Klimawandel

Zeitreise ins Jahr 2084

von Ursula Wöll

Es bleiben nur noch wenige Jahre, um dem Klimawandel entgegen zu steuern, stellt James Lawrence Powell in seinem Buch „2084 – Eine Zeitreise durch den Klimawandel“ fest. Das Buch liest sich spannender als ein Krimi, meint Landbote-Autorin Ursula Wöll:

Gerade höre ich im Radio, dass im Jahr 2020 Regenwälder von der Größe der Niederlande vernichtet wurden, das sind 12 Prozent mehr als 2019. Nein, kein Aprilscherz. Auch der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber scherzt nicht, wenn er auf WDR 5 informiert, dass wir bereits 1,2 Prozent Erwärmung erreicht haben, und dass ab 2 Prozent das Klima kippen wird. James Lawrence Powell ist ebenfalls Wissenschaftler, in seinem Buch „2084 – Eine Zeitreise durch den Klimawandel“ stehen viele weitere solcher haarsträubenden Fakten. Schellnhuber wie Powell betonen, dass die Klimapolitik nur noch ein Zeitfenster von wenigen Jahren hat, um radikal gegenzusteuern.

Olivenbäume in der Wetterau

Kein Hahn kräht mehr auf dem Mist, denn das Wetter wird noch wärmer, als es ist. Olivenbäume in der Wetterau, Rotterdam vom Meer überflutet. Das sind nur zwei von vielen Beispielen aus dem Buch „2084“, spannender erzählt als ein Krimi. Aber es ist keine Fiktion, denn als Wissenschaftler hält sich der Autor streng an die wissenschaftlichen Voraussagen über die Erderwärmung. Fingiert ist nur der Rückwärtsblick aus dem Jahr 2084 auf die desaströse Entwicklung. Sie muss in den nächsten Jahren radikal gestoppt werden, um das Leben auf unserem Planeten auch 2084 zu ermöglichen.

Für uns alle sicht- und fühlbar vollzieht sich bereits der Wandel. Als Grafik zeigen ihn die Klimastreifen seit 1850, dem Beginn der Industrialisierung, die für die jüngsten Jahre rot sind. Die Erderwärmung ist ein anthropogenes Phänomen, also das Werk von Menschen. Verursacht von den reichen Staaten, besser gesagt den Industriestaaten. Sie verbrennen massenhaft fossile Stoffe, also Kohle, Erdöl, Erdgas und Frackinggas. Damit blasen sie vor allem Treibhausgas Kohlendioxid in die Atmosphäre. Es verhindert wie ein Schirm deren Abkühlung, und zwar unsichtbar und geruchslos. Gegenüber vorindustriellen Zeiten hat sie sich bereits auf 1,2 Grad erwärmt. Dabei haben 195 Staaten auf der Klimakonferenz von 2015 in Paris vereinbart, den globalen Anstieg bei 1,5 Prozent, maximal 2 Prozent zu begrenzen.

Klimastreifen (1880 bis 2018) für die Nord- (oben) und die Südhalbkugel. (Bildquelle: Wikipedia/Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=80804988)

Würde man die emittierte Kohlendioxid-Menge gleichmäßig auf die 7,8 Milliarden ErdbewohnerInnen verteilen, so dürfte jeder Mensch nur 2 Tonnen pro Jahr emittieren. In Mitteleuropa liegt aber die Menge pro Kopf und Jahr schon bei 12 Tonnen. Unsere Klimapolitiker halten zwar Sonntagsreden, handeln angesichts der Dramatik aber eher nur symbolisch. Nur weiter so, dann kommt es wirklich zu dem in „2084“ beschriebenen drastischen Wandel. In Holland entwickelt man schon schwimmende Häuser.

Natürlich dominiert die Klimapolitik das Wahlprogramm der Grünen, das sie am 19. März als Entwurf veröffentlichten. Am selben Freitag organisierte „Fridays for Future“ erneut einen globalen Aktionstag, an dem sich bis hin nach Nairobi und Manila Leute beteiligten. Allein in Giessen versammelten sich 750 Fahrräder zu einer Fahrrad-Demo. Doch leider gingen beide Themen in den Medien ziemlich unter, denn die Virus-Pandemie stand und steht total im Vordergrund. Auch im Landboten erhält sie viel Raum und verdrängt andere Themen, eine Leserin kommentierte das so: „Gut, dass der Landbote vor lauter Corona die ungleich größere Gefahr eines Klimawandels nicht ganz vergisst.“ Generell sollten die Medien die Klimakrise stärker mitdenken. So spricht etwa der Wetterbericht auch nach den jüngsten so trockenen Jahren von Regentagen immer noch von ’schlechtem‘ Wetter oder Autorennen werden breit in Sportsendungen gebracht.

