Kriegsende


Chaos und Hunger in der Wetterau

Von Klaus Nissen

Rasend schnell erobern die US-Soldaten vor 80 Jahren die Wetterau. Um den 29. März hängen die Menschen weiße Laken an die Häuser, die noch nicht zerbombt sind. Doch leider waren sind nicht alle kampfesmüde. Es gibt Feuergefechte und Tote, als die 6. SS-Division am 1. April hinter der Front der Amerikaner bei Ockstadt und Rosbach aus dem Taunuswald bricht.

Am Kriegsende kommen noch mal SS-Leute

Es ist ist kühl in den letzten Märztagen vor 80 Jahren. Um die fünf Grad, viel Regen, auch Schneeschauer. Die ungepflasterten Straßen sind matschig. In der Osterwoche fällt der Strom aus, notiert der Echzeller Pfarrer Ernst Siebeck in sein Tagebuch. Nachts sitzt man im Dunkeln. Tagsüber gibt es Kartoffeln zu essen.

So chaotisch muss es ausgesehen haben, als sich die 6. SS.Division nach ihrem Zug durch die Wetterau im Büdinger Wald auflöste. Das undatierte Foto aus den letzten Kriegstagen stammt aus der 1981 in der DDR erschienenen „Deutschen Chronik“ von Heinz Bergschicker. Repro: Nissen

Das letzte selbstgemachte Sauerkraut kommt auf den Tisch. Nudeln, Streichhölzer und Salz sind kaum noch zu bekommen. Die Häuser in den Wetterau-Dörfern stecken voller Verwandter und Fremder, die aus den zerbombten Städten aufs Land geflohen geflohen sind. In Frankfurt häufen sich zehn Millionen Kubikmeter Trümmer, schätzt später die Stadtverwaltung.

In Hirzenhain werden Gefangene erschossen

Die Ordnung ist zusammengebrochen. Die Züge fahren nicht mehr. NS-Funktionäre fliehen vor den aus Süden und Westen anrückenden US-Truppen. Der vorher in Wiesbaden residierende SS-Hauptscharführer Emil Fritsch lässt am Gründonnerstag, dem 26. März, in Hirzenhain 78 gefangene Frauen und vier Männer von seinen betrunkenen Soldaten erschießen. Er will in ihrem Quartier seine Dienststelle einrichten – und zieht dann doch weiter. Die Amerikaner sind ihm auf den Fersen.

Wer US-Soldaten trifft, soll „Ei sörrender“ rufen, empfiehlt dieses alliierte Flugblatt aus den letzten Kriegstagen. Der Karbener Hans Kärcher entdeckte es in der „Mein Kampf“- Ausgabe seines Großvaters. Repro: Nissen

Sie haben Frankfurt schon erobert. Auf Jeeps, in rasselnden Panzern stoßen sie bis Gründonnerstag bis ins Ossenheimer Wäldchen vor. Am Karfreitag besetzen sie schon Friedberg, Gedern und Schotten.

Im Taunus dauert es etwas länger. Am frühen Morgen des Ostersamstags dringen etwa 50 Mann einer amerikanischen Aufklärungskompanie über den Saalburgpass nach Wehrheim vor – und finden da mehr als 2000 versprengte und kampfesmüde deutsche Soldaten, die sie als Kriegsgefangene nach Rodheim vor der Höhe führen.

Doch dann geraten die Aufklärer ins Feuer. Denn um Schmitten und Usingen halten sich noch gut 4000 kampfbereite Soldaten der einst 15 000 Mann zählenden 6. SS-Division „Nord.“ Sie ist 1944 aus Finnland abgezogen und landete um die Jahreswende an der Mosel. Zuerst soll sie den Rhein verteidigen, dann Frankfurt, dann plötzlich den Verkehrsknotenpunkt Limburg.

SS-Division kommt hinter der US-Linie aus dem Taunus

Doch im Taunus brechen der Nachschub und die Funkverbindung zur Wehrmacht ab. Der SS-Gruppenführer Karl Brenner beschließt, mit seiner Truppe durch die schon von den Amerikanern besetzte Wetterau nach Gelnhausen durchzubrechen. Den Abzug decken 600 Fahnenjunker, die aus der achten Infanterieschule in Weilburg mit ihren Ausbildern zu den SS-Leuten gestoßen sind.

SS-Gruppenführer Karl Jakob Jakob Heinrich Brenner (1895-1954) brachte Ende März 1945 mit rund 2000 Soldaten den Krieg zurück in die schon von den Amerikanern besetzte Wetterau. Anstatt sich zu ergeben, opferte er noch hunderte Menschenleben, bis seine aus dem Taunus nach Büdingen vorgestoßene Einheit aufgerieben wurde. 1953 war Brenner in Karlsruhe Bundestagskandidat für die „Nationale Sammlung“ – eine Vorläufer-Organisation der NPD. Foto: Jay S. Lance, Wikipedia

Von Pfaffenwiesbach aus ziehen die SS-Leute in der Nacht zum Ostersonntag durch den Wald zur A5 und stoßen von Ockstadt und Ober-Rosbach aus nach Westen. Als sie durch Nieder-Wöllstadt ziehen, sitzen auf dem Heuboden der Bauernfamilie Braumann etwa 20 Zwangsarbeiter und halten die Luft an. Wenn einer nur niest und die Gruppe entdeckt wird, ist sie wohl des Todes.

Beim schnellen Vorstoß hinter den amerikanischen Linien gibt es Feuergefechte, je weiter die NS-Soldaten nach Osten kommen. Zuerst in Leidhecken. Dann bei Büdingen. Die SS-Leute erbeuten US-Fahrzeuge, nehmen Personal eines Feldlazaretts und einer US-Instandsetzungskompanie gefangen. In Leisenwald und Waldensberg wird die SS-Division dann gestellt. Beim Gefecht sterben am Osterdienstag zahlreiche Zivilisten, rund 400 US- und 140 SS-Soldaten. Die überlebenden Kriegsverlierer werden mit ihrem Kommandanten im Büdinger Wald gefangen genommen. Karl Brenner stirbt 1954 als freier Mann in Karlsruhe, berichtet der Friedberger Historiker Klaus-Dieter Rack.

In der Wetterau gibt es nun keine Bombenangriffe mehr. Während weiter östlich noch sechs Wochen lang der Krieg tobt, spielen hier die Kinder in den Trümmern, während die Mütter Essen zu organisieren versuchen. Nachts herrscht Ausgangsverbot. Es treffen immer mehr Vertriebene ein. Die Amerikaner zwingen Männer aus Hirzenhain, die verscharrten Leichen der SS-Opfer auszugraben und ordentlich zu bestatten. Der Echzeller Pfarrer Siebeck schreibt in sein Tagebuch: „Der Friedhof soll wohl ein Schandmal für unser Volk sein.“ Am 22. Mai notiert er, dass die NS-Bürgermeister, Ortsbauernführer und andere Funktionäre zuerst nach Büdingen und dann ins Butzbacher Gefängnis befördert werden.

Pfarrer Siebeck führt sein Tagebuch noch bis 1947. Dann stirbt er halbverhungert an einem Herzleiden, heißt es in der von Gerhard Winter aus Nidda überlieferten Chronik.

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