Schriftguss

Kulturgut droht Verschrottung

Von Klaus Nissen

Er gilt als letzter ausgebildeter Schriftgießer der Welt: Rainer Gerstenberg (79) beliefert seit Jahrzehnten Kunden aus aller Welt mit Lettern. Doch er kann sie nur noch aus dem Lager bedienen. An seine 27 mehr als hundert Jahre alten Gießmaschinen kommt Gerstenberg nicht mehr heran. Er soll sie auf Wunsch des Landes Hessen zum Jahresende 2026 fortschaffen.

Landesmuseum will keine Gussmaschinen

Bis 2024 waren die rasselnden, mit flüssigem Metall befüllten Apparate noch im „Haus der Industriekultur“ an der Darmstädter Kirschenallee zu bestaunen. Nun ist ist das Gebäude vom Hessischen Landesmuseum wegen Baufälligkeit verriegelt. Gerstenberg und das ehrenamtliche Mitarbeiter-Team des Druckmuseums dürfen nicht hinein.

Rund 50 Menschen demonstrierten Anfang August 2026 in Darmstadt für die Rettung des Druck-Museums an der Kirschenallee. Und aus dem fernen Autralien appelliert auch der Druck-Historiker Peter Beard ans Land Hessen: Es muss unbedingt den Matern-Schatz der Stempel-AG und die Geschichte der Linotype-Maschinen für die Nachwelt sichern. Foto: Privat

Auf einer Demo machten sie am 1. August 2026 ihrem Unmut Luft. Tenor: Das Landesmuseum lasse die ebenfalls hier stehenden Druckmaschinen verkommen. Mitsamt der im Keller lagernden, viele hundert Tonnen schweren Gussformen aus dem Bestand der 1986 liquidierten Stempel AG. Darin befinden sich wohl auch Schriften des legendären Typografen Peter Behrens (1868-1940), vermutet Günter Marz. Der ehemalige Schriftsetzer spricht für eine Initiative, die das Inventar des geschlossenen Museums vor der Schrottpresse retten will.

Schriftensammlung im Wert von 28 Millionen

Das Land Hessen selbst taxiert allein den Wert der Schriftensammlung auf 28 Millionen Euro. Sie sei ein historisches Kulturgut, versichert eine Sprecherin des hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. „Gegenwärtig finden mit unterschiedlichen Institutionen Gespräche über die Zukunft der Sammlung statt.“ Das Haus der Industriekultur will das Land verkaufen, die Museumsfläche darin soll von 4 800 auf 300 Quadratmeter schrumpfen.

Rainer Gerstenberg kann nur noch aus seinem Lager in Frankfurt-Sachsenhausen Lettern liefern. Seine Schriftgussmaschinen sind eingeschlossen und werden im Januar „obdachlos“. Foto: Nissen

Das Landesmuseum habe schon mit dem Ausräumen begonnen, sagt Rainer Gerstenberg. Seine Gießmaschinen will es loswerden, obwohl nur sie die Schriftensammlung verarbeiten können.„Bis Silvester soll ich die Räume besenrein verlassen“. Das Ministerum versichert: „Das Know-How des Schriftgusses und die hier entstandenen Schrifttypen sind zweifellos bedeutende Zeugnisse unserer Kulturgeschichte. Wir sind intensiv darum bemüht, sie in geeigneter Form zu sichern.“ Wie das ohne Gerstenberg und seine Maschinen gehen soll, bleibt unklar. Ein Ausweich-Quartier wurde bisher nicht gefunden. Das Klingspor-Museum in Offenbach reservierte Geld für die Ausbildung eines Schriftgießers – nur Gerstenberg kann noch Matern auf Form bringen und mit den Hebeln und Bolzen der Doppelgießmaschine metallische Schriften produzieren. Doch die Maschinen sind unzugänglich – der Etat verfiel. Und Rainer Gerstenberg wird bald achtzig.

Siehe auch https://landbote.info/schriftguss/

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