Marburger Nachtmarathon

Läufer übernehmen die Altstadt

von Helmut Serowy

Im Sommer zieht in Marburg jährlich eine buntgekleidete, fröhliche Prozession aus dem Lahntal hinauf zum markanten Landgrafenschloss. Auch in dieser Saison wanderten wieder über 3000 Läufer mit ihrem Begleit-Tross in den frühen Abendstunden hinauf zum rund 750 Meter entfernten Marktplatz. Hier sammelten sich allmählich die Starter des Marburger Nachtmarathon, den die rührigen Organisatoren des Ultra-Sport-Club Marburg in diesem Sommer zum 27. Mal ausrichteten.

Neben der Treppe zum Hirschberg empfängt die Pilgerschar vor dem historischen Rathaus eine schlanke Frauengestalt, die einen kleinen Jungen präsentiert. Hier wacht Sophie von Braband – Tochter der Heiligen Elisabeth – über die Stadt Marburg und ihren Markt. Die Skulptur zeigt dem Volk ihren Sohn Heinrich von Brabant. Dieser wurde am 24. Juni 1244 geboren. Er sollte als Heinrich I. der erste Landgraf von Hessen und Begründer des hessischen Fürstenhauses werden.

Gemeinsamer Start aller Distanzen

Während Heinrich seit Jahrhunderten in der ehrwürdigen Elisabeth-Kirche am Streckenrand ruht, herrschte auf  dem Marktplatz emsiges Treiben. Aus allen Seitenstraßen strömten aufgeregte Läuferinnen und Läufer herbei. Für 19 Uhr war der gemeinsame Start über die Marathon-Distanz, für die Marathon-Staffeln und die Halbmarathon-Strecke angesetzt. Lange vorher war kaum noch ein Durchkommen im dichten Gedränge möglich.

Dabei hatten die Veranstalter erstmals mit einem Teilnehmer-Limit auf das immer größer werdende Interesse am Marburger Nachtmarathon reagiert. Die Teilnehmerzahl explodierte bereits zum 25-jährigen Jubiläum 2024 auf 2848 Meldungen. Und im letzten Jahr registrierten die Organisatoren unfassbare 4140 Läuferinnen und Läufer. Damit waren endgültig alle Dimensionen gesprengt.

Aufgrund der Streckenführung reagierten die Veranstalter des Ultra-Sport-Club Marburg auf den unerwarteten Zuspruch des Vorjahres erstmals mit einem Teilnehmer-Limit. „Wir bitten um Verständnis für die Entscheidung, aber aus Gründen der Qualitätssicherung und für die Sicherheit der Sportlerinnen und Sportler mussten wir Grenzen setzen. Es geht uns schließlich nicht um neue Rekorde, sondern um eine für alle schöne Veranstaltung“, erklärte Orga-Chef Arne Pflüger die Entscheidung.

Startplätze lange ausgebucht

Zugelassen wurden 1600 Halbmarathon-Starter, 500 Marathon-Läufer sowie 250 Marathon-Staffeln, bei denen sich bis zu vier Läuferinnen und Läufer die klassische Distanz teilen. Die Startplätze für somit immer noch über 3000 Teilnehmer waren bereits seit Monaten ausgebucht.

Die Strecke des Marburger Nachtmarathon führt nach dem Start auf dem Marktplatz durch das Nadelöhr „Altstadtgassen“. Die ohnehin schmalen Gassen waren bisher durch zahlreiche Biergärten  weiter eingeengt, diesmal aber erfreulicherweise frei. Der Eifer der Starter wird anfangs dennoch kräftig eingebremst. Eine unendliche Läuferschlange zieht sich auf dem ersten Kilometer durch die Altstadt-Schleife. Nach Passieren des Wilhelmsplatzes kann sich diese schließlich auf der breiten Universitätsstraße sortieren und Fahrt aufnehmen.

Die Verfolger drängen in der Altstadt nach

Am Hotspot „Rudolphplatz“ vor der Alten Universität verabschiedet eine große Zuschauer-Kulisse die konzentrierten Top-Starter, die ambitionierten Läuferinnen und Läufer sowie  die vielen fröhlichen Breitensportler aus der Stadt nach Norden in Richtung Wehrda. Die flache Strecke führt diese dann auf dem Lahn-Radweg wieder flussabwärts zurück. Auf dem ebenfalls vom Publikum umlagerten Hirsefeldsteg neben dem Universitätsstadion überqueren sie nach elf Kilometern die Lahn.

Eine weitere Schleife führt das Feld nun im Lahntal nach Süden und über Gisselberg und Cappel wieder zum Hirsefeldsteg zurück. Die Halbmarathon-Starter dürfen hier nach rechts abbiegen und sich nach einer Stadion-Runde im Ziel abfeiern lassen. Auf die Marathon-Starter und die Marathon-Staffeln warten mit der einbrechenden Dämmerung noch zwei weitere Runden auf der Süd-Schleife bis zum stimmungsvollen nächtlichen Zieleinlauf.

