Melatonin

Expertenstreit um Einschlafhilfe

von Michael Schlag

Herzmediziner äußern Bedenken gegen Melatonin als Schlafmittel. Patienten, denen länger als ein Jahr Melatonin verordnet wurde, erkrankten einer Analyse der Datenbank TriNetX zufolge fast doppelt so häufig an einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Sie mussten mehr als dreimal so häufig deswegen in einer Klinik behandelt werden. Die Ergebnisse wurden bei der Jahrestagung der American Heart Association (AHA) veröffentlicht.

Beliebtes Schlafmittel

Melatonin wird auch „Schlafhormon“ genannt, es wird im Gehirn in der Epiphyse (Zirbeldrüse) gebildet und steuert den Tag-Nacht-Rhythmus. Seit einigen Jahren wird es zunehmend als Schlafmittel verordnet. In den USA erfolgt der Gebrauch von Melatonin weitgehend unkontrolliert, Melatonin wird dort in höheren Dosierungen als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Auch in Deutschland ist Melatonin in niedriger Dosierung als Einschlafhilfe ohne Rezept in Apotheken und Drogerien erhältlich.

Kardiologen sehen Risiken

Die AHA hatte sich bereits in einer wissenschaftlichen Stellungnahme kritisch zu der Einnahme von Melatonin geäußert. Die Fachleute für Herzkrankheiten warnen, die kardiometabolischen Risiken von Melatonin seien weitgehend unerforscht. Kardiometabolisch bezeichnet den Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Melatonin bei Menschen mit Typ-2-Diabetes die Insulinresistenz erhöhen und zu größeren Blutzuckerschwankungen führen könne.

Einschlaf-Hormon Melatonin aus der Zirbeldrüse Image by freepik

Die Ergebnisse der aktuellen Studie, die jetzt auf der AHA-Jahrestagung vorgestellt wurde, bestätigen diese Bedenken. Ein Team um Ekenedilichukwu Nnadi von SUNY Downstate/Kings County Primary Care in Brooklyn, New York, hatte die Daten des TriNetX Global Research Network ausgewertet, das in mehreren Ländern Zugriff auf anonymisierte elektronische Krankenakten hat.

Das Team ermittelte mehr als 130.000 Betroffene, denen wegen Schlafstörungen mehr als ein Jahr lang Melatonin verordnet wurde. Der Vergleich mit Patientinnen und Patienten, die ebenfalls unter Schlafstörungen litten, aber kein Melatonin erhalten hatten, ergab eine höhere Rate von Neuerkrankungen an einer Herzinsuffizienz. Über einen Zeitraum von fünf Jahren war die Diagnose bei 4,6 % der Personen, die Melatonin nutzten, neu gestellt worden – gegenüber 2,7 % in der Kontrollgruppe. Die Wahrscheinlichkeit, wegen der Herzinsuffizienz ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, war fast dreifach höher als bei Menschen, die kein Melatonin einnahmen.

Umstrittene Studie

Die Daten werden allerdings nicht überall gleich bewertet. Eine Übersicht in Clinical Cardiology im vergangenen Jahr hatte Melatonin erst kürzlich günstige Wirkungen auf die Herzfunktion bescheinigt. Carlos Egea, Präsident der Federación Española de Sociedades de Medicina del Sueño in Madrid verweist auf Einschränkungen der aktuellen Studie. Trotz der hohen Fallzahlen könnten retrospektive Analysen niemals alle Faktoren berücksichtigen, die – neben der Einnahme von Melatonin – das kardiale Risiko beeinflussen. Hinzu komme, dass wegen der Verfügbarkeit als Nahrungsergänzungsmittel offen bleibe, wie viele Patientinnen und Patienten Melatonin auch ohne Rezept eingenommen haben.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt

https://www.aerzteblatt.de

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