Büchner Sixty-Nine

Roman über Schülerstreik in Darmstadt

Von Bruno Rieb

Der bei den Schülern beliebte Lehrer Heinz Lüdde flog 1969 von der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt. Die Schüler protestierten und streikten. Der Darmstädter Journalist Frank Schuster erzählt die spannenden Ereignisse jener Tage in seinem lesenswerten Roman „Büchner Sixty-Nine“, dabei schlägt er den Bogen von Büchners revolutionären Umtrieben 1834 bis zu den Fridays for Future-Demos heute.

Lüdde heute, Büchner damals

Schuster ist ein anschaulicher Blick in jene Zeit gelungen, als eine aufbegehrende Jugend die überkommenen Zwänge infrage stellte. Lüdde, ein frischgebackener Lehrer, der sich im Sozialistischen Lehrerbund (SLB) Frankfurt engagiert, geht auf die Schüler zu und rüttelt mit ihnen an den überkommenen Zwängen. Das fängt damit an, dass er die Schüler statt in Reih und Glied in Gruppen sitzen lässt. Sein Engagement wird ihm ausgerechnet an der Schule zum Verhängnis, die den Namen eines Revolutionärs trägt. Der Schulleiter Born ist allerdings ein erzkonservativer Erzieher mit NSDAP- und SA-Vergangenheit, wie Schuster anhand von Borns Personalakte dokumentiert.

Aus Protest gegen den Rauswurf verteilen die Schüler bei der Verleihung des Büchnerpreises ein Flugblatt, in dem es unter der Überschrift „1834 – 1969 – Eine Epoche!“ heißt, zwischen der Verfolgung Lüddes heute und Büchners damals „lässt sich kein Unterschied feststellen“. Was mit Büchners Verfolgung begonnen habe, werde heute mit Maßnahmen gegen Schüler und Studenten fortgesetzt. Das Flugblatt gipfelt in der Forderung, die Büchner-Schule umzubenennen, „anderfalls müssen dies die Schüler und Studenten tun, die im Geiste Büchners arbeiten.“

Der Soundtrack der Revolte klingt mit

Der Streik der Büchnerschüler gegen den Rauswurf Lüddes steht im Zentrum des Romans. Schuster erzählt die Geschichte anhand erfundener und realer Personen. Die Schüler Michael, Thomas und Marion hat er erfunden und kann an ihnen die Stimmung jener Tage verdichten. Michael und Thomas lässt er am Darmstädter Gefängnis vorbei spazieren und dabei Thomas fragen: „Weist du, wer hier sein Leben ließ?“ Michael schüttelt den Kopf und Thomas fährt fort: „Ludwig Weidig – der zusammen mit Georg Büchner den Landboten geschrieben hat. Während Büchner nach Straßburg fliehen konnte, wurde er hier eingebuchtet. Vermutlich nahm er sich das Leben, nachdem er gefoltert worden war – oder sie haben ihn abgemurkst. Heute erinnert hier nicht mal ein Schild an ihn.“

Den Soundtrack des Buches bildet die Musik jener Tage, die Schuster immer wieder geschickt einflicht, indem er Michael eine Gitarre in die Hände drückt. Höhepunkt ist ein Konzert der US-Band Steppenwolf am 25. Oktober in der Frankfurter Jahrhunderthalle, zu dem Michael, Thomas und Marion pilgern. Mit ihrem Hit „Born to be wild“ hatte sie eine Hymne der aufbegehrenden Jugend geschrieben.

Aufmunternder Blick zurück

Schuster spannt in seiner Rahmenhandlung den Bogen zu den Fridays for Future- Demonstrationen heute, mit denen Schüler lautstark ihre Sorge verkünden, ihnen könnte eine unbewohnbare Welt hinterlassen werden. In den ersten sexuellen Erfahrungen seiner Protagonisten baut Schuster die aufkeimende Homosexualität von Michael ein. Der heißt heute Michaela und geht mit der Enkelin einer Freundin zu den Fridays for Future-Demos. Die Geschichte des Streiks der Büchner-Schüler wird weitgehend aus seiner Perspektive erzählt.

Im Anhang seines Romans dokumentiert Schuster seine Quellen und macht damit deutlich, wie nahe er sich mit seiner Geschichte an den realen Ereignissen bewegt. Es ist ein Blick zurück in jene Zeit, als die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus erst richtig begonnen hatte und der Aufbruch in eine neue, freiere Zeit begann. Ein aufmunternder Blick zurück in Zeiten wie heute, in denen sich eine konservative Bundesregierung von extrem rechten Kräften treiben lässt.

Frank Schuster: „Büchner Sixty-Nine“, Roman, mainbook, Taschenbuch, 218 Seiten, 14 Euro, ISBN 9783911008-39-6

Titelbild: Der Haupteingang der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt. (Bildquelle: Wikipedia/Ulranen 1637, 15. Okt. 2009 (CEST) – Eigenes Werk (Originaltext eigene Arbeit), CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=75431774 )

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