Freundliche Temperaturen

Der Marburger Nachtmarathon hat sich immer wieder zur „Hitzeschlacht“ entwickelt. Nach den extrem heißen Tagen im Vorfeld zeigten sich die Bedingungen bei der 27. Veranstaltung dagegen recht freundlich für die Läuferinnen und Läufer wie auch für die vielen Schlachtenbummler. Mit Verpflegungsstellen im Bereich von jeweils vier Kilometern war zudem für reichlich Erfrischung  gesorgt.

Ergebnisse Marathon

Mit 500 Meldungen zum Marathon befindet sich die namensgebende Disziplin des Marburger Nachtmarathon weiter im Aufwind. Im Ziel wurden schließlich 366 Finisher registriert.

Nach der ersten großen Schleife querte ein Spitzenquartett bei der 11-km-Marke die Lahn, um die dreimal zu durchlaufende Süd-Runde entlang in Angriff zu nehmen. Damit war die Entscheidung zwischen Mattheus Pontes, Lokalmatador Jamal Sanhaji (Blau-Gelb Marburg), Lennart Horn und Max Schneider (Marburg) noch völlig offen.

Die Marburger Altstadt-Gassen werden von den Läufern ausgefüllt

Jamal Sanhaji und Mattheus Pontes lösten sich im weiteren Rennverlauf. Auf der letzten Runde setzte sich Mattheus Pontes an die Spitze und lief mit 2:46:16 Stunden eine Minute Vorsprung zum M35-Sieger Sanhaji (2:47:16 Std) heraus. Zu Bronze lief der schnellste M40-Starter Lennart Horn (2:51:32 Std). Als Vierter folgte Max Schneider (2:53:38 Std). Unter der Drei-Stunden-Marke blieb zudem der zweite M35-Läufer Timo Huck von den Hannover-Runners (2:57:34 Std), der diese Wertung im letzten Jahr gewann.

Mit dem sechsten Rang erkämpfte sich Tobias Klingelhöfer vom RSV Wommelshausen (3:00:08 Std) den Erfolg in der M45. Hinter Ben Keller (3:00:28 Std) hielt der letztjährige M45-Sieger Michael Bielig von der LG Braunschweig (3:00:57 Std Brutto/3:00:56 Std Netto) den dritten M45-Starter Jonathan Fauth aus Wiesbaden (Brutto 3:01:00/Netto 3:00:46 Std) in Schach. Die M55 führte der Zwölfte, Tobi Duncker aus Düsseldorf (3:03:31 Std) an. Ulrich Sieke aus Herborn, der die M55 im letzten Jahr gewann, verbesserte sich als Zweiter um über neun Minuten auf 2:08:47 Stunden.

Weitere Klassen-Erfolge schafften in der M30 Kevin Lustig (Ferrero, 3:29:53 Std), in der M50 Alon Inbar (Marathon-Club, 3:30:11 Std), in der M60 Holger Hennecke vom SSF Bonn (3:59:47 Std), in der M65 Richard Schutt vom LT Bruchköbel (3:45:43 Std) und in der M70 erneut Heinrich Schimpf vom TV Großen-Linden (6:01:00 Std).

Schnell unterwegs war bei den Frauen Britta Thyssen aus Espenau. Die stärkste Läuferin der W35 distanzierte mit 3:12:52 Stunden ihre Mitstreiterinnen deutlich. Ungefährdet sicherte sich Tamara Fricke aus Heeslingen mit 3:27:51 Stunden die Silbermedaille. Anna Kalinka Kuhn aus Vellmar bestätigte mit 3:36:14 Stunden ihre Vorjahres-Zeit, verbesserte sich aber zugleich vom achten auf den dritten Rang.

Britta Thyssen (Mitte) gewinnt den Marburger Nachtmarathon

Eng wurden die Entscheidungen außerhalb der Medaillen-Ränge. Die Verfolgerinnen führte als Vierte die W40-Siegerin Mj Rowland Warmann (Caldy, 3:46:31 Std) vor Matilde Bach aus Gießen (3:46:58 Std) und Clara Jäschke vom TSV Niederelsungen (3:47:15 Std) an. Die Brutto-Siebte Anne Lang vom TV Lohra (3:49:44 Std) wurde Zweite der W40 vor der Netto-Sechsten Ivana Janssen aus Marburg (3:49:56/3:46:46 Std) und der W30-Siegerin Sarah Bering (Drop the pace, 3:50:35/3:48:30 Std).

Die letztjährige W50-Siegerin Sylke Kuhn vom 100-Marathon-Club siegte in der W55 mit 3:52:17 Stunden. Erfolgreich waren zudem in der W45 Katrin Hufnagel (Laufschuhelden, 4:22:37 Std),  in der W50 Katrin Turza aus Marburg (4:02:51 Std) und in der W60 Claudia Moser aus Nidderau (4:03:11 Std).

