Als ob du Luft wärst

Am Dorfrand ändert sich die Stimmung

Nissens Woche

 Bad Homburg: FR-Redakteur Klaus Nissen aus der FR-Redaktion Bad Homburg. Foto aufgenommen am 14.12.2011 Foto: Rolf OeserAnfangs war es Quälerei – jetzt ist Fitness angesagt und der regelmäßige Trab ums Dorf ein Bedürfnis. Immer mehr Leuten geht es so. Trotzdem stimmt da etwas nicht.

Als ob du Luft wärst

Wenn der Bauch peinliche Ausmaße annimmt und die Zipperlein  häufiger werden, ist das ein Zeichen zum Aufbruch. Er ist mir schon vor Jahren gelungen – wenn auch unter großen Mühen. Es sind etwa drei Kilometer, wenn du Ober-Wöllstadt  umrunden willst. Das hab ich anfangs nicht geschafft. Die Waden, auch mal die Achillessehnen schmerzten, und das Herz pochte so stark, dass ich anhalten musste.

Aber ich habe durchgehalten. Seit zwei Jahren trabe ich jeden zweiten Tag morgens, mittags oder abends ums Dorf, auf einem immer längeren Parcours. Inzwischen sogar zweimal – der langen Steigung in Richtung Nieder-Wöllstadt zum Trotze. Anfangs schauten die Gassi-Geher – neugierig, wer sich denn da so quält. Mit ihnen hat sich eine freundliche Guten-Tag-Beziehung etabliert.

Mit anderen aber nicht. Sie drehen sich schon hundert Meter vorher zum Feld, wenn ich mich nähere. Vorgeblich, um ihr Hündchen in Schach zu halten, damit es nicht in die flinken Waden beißt. Sie schauen nicht mal über die Schulter, um zu sehen, wer da joggt. Jogger - Kopie

Seitdem wir ein Neubaugebiet haben und das Dorf wächst, sind mehr Spaziergänger und sogar Jogger auf den Feldwegen am Dorfrand unterwegs.  Auch  junge Flüchtlingsväter mit dem Nachwuchs auf dem Fahrrad-Gepäckträger, auf dem Weg zum Spielplatz.  Neulich traf ich sogar eine chinesische Mama mit Baby  und Oma. Keine Ahnung, was die nach Wöllstadt  trieb.  Sie würdigten mich keines Blickes.  Letzteres passiert immer öfter.

Das stört mich. Man will und muss ja nicht mit jedem  ein Schwätzchen halten.  Aber mal hinschauen, Tach sagen oder nicken.  Die tun, als ob sie einen nicht sehen. Oder als wäre man unter Massen am Frankfurter Mainufer.  Meistens ruf ich diesen Leuten  ein lautes Hallo zu – so nötige ich ihnen eine leise Antwort auf.

Auf Granit beiße ich mit dieser Methode  bei den  Männern, die auf ihren sauteuren Rädern entschlossen dem Taunus entgegen streben. Sie sind meist zwar langsam, können mich aufgrund ihres Tempos aber nicht wahrnehmen. Außerdem  das Damen-Duo, das mir morgens immer  mit Teleskopstöcken entgegen klackert. Jedes Mal sind die beiden derart ins Gespräch vertieft, dass sie mich  nicht wahrnehmen. Auf Zurufe reagieren sie nicht. Ich gehe sogar auf Kollisionskurs und drehe im letzten Moment seitlich ab – es hilft alles nichts.

Die Stimmung hat sich geändert.  Wir bekommen eine Umgehungsstraße und einen Supermarkt,  neue Einwohner. Das Dorf wird Stadt. Und man guckt  andere sicherheitshalber nicht an.

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