Mit 80 noch immer Weltverbesserer
Diethardt Stamm ist am 5. Juni 2026 achtzig Jahre alt geworden. Grund genug, dem Pädagogen, Sozial- und Solaraktivisten ein Porträt zu widmen. Zumal der Münzenberger auch im neunten Lebensjahrzehnt energisch für eine naturnahe Lebensweise, für die stärkere Nutzung erneuerbarer Energien und für eine dauerhafte Erinnerwung an die grausigen Taten deutscher Nazis eintritt.Diethardt Stamm macht weiter
Der Mann ist nicht groß, aber flink im Gang und Mundwerk. In leicht frankfurterischer Mundart (er wuchs im nahen Burgholzhausen auf) sagt er seinem Gegenüber meist ohne Umschweife, was er denkt. Drumherum zu reden ist nicht seine Sache.
Als Junge lief Diethardt oft mit einem Stock herum, berichtete seine Großnichte Carola Scholz beim Geburtstagsempfang im Gambacher Bürgerhaus am 6. Juni 2026. Vielleicht als deutliches Signal: Wenn man kleiner als die Gleichaltrigen ist, kann man die Klappe halten und sich als letzter in die Volleyball-Mannschaft wählen lassen. Stamm bevorzugte stets die Vorwärtsstrategie. Auf keinen Fall unterbuttern lassen.
Seit Jahrzehnten trägt Diethardt zurückgekämmte, noch immer dunkle Haare, Vollbart und eine nicht immer gerade modische Brille. Als junger Lehrer gehörte er in den frühen Achtzigerjahren zu den Gründern der Grünen im Wetteraukreis. Der jüngst verstorbene CDU-Politiker und frühere Landtagspräsident Norbert Kartmann sagte 2009 bei Stamms Verabschiedung als Leiter der Butzbacher Technikerschule: Er habe Stamm als „wildgewordenen Grünen, der im Kreis rumhüpfte“ erlebt und erlitten. Damals düpierten die Grünen die CDU mit der bundesweit ersten rot-grünen Kreis-Koalion.

Diethardt Stamm war damals längst mit Hermann Reineck befreundet – einem österreichischen Auschwitz-Überlebenden, den die Ehe mit einer Wetterauerin nach Münzenberg verschlagen hatte. Reineck lleitete von dort aus die Lagergemeinschaft Auschwitz – einen Verein, der die NS-Verbrechen dokumentiert und den in Polen noch lebenden Insassen praktische Hilfe organisiert. Noch heute unterstützt die Lagergemeinschaft etwa 70 Überlebende mit Geld, berichtete der aktuelle Vorsitzende Matthias Tiessen bei Stamms Geburtstagsfeier.
Wichtig ist ihm auch das Auschwitz-Gedenken
Möglichst jeder Schüler-Jahrgang sollte mit staatlicher Hilfe die Holocaust-Gedenkstätte bei Krakau besuchen können, forderten die Wetterauer Grünen. Und weil die CDU davon nicht gleich begeistert war, organisierte Stamm 1885 eine Erkundungs-Busreise mit Vertretern der Kreistagsfraktionen und Journalisten.

In Polen wurden sie bei den Auschwitz-Überlebenden untergebracht. Die gaben den Deutschen unter andererem selbst eingelegte Steinpilze auf den Heimweg. CDU-Mann Kartmann gestand später: Er habe nie eine tiefere Erfahrung gemacht als auf dieser Reise.
Gemeinsam fochten der Christdemokrat Kartmann und der Grüne Stamm dann ums Überleben der kleinsten Berufsschule des Kreises in Butzbach. Es gelang. Stamm machte aus ihr eine Ausbildungsstätte für nachhaltiges Bauen und erneuerbare Energien. Auf dem Schulgelände entstand eins der ersten Passivhäuser Deutschlands.
Um die Energiewende zu beschleunigen, zog Diethardt Stamm 1986 ins Verbandsparlament der Oberhessischen Versorgungsbetriebe ein. Die OVAG beliefert rund 200 000 Haushalte in den Eigentümerkreisen Wetterau, Vogelsberg und Gießen mit Wasser und Strom. Die Grünen liefern sich seitdem heftige Auseinandersetzungen mit den SPD- und CDU- Vertretern, die gemeinsam mit der Geschäftsführung aus ehemaligen Landräten den Kurs des Unternehmens bestimmen.
Heftige Debatten im Ovag-Parlament
Über die Jahre wurde die OVAG immer fortschrittlicher. So baute sie schon in den Neunzigern einen großen Windpark bei Hartmannshain im Vogelsberg, um die damals neue Energiegewinnung praktisch zu erproben. Diethardt gründete mit Freunden parallel dazu eine Windkraft-Genossenschaft, die seitdem drei Rotoren bei Schotten betreut.