Ergebnisse Halbmarathon

Von den 1600 Gemeldeten zum Marburger Halbmarathon sind in der Ergebnisliste 1418 registriert. Der Vorjahres-Zweite Moritz Weiß von der LGV Marathon Gießen bestätigte bei der 27. Auflage des Rennens seine Leistung, zog sein Rennen voll durch und siegte sicher in 1:12:53 Stunden.

Silas Becker vom TV Haiger setzte sich in der Entscheidung um Silber mit 1:14:05 Stunden gegen den Routinier Markus Mockenhaupt von der SG Wenden durch, der mit 1:14:45 Stunden die M45 gewann. Youngster Leonard Schraub aus Frankfurt freute sich über die erzielten 1:17:51 Stunden und den vierten Platz. Es folgten die M35-Starter Janek Holubarsch vom MTV Stuttgart (1:20:50 Std) und Getnet Alemu aus Bergisch-Gladbach (1:22:03 Std) sowie der M45-Zweite Viktor Horch vom TuS Deuz (1:22:53 Std).

Vor der Alten Universität am Rudolph-Platz verabschieden Zuschauer-Massen die Läufer ins Lahntal

Klare Siege fuhren in der M50 Lars Jucken (DVAG-Marathon-Team, 1:23:31 Std), in der M40 Christoph Schönegge vom Laufprojekt Büdingen (1:24:16 Std), in der M55 Gregor Köbler vom TV Groß-Umstadt (1:26:06 Std) vor Christoph Sulzer vom LSC Bad Nauheim (1:27:30 Std) und in der M60 Johannes Hafer aus Wetzlar (1:31:27 Std) ein. Die M65 gewann Helmut Raub vom SV Rhinos (1:59:40 Std), die M70 Anton Geißberger vom MTV Gießen (2:17:41 Std).

Flankiert von ihren Vereinskollegen Fynn Behle und Jörn Heyer stürmte Ronja Marte von der LGV Marathon Gießen beim Halbmarathon über die finale Runde im Marburger Universitäts-Stadion. Claudia Hoffarth und Markus Bourcarde von den Running-Voices feierten sie nach glänzenden 1:23:24 Stunden als klare Frauen-Siegerin. Damit unterbot sie die Siegerzeit von Lisa Schmitt aus Lahnau vom letzten Jahr nochmals um eine Minute.

Mit 1:30:01 Stunden schrammte die Zweite, Luisa Schäfer (OLLI OTT performance), haarscharf an der 1:30-Marke vorbei. Umkämpft war der dritte Rang im Frauen-Rennen. Lena Burghardt sicherte sich letztlich Bronze mit 1:32:22 Stunden vor den dichtauf folgenden Lilly Teßmer von der LGV Marathon Gießen (1:32:45 Std) und der W40-Siegerin Julia Sust aus Wetzlar (1:32:56 Std). Anschluss hielt auch Lena Geißel (München-Pasing-Obermenzing, 1:33:25 Std).

Die W50 hatte Melanie Brede-Paul von den SC Edermünde-Runners (1:34:01 Std) unter Kontrolle. Weitere Klassen-Erfolge erreichten in der W30 Henriette Scholz (1:44:48 Std), in der W35 Chantal Faber vom VfL Marburg (1:37:07 Std), in der W45 wieder Carmelia Wege vom SV Dodenhausen (1:41:12 Std), in der W55 Ulrike Radis (Erdinger Active Team, 2:06:36 Std), in der W60 Sabine Schaub (Kasselfornia Storm Runners, 2:15:56 Std) und in der  W65 die Triathletin Marieluise Hermanns von der DLRG Wetzlar (1:58:38 Std).

Marathon-Staffel

250 Marathon-Staffeln mit jeweils vier Läuferinnen oder Läufern sorgten beim Marburger Nachtmarathon wieder für ein außergewöhnliches Highligth, bei dem insbesondere im weiten Wechselbereich hinter dem Hirsefeld-Steg der Bär steppt. Auch wenn durch das Limit 50 Staffeln weniger als im Vorjahr starten konnten, überschlug sich wieder die Stimmung bei den Staffel-Mitgliedern und ihrem begeisterten Anhang während des Rennens und schließlich beim gemeinsamen Zieleinlauf unter Flutlicht im Stadion.

Zwar steht bei den meisten Staffeln der Spaß und das Gemeinschaftserlebnis im Fokus. An der Spitze wird aber auch hier auf die Zeiten geschielt. So startete der ASC Breidenbach mit einem absoluten Meister-Team, das in der Besetzung Janek Weber, Lorenz Rau, Alexander Hirschhäuser und Jannes Wilke den Streckenrekord auf herausragende 2:21:53 Stunden hievte. Die ebenfalls starke erste Staffel des VfL Marburg lief mit 2:26:57 Stunden auf den zweiten Rang vor dem zweiten VfL-Quartett (2:43:45 Stunden).

Das Titelbild zeigt den gemeinsamen Start zum Nachtmarathon in Marburg

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