Wie Kinder die Pandemie erleben
Von Corinna Willführ
Die Eindrücke und Erlebnisse von mehr als 400 Kindern und Jugendlichen aus über 40 hessischen Schulen während der Corona-Pandemie dokumentiert das druckfrische Buch „Schule im Corona-Modus“. Unverfälscht und unzensiert: So wie sie ihre Gefühle in Zeichnungen, in Gedichten, in Gebeten, Comics oder Fotos ausgedrückt haben.Die Nachrichten aus Kinderarztpraxen und Jugendpsychiatrien sind alarmierend: Die Fachmediziner stellen ebenso wie aktuelle wissenschaftliche Studien fest, dass die nun mehr als ein Jahr dauernden Einschränkungen durch die Corona-Pandemie massive Auswirkungen auf die physische wie psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben.
400 Beiträge von Jungen und Mädchen
„Wer in diesem Schuljahr in die Grundschule eingeschult wurde, kennt im Prinzip keine Schule ohne Maske, kein Toben auf dem Pausenhof, keine tröstende Umarmung einer Lehrkraft, ja nicht einmal täglichen Unterricht in der Schule“, stellt Tobias Greilich fest. Der 56-jährige, Vater zweier erwachsener Töchter und eines neunjährigen Sohnes, ist Herausgeber des Buches „Schule im Corona-Modus“. Die Publikation dokumentiert mehr als 400 Beiträge von Jungen und Mädchen aus über 40 hessischen Schulen. Vertreten sind dabei Kinder wie Jugendliche aus Förderschulen ebenso wie von Gymnasien, von der fünften wie der zwölften Klasse. Von „Schule im Corona-Modus“ war der Ortenberger selbst „vielfach betroffen. Durch meine eigenen Kinder, durch ihre Freundeskreise. Durch zwei Schulen, deren Schulelternbeirat ich vorstehe.“ Und dennoch hatte er nicht damit gerechnet, „in dieser geballten Weise zu sehen und zu lesen, wie sehr die Corona-Krise auf den Schülern lastet.“ Aus der Idee wurde ein Herzensprojekt. „Die Schülerbeiträge sind authentisch und bewegend, und ich finde es absolut wert, sie zu veröffentlichen und dadurch zu bewahren.“
Bereits seit vielen Jahren arbeitet Tobias Greilich als Gründungsmitglied und Vorsitzender der „Aktion Hessen hilft“ mit Schulen zusammen. „Wir sind zu meiner eigenen Schulzeit als Schülerinitiative entstanden. Bis heute tragen mehrere Hundert hessische Schulen die „Hessische Schulaktion für Menschen in Not“ mit. Seit ich eigene Kinder habe, wurde es mit deren zunehmendem Alter immer wichtiger für mich, durch gemeinsame Projekte mit den Schulen auch den sozialen Horizont der beteiligten Schüler zu erweitern und sie die Welt noch ein Stückchen mehr begreifen zu lassen. In Corona-Zeiten sind die Schülerinnen und Schüler selbst „Menschen in Not“ – so entstand der Gedanke, sie mit ihren Sorgen und Nöten einmal selbst in den Mittelpunkt zu stellen.“ Im November 2020 wandte sich Greilich an die Einrichtungen. „Es haben sich Schüler aller Altersklassen und Schulformen aus allen Teilen Hessens mit Beiträgen beteiligt“, freut sich Greilich. Jeder drückt sich auf andere Weise aus, aber in Summe zeigen sie ein ehrliches Stimmungsbild der hessischen Schülerschaft.“
Um ein ungeschöntes Bild der Beiträge zu zeigen, sind an diesen keine Änderungen vorgenommen worden: Rechtschreibfehler wurden nicht korrigiert, Erwachsenen unpassend erscheinende Ausdrücke nicht wegredigiert. „Bei den Aufgaben komme ich nur langsam voran, das stresst mich richtig, man oh man.“
Wut auf einen unsichtbaren Feind
Die Freude über zusätzliche schulfreie Tage im ersten Lockdown währte bei den Schülerinnen und Schülern nur kurz. Schnell scheint auch der Humor verflogen zu sein, mit denen sie noch die Hamsterkäufe von Zucker oder Toilettenpapier kommentieren. Eindrucksvoll dokumentieren die Beiträge, wie die Kinder in der Ausnahmesituation die Struktur vermissen, die Schule und Unterricht ihrem Leben geben. Vor allem wird deutlich, wie sehr ihnen der persönliche Austausch mit ihren Klassenkameraden vor Ort fehlt und wie schmerzlich sie erfahren, dass Online-Kommunikation diesen nicht ersetzen kann. Langeweile kommt auf, dann Verunsicherung, Ängste vor dem Alleinsein, vor Vereinsamung, vor einer ungewissen Zukunft. Und Wut: Wut auf das Corona-Virus, diesen unsichtbaren Feind.
„Schule im Corona-Modus“ eröffnet einen authentischen Einblick in die Gefühlswelten junger Menschen in der Corona-Pandemie. Die Publikation ist auch eine Dokumentation der Kreativität, die Kinder und Jugendliche entwickeln, um ihren Sorgen und Nöten Ausdruck zu verleihen: sei es mit einem Comic, in einem Tagebuch, einem Filmskript, einem Gedicht oder einem Gebet.
„Schule im Corona-Modus – Eindrücke und Erlebnisse von Schülerinnen und Schülern“, herausgegeben von der „Aktion Hessen hilft e.V.“/Tobias Greilich, 464 Seiten. Das Buch mit einem Grußwort des hessischen Kultusministers Professor Dr. R. Alexander Lorz ist zum Preis von 14,80 Euro im Buchhandel erhältlich. ISBN: 978-3-942347-34-1. Für den Druck eines Folgebandes bittet der gemeinnützige Verein um Spenden auf das Konto DE81 5185 0079 0121 0076 65. Der Verein ist erreichbar unter contact@ahh-mail.de
Aktion Hessen hilft
Die 1995 gegründete „Aktion Hessen hilft“ e.V. ist als Initiative von Schülern und Jugendlichen für die Opfer des Bürgerkriegs in Jugoslawien entstanden. Seitdem hat der Verein in rund 30 Ländern weltweit humanitäre Hilfe in Krisen-, Katastrophen- und Kriegsgebieten geleistet. Etwa nach dem Erdbeben in Nepal (2015), dem Taifun auf den Philippinen (2013), dem Tsunami in Sri Lanka und Indonesien (2004), dem Erdbeben in Haiti (2010), den Überschwemmungen in Serbien und Bosnien-Herzegowina (2014) oder dem Erdbeben in Kroatien (2020), aber auch im eigenen Land beim Hochwasser an der Elbe (2002 und 2013). Der Verein kooperiert unter anderem mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinen Nationen, Nichtregierungsorganisationen, Generalkonsulaten und Kirchengemeinden. Seit 2013 ist Hessens frühere Kultusministerin Dorothea Henzler Schirmherrin der von der „Aktion Hessen hilft“ ins Leben gerufenen „Hessische(n)-Schulaktion für Menschen in Not“. An dieser haben sich seither mehrere hundert hessische Schulen mit weit über 100.000 Schülerinnen und Schülern beteiligt. Sitz des Vereins ist Ortenberg. Vorsitzender ist Gründungsmitglied Tobias Greilich. Der Vertriebs- und Marketingmanager ist selbst mehr als einhundert Mal in Krisengebiete gereist. Seine Erfahrungen als humanitärer Helfer im ehemaligen Jugoslawien schildert er in dem Buch „Die Nacht, in der die Zukunft brannte“ (2016).