Wie sich die Welt verändert

Dürre. (Foto: Wikipedia/Stefan Kühn, CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=1040419)

Der Autor wählte das Jahr 2084, um Assoziationen an eine andere Dystopie zu wecken, nämlich George Orwells „1984“. Orwells Buch thematisiert eine totale Überwachung, die Klima-Dystopie ist nicht weniger schrecklich. Die Alpen sind 2084 völlig schnee- und gletscherfrei, die Gletscher auf den Gipfeln der tropischen Gebirge sind schon früher geschmolzen. Das bedeutet, dass die Flüsse weniger Wasser führen und durch Dürre ganze Landstriche unbewohnbar werden. Als Beispiel wählt Powell die Pazifikebene in Peru mit der Millionenstadt Lima, die unbewohnbar geworden ist. Da anstelle der weißen Gletscher nun die Flächen der Anden braun sind, wird die Sonnenwärme stärker abgestrahlt, was den Prozess beschleunigt. Auch das Eis an den Polen schmilzt weg und hat die gleiche verstärkende Rückkoppelung zur Folge. Das Schmelzwasser lässt weltweit den Meeresspiegel steigen. Weite Teile Hollands stehen unter Wasser. Auch in Asien versinken die an der Küste liegenden Millionenstädte im Salzwasser. Durch das Anzapfen des Grundwassers senkt sich zugleich das Land, auf dem sie erbaut wurden. Für die Großstädte weiter nördlich, etwa Jarkutsk, wird das Auftauen des Permafrostbodens verhängnisvoll. Es setzt, für uns alle verhängnisvoll, Unmengen an C02 frei. In Paris herrschen Temperaturen von 45 Grad im Schatten. Wer Wein anbaut, tut das in Skandinavien. Selbst den Olivenbäumen wird es in der Wetterau zu heiß. Der Vogelsberg beliefert das Rhein-Main-Gebiet nicht mehr mit Wasser, da er selbst keines mehr hat. Die Amazonas-Regenwälder sind lange vernichtet. Regenmangel gab ihnen den Rest. Schon in unserer Gegenwart sind sie durch Abholzung dezimiert, um Soja anzubauen, das unsere Kühe fressen. Große Teile Südeuropas, Australiens, Afrikas und der USA sind bis 2084 Wüste.

Folgen des Klimawandels

Der Hunger treibt immer mehr Menschen in die Migration. Am selben Fluss gelegene Staaten führen Kriege ums Wasser, was ebenfalls zu gigantischen Flüchtlingsströmen führt. Sie führen in den reichen Staaten zu extremen gesellschaftlichen Verwerfungen. Das Artensterben, bereits voll im Gang, verstärkt das Chaos. Die Bodenversiegelung ebenfalls. Die Lichtverschmutzung kommt sogar aus dem Weltraum, der ebenfalls schon versaut ist. Einige tausend Satelliten und Unmengen an Schrott sorgen für Lichtreflexion.

Das alles werden die jungen Leute voll erleben. Kein Wunder, dass sie bei Fridays for Future für eine Politik der Klimarettung in letzter Sekunde demonstrieren. Und auch als Individuen ihr Leben umorganisieren, etwa vegetarisch essen und mit dem Rad fahren. Es muss jetzt dalli dalli gehen, um den Klimakollaps zu verhindern. Schon 1972 veröffentlichte der ‚Club of Rome‘ die Meadow-Studie mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“. Damals jedoch zitierte man noch lieber die Bahn-Werbung: ‚Alle reden vom Wetter – wir nicht!‘

Fridays for Future.
Wie das klima gerettet werden kann

Die Grünen wollen jährlich 50 Milliarden Euro investieren und durch ’nachhaltiges‘ Wachstum die Klimakrise stoppen. Aber gibt es denn das überhaupt: Wachstum ohne Umweltzerstörung? Der Forscher Niko Paech bezweifelt das. Seine Postwachstumstheorie setzt auf Degrowth und will die Erderwärmung durch Konsumverzicht bremsen. Leider ist sein einleuchtendes Buch „Befreiung vom Überfluss“ im Stil akademisch und schwer zu lesen. Diese Kontroverse ‚Nachhaltiges Wachstum‘ contra ‚Postwachstumsökonomie‘ muss genauer diskutiert werden. Die Pariser Vereinbarung von 2015, von 195 Staaten beschlossen und von den meisten auch ratifiziert, muss ernster genommen werden. Es dürfen keine Kohlekraftwerke mehr ans Netz, die noch laufenden sofort stillgelegt werden. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen auf höchstens 120 km/h muss sofort erfolgen. So wie die Werbung für Zigaretten eingeschränkt wurde, sollte das auch für (größere) Autos geschehen. Ein klein wenig Erziehungsdiktatur muss offenbar sein, wenn die Menschheit überleben will?

2084 – Eine Zeitreise durch den Klimawandel von James Lawrence Powell, Quadriga-Verlag, 255 Seiten, 22 Euro

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