Johannes Pistorius

Reformationsstadt Nidda

Von Elfried Maresch

Bekommt Nidda bald den Zusatz Pistorius-Stadt? Das wäre eine schöne Ergänzung des Jubiläums „500 Jahre Reformation in Nidda“ im Lauf des Jahres 2026, für das bereits Planungen des evangelischen Dekanats Büdinger Land wie auch des Vereins Heimatmuseum Nidda e.V. laufen.

Markante Person der Stadtgeschichte

Während der Stadtverordnetenversammlung vor Weihnachten beschloss das Gremium einstimmig, einen Antrag an das Innenministerium, dass die Bezeichnung „Pistorius-Stadt“ offiziell zu bestätigen. Damit wird ein Niddaer Bürger geehrt, dessen Namen untrennbar mit der Reformation in Oberhessen verbunden ist. Vom Johannitermönch zum Reformator, vom Bürger eines Landstädtchens zum Teilnehmer am wichtigen Augsburger Reichstag 1530, vom Familienvater zum Seelsorger, der in der Pestzeit seine Kirchengemeinde nicht verließ – Johannes Pistorius, der Ältere (1502 bis 1583), ein aufrechter Mann, gehört zu den markantesten Persönlichkeiten in Niddas Stadtgeschichte. Genau so erinnert werden soll an seinen Sohn, den Arzt und Gelehrten Johannes Pistorius, den Jüngeren (1546 – 1608), der 1588 wieder zum katholischen Glauben konvertierte, Priester und Generalvikar des Bistums Konstanz wurde.

Schon 2025 gab es vorbereitende Aktivitäten in einer Arbeitsgruppe, in der verschiedene Institutionen vertreten waren. Kreative Ideen wurden umgesetzt: Beate Harbich-Schönert aus dem Verein Heimatmuseum Nidda e.V. schrieb Spielszenen für eine Pistorius-Stadtführung und fand ein motiviertes Darsteller-Team. Eine social-media-Kampagne machte Person und Aussagen des Niddaer Reformators bekannt: für Toleranz, für achtsamen Umgang mit einander, für Bildung. Diesen Werten fühlte auch sein Sohn sich verpflichtet – vor wie nach der Konversion.

Pistorius-Apfel

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ – es ist nicht ganz sicher, dass dieser Satz von Martin Luther stammt. Doch die Arbeitsgruppe ließ sich von der mutigen Aussage inspirieren und bereicherte die Kampagne um einen Obstbaum neuer Sorte in Absprache mit der Stadt Nidda. Diese wurde in 2024 als Streuobstkommune ausgezeichnet und sorgt mit ihrem Streuobst-Konzept und dessen Umsetzung für den Erhalt dieses wichtigen Kulturbiotops.

Andrea Jungnick-Hoeltgen in der Rolle der Margaretha Pistorius übergibt Hans Gerlach ein Pistorius-Bäumchen. (Bildquelle Stadt Nidda)

Über die neue Sorte Pistorius-Apfel (AT) ist viel von Harald Schad zu erfahren. Der Stornfelser pflegt Obstbäume, hat eine eigene sortenreiche Streuobstwiese. Er macht erst einmal auf die Früchte neugierig: „Die jungen Bäumchen beginnen in vier oder fünf Jahren flachrunde Äpfel mit grüngelber Schale zu tragen. Sie haben meist da, wo sie auf der Sonnenseite hingen, orangerote Bäckchen, kontrastieren auf einem Obstteller schön mit Trauben oder späten Pflaumen. Sie sind Herbst-Winter-Äpfel, wohlschmeckend, bissfest und einige Monate lagerfähig.“ Schad half älteren Bekannten und schnitt ihren Apfelbaum. Er durfte die Lageräpfel probieren und stolz erzähle ihm der Senior, er habe den Baum selbst aus einem Apfelkern gezogen – ungewöhnlich, normalerweise müssen Apfelzweige, so genannte Reiser, auf Jungbäumchen aufgepfropft werden. Schad nahm einige Reiser dieses No name-Baums mit und pfropfte sie auf einen jungen Baum in seiner Wiese. Schad: „Sie wuchsen gut an, der Baum gedieh, aber eigentlich hatte ich ihn vergessen. Eines nachmittags war ich beim Ernten auf der Wiese, als mich Spaziergänger ansprachen. Sie hatten heruntergefallene Äpfel des neuen Bäumchens probiert: `Die schmecken ja gut. Wie heißt denn die Sorte?´ Das brachte mich etwas in Verlegenheit, `Apfel Namenlos´ klingt ja echt blöd. Ich probierte dann selbst und musste den Naschern recht geben: die Äpfel waren lecker!“

Viele bewährte Lokalsorten sind in den 1970-er und 1980-er Jahre verschwunden, als es allen Ernstes Prämien für das Fällen von Obstbäumen, das Roden von Streuobstwiesen gab. Schad: „Das bedaure ich sehr. Als mich dann noch Freunde um Apfelbäume von der Art meines Jungbaumes baten, beschloss ich, die Sorte im Kreis Interessierter vorzustellen. Das Streuobstwiesenfest 2023 in Ober-Lais schien eine gute Gelegenheit dazu. Ich hatte einen Stand mit alten Apfelsorten, half Festbesuchern bei Bestimmen ihrer mitgebrachten Äpfel und Birnen und wies auch auf die neue Sorte hin. Auch mit einer der Aktiven aus der Pistorius-Arbeitsgruppe kam ich ins Gespräch. Einige Zeit später rief sie mich an, erzählte von der Pistorius-Kampagne, erinnerte an das Luther-Zitat und schilderte die Idee, einen Apfel nach Pistorius zu benennen.“ Gesagt, getan: in der Gießener Baumschule Rinn wurden eine Anzahl junger Bäume als Unterlage herausgesucht, mit Reisern von Schads Sorte gepfropft und schließlich, als diese gut angewachsen waren, mit kräftigen Wurzelballen für das problemlose Anwachsen in Töpfe gesetzt. Die Stadt Nidda förderte diese Aktion und die Bäumchen sind inzwischen alle verkauft, in Gärten oder Streuobstwiesen ausgepflanzt.

Weitere Aktionen sind geplant. So will Martin Röhling, Steinmetzmeister und Vorsitzender des Vereins Heimatmuseum Nidda, den verschollenen Grabstein Johannes Pistorius d.Ä. nach einer historischen Zeichnung wieder gestalten. Ab März bietet der Verein Heimatmuseum auch wieder spezielle Stadtführungen an, bei denen in historischer Kleidung Szenen aus der Lebensgeschichte des älteren Pistorius dargestellt werden. Nähere Informationen gibt es bei museum-nidda@t-online.de oder per Telefon 0172 – 6749468.

Titelbild: Szene der Pistorius-Führung in der Niddaer Stadtkirche. Von links: Rolf Hartman als alter Johannes Pistoris d.Ä., Jan-Philipp Repp als junger Pistorius, Andrea Jungnick-Hoeltgen als Margaretha Pistorius, dessen Frau, und Annemarie Fischer-Müller als Mg Marianne. (Foto: Elfriede Maresch)


Information über die Streuobstkommune Nidda gibt es hier: www.nidda.de/streuobst

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