000 Mann. Sogar im waldeck’schen Arolsen war Englands Unterhändler erfolgreich.

Weniger als die Hälfte der Soldaten kehrte zurück

Von den gesamten 35 000 Soldaten erreichten höchstens 60 % wieder die Heimat. Etwa 5 000 konnten desertieren und mindestens 8 000 verloren ihr Leben. Viele der Heimkehrenden werden verstümmelt gewesen sein. Man kümmerte sich noch wenig um die Verwundeten, die entsetzlich litten und erst am Morgen nach einer Schlacht aufgesammelt wurden. Henri Dunant sah noch 1859 auf dem Schlachtfeld von Solferino dieses Elend und gründete das Rote Kreuz, das sich um Verletzte beider Kriegsparteien kümmert. Das vom Erbprinzen Wilhelm erbaute Wilhelmsbad bei Hanau, an dem wir uns heute erfreuen, ist buchstäblich auf den Knochen dieser verschifften Soldaten erbaut.

Sie waren für ihre skrupellosen Herrscher keine Landeskinder, sondern lediglich gewinnbringende Faktoren. Der Hanauer Erbprinz widmet ihnen in seinem umfangreichen Tagebuch gerademal einige Sätze. So mit Datum 22. September 1783, als drei Kompanien aus Amerika zurück in Steinau eintrafen. „Sie zählten kaum ein Viertel ihrer erforderlichen Stärke“, schreibt er kurz, um zugleich zu seinen höfischen Bällen und Dinners zurückzukehren. Diese Kompanien waren 465 Mann stark ausmarschiert. Obwohl sie in der neuen Welt nicht mehr in Kämpfe verwickelt wurden, starben 231 an Krankheiten, 45 konnten desertieren und 9 wurden von den Holländern abgeworben.

Da die einfachen Soldaten oft nicht lesen und schreiben konnten, sind bis auf Seume nur schriftliche Zeugnisse ihrer Generale erhalten. Doch diese Vorgesetzten  überschlagen sich in Ergebenheitsadressen an ihren jeweiligen Landesherrn. Keiner desertierte. Selbst für Seume spielt die Marburger Archivarin Inge Auerbach den Zwang herunter, mit dem der Dichter eingefangen wurde. Deshalb hier eine Erinnerung an die vergessenen 35000 Namenlosen, die ungefragt in den Krieg gepresst wurden. Auch wenn damals  „nur“ 8000 von ihnen starben und wir von späteren kriegerischen Katastrophen astronomisch höhere Opferzahlen kennen.. Wann wird man je verstehn?

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