„Es geht eine gewisse Energie von ihm aus“, bescheinigte Großnichte Carola Scholz bei der Geburtstagsfeier dem Ehemann und zweifachen Vater. Auf dem Dach seines Wohnhauses in Münzenberg sammelt er schon seit 1987 Erfahrungen mit der Photovoltaik. Die bald 40 Jahre alten Solarpaneele produzieren da immer noch Strom. 2011 gründete Stamm mit Freunden die Mittelhessische Energiegenossenschaft. Einige Hundert Genossen legten zusammen, um etwa 40 Solaranlagen auf den Dächern von Schulen, Kindergärten und Sporthallen zu bauen und zu betreiben. Mittlerweile hat Diethardt Stamm die Energiegenossenschaft verlassen, weil sie sich seiner Meinung nach mit dem geplanten Einstieg in den 90-Megawatt-Windpark auf dem Winterstein finanziell und konzeptionell verheben würde.
Solarpaneele für Schulen in Äthiopien
Nach wie vor engagiert er sich im Sonnenstromverein Hessen, der seit Jahrzehnten für die praktische Nutzug der Solarenergie wirbt. Stamm propagiert den inzwischen weit verbreiteten Einsatz von kleinen Balkon-Solaranlagen. Und immer wieder, zuletzt im April 2026, fährt der rastlose Pensionär mit seiner Frau Elzbieta nach Äthiopien. Da hat er in der Stadt Jimma eine neu gebaute Schule mit einer PV-Anlage ausgestattet, die fünf Klassenräume mit LED-Licht erhellt und den Laptop des Schuldirektors versorgt.

Dann sind da noch ein paar Neben-Aktivitäten. Diethardt Stamm ist aktiv beim Bund für Umwelt und Naturschutz. Bei der Geburtstagsfeier ließ er neben dessen Vorsitzenden Peter Hünner auch Monika Brenniger zu Wort kommen, die als Vorsitzende des „Weltacker Wetterau“ erklärte, was es mit dem 2000 Quadratmeter großen Gelände an der Usa bei Friedberg auf sich hat. (https://www.weltackerwetterau.de).
Es geht auch mal um Trockentoiletten
Im Parlament seines Wohnortes Münzenberg engagierte sich Diethardt Stamm elf Jahre lang, erinnerte Bürgermeisterin Isabell Tammer. „Bei uns war Herr Stamm bekannt als der grüne Giftzwerg“, bekannte sie vor der Versammlung von Freunden, Angehörigen und auch politischen Konkurrenten des Jubilars. Heute profitiere die Stadt Münzenberg vom konsequenten Pragmatismus Diethardt Stamms. Er warb für die vom Rockenberger Ingenieur Theo Pauly erfundenen Trockentoiletten. Jetzt, so Bürgermeisterin Tammer, gebe es auf dem Friedhof von Ober-Hörgern zwei dieser Toiletten, die wegen des nicht nötigen Kanalanschlusses viel günstiger als herkömmliche Sanitäranlagen sind.

Alles Gute für den inzwischen „Alten Stamm.“ Turbulente Zeiten liegen hinter uns! Damals im Kreistag in unterschiedlichen Parteien. Engagiert und immer bewundert aus der Ferne des Büdinger Landes! Bleib gesund und munter!
Dieter Egner, Büdingen