Eine Landschaft voller Plakate
Von Klaus Nissen
Beinahe an jedem Laternenpfahl in Hessen hängen vor der Kommunalwahl am 15. März 2026 bis zu fünf Wahlplakate. Auffällig ist: Viel mehr Kandidatenköpfe sind darauf zu sehen als vor früheren Wahlen. Die Rosbacher Grünen machen einen Vorschlag, der wohl ungehört verhallen wird. Und der Neue Landbote lässt die Leser-innen raten: Welcher Slogan gehört zu welcher Partei?Kommunalwahl ist Plakatqual
Na ja – es gibt schlimmeres als die Wahlwerbung der vielen Kandidaten für die Parlamente der hessischen Gemeinde, Städte und Landkreise. Die Plakate färben die Landschaft bunt, noch bevor die Frühlingsblumen dies übernehmen können.

Zu den allerersten Plakatierern gehörten in den ersten Februartagen die Wahlhelfer der FDP. Sie hängten ihre gelb unterlegten Botschaften viel früher an die Lichtpfähle, als ihre Mitbewerber. Die FDP wirbt für sich auch in Kommunen, die gar keine Listen Freier Demokraten aufgestellt haben. Vermutlich, weil sie fürchten, dass der Absturz aus dem Bundes- und wohl auch manchem Landtag sich bis in die Lokalparlamente fortsetzen könnte. Es wird sich zeigen, ob der Abdruck des vom Leben gezeichneten Gesichts von Jörg-Uwe Hahn zum ersehnten Mandat führt.
Mehr Gesichter als jemals zuvor zeigt diese Wahlkampagne. Das macht Sinn, weil die Wähler gezielt entscheiden können, wen sie in ihren Gemeinderat schicken. Wer von ihnen geschätzt und erkannt wird, kann bis zu drei Stimmen pro Wähler bekommen. Die Parteien und Wählergruppen sind somit motiviert, attraktive und fählige Leute auf ihren Listen und Plakaten unterzubringen. Der Autor hörte in seinem Bekanntenkreis das Credo, man wolle möglichst viele Frauen und junge Leute ankreuzen.
Junge Kandidaten sind die Minderheit
Letzteres ist leider oft kaum möglich. Denn die Rentner Silberköpfe stellen die wohl größte Fraktion unter den Listenbewerbern. Sie wissen seit Jahrzehnten, wie Kommunalpolitik funktioniert. Die ist ein wichtiger Dienst an der Gemeinschaft und bringt manchmal Einfluss, kostet aber mindestens einen Sitzungsabend pro Woche und trägt einem nur eine Mini-Aufwandsentschädigung und womöglich gar Beschimpfungen ein. Junge Leute tun sich das nicht gerne an.

Die größten Konterfeis zeigt diesmal wie vor jeder Wahl Leute, die gar nicht zur Wahl stehen. Den Landrat beispielsweise, den Bürgermeister oder die hauptamtliche Stadträtin. Dahinter steckt die so unausrottbare wie irrige Annahme, dass diese Funktionäre so attraktiv sind, dass das Volk ihre Parteifreunde ohne Ansehn der Wahlprogramme deren Gefolgsleute wählt.
Wer wählt welchen Slogan?
Diese Wahlprogramme sind auf den Plakaten zu kurzen Slogans kondensiert. Manche umfassen nur drei Worte. Hier eine kleine Auswahl:
Miteinander statt gegeneinander
Dein Nachbar wählt uns auch
Mehr Knete für Kitas!
Für mehr Kultur mit unseren Aktiven
Machen statt Meckern
Mehr Leben vor Ort
Mut zum Klartext
Unsere Stadt mit Augenmaß weiter entwickeln
bürgernah, jung, verlässlich
Wieder die Besten statt faule Früchte!
Hin &weg mit Bus und Bahn.
Merken Sie es? Die Slogans sind beliebig und austauschbar – nahezu jede Liste könnte mit jedem dieser Sprüche für sich werben. Damit können sie auch keinen Ausschlag für die Wahl einer beliebigen Partei geben. Und sind somit völlig sinnlos – einfach nur Ornamente.
Trotzdem entladen sich Wut und Aggressionen an den mehr oder weniger hübschen Wahlwerbungen. Die Florstädter Grünen können ein Lied davon singen – ihre Plakate wurden von den Wänden gerissen. Das erfüllt den Tatbestand der Sachbeschädigung und des Diebstahls. Wenn die Täter erwischt würden, müssten sie mit Geldstrafen rechnen. Das Amtsgericht Regensburg hat so einen Fall mit 20 Tagessätzen berechnet, teilt die Suchmaschine Deepseek auf Anfrage mit.
AfD und NPD trauen sich was
Damit sie nicht abgerissen werden, hängten AfD und NPD in früheren Wahlkämpfen ihre Plakate ganz oben an die Lampenmasten. Das scheint nicht mehr nötig zu sein. Die „Heimat“ alias NPD hängt ungeniert in Reichweite ihre von der AfD geklaute Remigrations-Forderung in Kopfhöhe. Das scheinen viele Leute ganz ok zu finden.
Die Grünen in Rosbach treibt Banaleres um. Der aktuelle Kommunalwahlkampf erde als reine Materialschlacht im Straßenbild ausgetragen, schreiben sie in eine Pressemitteilung. Und fordern ein Umdenken: „So könnten die Parteien und Gruppierungen, die in Rosbach zur nächsten Wahl antreten, freiwillig eine Höchstzahl von Plakaten pro Stadtteil vereinbaren.“ Solche Anträge wurden früher schon vom Stadtparlament abgelehnt, so die Grünen. Man müsse das Plakatieren ja nicht verbieten – eine freiwillige Vereinbarung mache es auch.
Lieber Pappe als Plastikmüll
Die Grünen haben sich nach eigenem Bekunden für umweltfreundliche und im Altpapier recycelbare Plakate aus Pappe entschieden. Die von allen anderen in Rosbach antretenden Parteien und Wählergemeinschaften verwendeten branchenübliche Plakate aus Kunststoff. Die verursachten nach dem Wahltag jede Menge schwer recycelbaren Plastikmüll. Grünen-Kandidatin Uta Meissner: „Die Bürgerinnen und Bürger erwarten pragmatische Lösungen und zukunftsgerichtete Politik für Rosbach – keinen Plastikmüll an jedem Laternenpfahl. Wer ein Zeichen für inhaltliche Substanz und echten Umweltschutz setzen möchte, hat am 15. März die Wahl.“

