Die Anbaufläche schrumpft
Von Klaus Nissen
Die Wetterau ist süß. Ihre Landwirte bauen Rüben an, aus denen eine Fabrik bei Worms jährlich rund 60 0A00 Tonnen Zucker zieht – diese Menge würde 2000 Lastzüge mit jeweils 30 Tonnen füllen. Doch die großen Zeiten der Wetterauer Zuckerrübe sind vorbei. Die Anbaufläche schrumpft, der Erzeugerpreis auch. Und die Schilf-Glasflügelzikade setzt den Rüben zu.
Auch Krankheiten setzen Zuckerrüben zu
Schon kurz vor Weihnachten endete die Wetterauer Zuckerrüben-Ernte dieses Winters. Lastwagen brachten die Erdfrüchte seit Oktober zur rund 110 Kilometer entfernten Südzucker-Fabrik in Offstein bei Worms. Mehr als 80 000 Kilo Rüben holten zuvor die Rübenroder aus jeweils einem Hektar der schweren Wetterauer Böden.

Das Gewicht der Rüben je Hektar lag in dieser Saison etwas höher als im langjährigen Mittel, berichtet Marie-Christin Mayer vom Verband der Wetterauer Zuckerrüben-Anbauer. Im Vergleich zu 2024 war die Ernte aber deutlich geringer. Der Zuckergehalt betrug diesmal zwischen 16 und 18 Prozent – etwas niedriger als im Vorjahr.
Wie viel Geld ein Landwirt für seine Rüben bekommt, ist laut Mayer noch unklar. Den Preis will der Südzucker-Konzern, an dem die Landwirte beteiligt sind, erst im Laufe des Januar 2026 bekannt geben.
Erlös um fast ein Drittel gesunken
Der Erlös für ihren Zucker wird den Bauern missfallen. Denn der EU-Marktpreis sank laut Fachdienst „DLG-Mitteilungen“ um etwa 30 Prozent auf rund 420 Euro pro Tonne. Die Verbraucher kauften laut Südzucker-Konzern im vorigen Jahr vier Prozent weniger Zucker. Andererseits darf die Ukraine nun bis zu 100 000 Tonnen Rübenzucker zollfrei in die EU liefern. Und im Zuge des Mercosur-Abkommens soll der Einfuhrzoll für jährlich 180 000 Tonnen brasilianischen und 10 000 Tonnen paraguayanischen Zuckers wegfallen.

Das hat Konsequenzen für die Wetterau. Die Zahl der Zuckerrüben-Anbauer sank in den letzten 30 Jahren von mehr als tausend auf noch 380 Betriebe, so Marie-Christin Mayer. Auch die Anbaufläche schrumpfte. Einst wuchsen auf 6000 der rund 58 000 Hektar Wetterauer Ackerland Zuckerrüben. Im vorigen Jahr lag die Fläche laut Mayer nur noch bei 4700 Hektar.
Anbau soll bis zu 25 Prozent schrumpfen
Im neuen Jahr will der Mannheimer Südzucker-Konzern die Produktion um bis zu 25 Prozent drosseln. Die Landwirte sollen die Anbaufläche freiwillig verringern, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Streng am 13. Januar 2025 bei einer Fachtagung in der Friedberger Stadthalle. Wer noch bis zur Aussaat Mitte März mitmacht, bekommt einen Bonus von zehn Euro je Tonne auf die dann noch gelieferten Rüben. Bereits für 2025 hatte Südzucker um eine Verringerung der Anbauflächen gebeten. „Dies wurde auch in der Wetterau angenommen“, so Marie-Christin Mayer. Kommenden Sommer sieht man hier also noch weniger Rübenäcker.
Probleme machen auch neue Krankheiten. Sie treten in der Wetterau zwar weniger auf als in anderen Rüben-Gebieten. Doch auch hier legt die Schilf-Glasfaserzikade ihre Eier in die Erde. Von den Larven wandern zwei Mikroben-Arten in die Rüben. Die Stolbur-Bakterie lässt Blätter absterben und die Rüben schwabbelig werden. Und die SBR-Mikrobe senkt den Zuckergehalt der Früchte. Hinzu kommt noch die Blattfleckenkrankheit „Cercospora“.

Das lassen sich die Bauern nicht gefallen. Am 13. Januar 2026 hörten sich in der Friedberger Stadthalle 300, über einen Live-Stream weitere 200 Anbauer an, was Experten über den Erfolg der per „Notfallzulassung“ erlaubten Behandlung mit Insektengiften zu sagen hatten. Es ging auch um eine bessere Bodenbearbeitung, um den Roboter-Einsatz bei der Unkrautbekämpfung und die Entwicklung Zikaden-resistenter Rübensorten. Eine überall ausliegende Broschüre von Südzucker empfahl: „Prüfen Sie den Einsatz von organischen Düngemitteln.“ Denn damit würden die Rüben langfristig besser vor Infektionen geschützt.
Eins sei klar, sagte der Anbauerverbands-Vorsitzende Matthias Mehl in der Stadthalle: „Die Wetterauer haben einfach Bock auf Rübenanbau!“ Die Zuckerrübe sei wichtig für eine gute Fruchtfolge auf den Äckern. Und sie könne den Landwirten weiter Geld einbringen.
Keine Sympathie für Zuckersteuer
Es wundert nicht, wenn die Wetterauer Rüben-Anbauer keine Sympathie für die Einführung einer Zuckersteuer haben. Besser sei es, so die Verbandssprecherin, wenn die Menschen darauf achten, Zucker bei ihrer Ernährung bewusster einzusetzen. „Man sollte auch beachten, dass durch Zucker Lebensmittel haltbar gemacht werden“, so Ann Christin Mayer. Beispielsweise mit Gelierzucker. Und: „Die Frage bleibt, ob die Zuckersteuer tatsächlich auch den Konsum senken würde.“
Laut Wikipedia wurde die Zuckersteuer in Deutschland 1993 abgeschafft. Eine „Zukunftskommission Landwirtschaft“ empfahl aber 2021 die Wieder-Einführung der Steuer. Und im Juli 2024 forderten neun der 16 Bundesländer die Bundesregierung auf, eine Zuckersteuer zu prüfen. Denn trotz Zusagen habe die Industrie den Zuckergehalt von Softgetränken bisher nicht genug gesenkt. In Berlin scheinen momentan freilich andere Themen wichtiger zu sein.