Das Timing der Nahrungsaufnahme
von Michael Schlag
Intervallfasten oder intermittierendes Fasten gilt als eine Methode, sich vernünftiger zu ernähren und abzunehmen. Dabei wird die tägliche Nahrungsaufnahme auf ein festes Zeitfenster begrenzt, meist auf acht Stunden, gefolgt von 16 Stunden ohne Essen. Auch medizinisch gilt dieses „Time Restricted Eating“ (TRE) als eine Ernährungsstrategie zur Prävention von Adipositas und Typ-2-Diabetes. Für den Erfolg der Methode zählt aber nicht nur die Einhaltung der Zeiten – wesentlich scheint auch, wann diese Zeitfenster im Tagesablauf platziert sind. Das zeigen jetzt veröffentlichte Forschungsergebnisse des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE).Isokalorische Diät
Macht es einen Unterschied, ob man morgens isst und ab Nachmittag fastet, oder umgekehrt abends isst und dann den nächsten Vormittag über keine Nährstoffe zu sich nimmt? Ein Forscherteam um Prof. Olga Ramich untersuchte 31 Frauen mit Übergewicht oder Adipositas, sie erhielten zwei Wochen lang einen festgelegten Plan mit Ernährungsphasen: Eine Gruppe bekamen für die Nahrungsaufnahme ein frühes Zeitfenster (8 bis 16 Uhr), eine andere Gruppe ein spätes Zeitfenster (13 bis 21 Uhr). Die Diät war in beiden Fällen „isokalorisch“, beide Gruppen erhielten die gleiche Kalorienzufuhr mit gleicher Nährstoffzusammensetzung. Während der Versuchsphase wurde das Blut der Teilnehmerinnen untersucht und zusätzlich Proben aus dem Unterhautfettgewebe am Bauch genommen.
Lipidomik gibt Einblick in Fettstoffwechsel
Die Proben wurden dann mit modernsten Methoden der Lipidomik auf über 300 Fette und fettähnliche Moleküle im Blutplasma analysiert. Das Ergebnis: Nur beim frühen Essen kam es zu signifikanten Veränderungen des Fettstoffwechsels. Dann nahm die Konzentration von insgesamt 103 Lipidarten ab. Das galt insbesondere für die Stoffgruppen der Ceramide und Phosphatidylcholine (Bestandteile der Zellmembran). Gerade diese beiden Stoffe spielen eine Rolle bei der Entstehung von Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die Aktivität mancher Enzyme des Lipid-Stoffwechsels veränderte sich deutlich bei der Methode ‚früh Essen – spät Fasten‘. „Wir sehen, dass der Zeitpunkt der Mahlzeiten einen Einfluss auf die Regulation des Fettstoffwechsels hat“, sagt Olga Ramich, Leiterin der Abteilung Molekularer Stoffwechsel und Präzisionsernährung am DIfE. Denn frühes Essen steht im Einklang mit den internen „zirkadianen“ Zeitrhythmen des Körpers und „führt zu messbaren Veränderungen im Lipidprofil und der Enzymaktivität, während spätes Essen diesen Effekt nicht zeigt,“ so Ramich.
Molekulare Unterschiede im Fettgewebe
Aber wie genau kommt es zu diesem Effekt? Um das zu verstehen, untersuchten die Forscher die Genaktivität im Unterhautfettgewebe der Studienteilnehmerinnen. Und fanden auch hier deutliche Unterschiede zwischen frühem und spätem Essen. Besonders betroffen war der Glycerophospholipid-Stoffwechselweg, das ist ein zentraler Prozess zum Aufbau von Zellmembranen und zur Regulation von Entzündungen. Mit der am DIfE entwickelten Methode „metaKEGG“ konnten die Ernährungsforscher schließlich drei Gene identifizieren, deren Aktivität sich je nach Essenszeit unterschiedlich veränderte. Diese drei Gene kodieren jeweils für Enzyme, die Fettsäuren aus Phospholipiden freisetzen und somit Umbauprozesse im Fettgewebe steuern. Damit wurde ein bislang unbekannter Signalweg nachgewiesen, der zeige, „dass das Fettgewebe auf frühes und spätes Essen unterschiedlich reagiert“, so Ramich.
Neuer Blick auf die innere Uhr
Bei den klassischen Parametern wie Cholesterin oder Triglyzeriden zeigten sich indes keine großen Unterschiede zwischen frühem und spätem Essen. Das Neue waren die erkannten Zusammenhänge auf der molekularen Ebene durch die Lipidomik-Analysen. Die jetzt gewonnenen Daten „deuten darauf hin, dass die Synchronisierung der Ernährung mit der inneren Uhr eine wirksame Strategie sein könnte, um den Fettstoffwechsel zu optimieren und Stoffwechselerkrankungen vorzubeugen,“ so Ramich. Dieses Forschungsfeld heißt Chrononutrition, es untersucht die Zusammenhänge zwischen Tageszeit der Nahrungsaufnahme und dem Stoffwechselgeschehen und Ramich sieht durch die jetzt gewonnenen Daten „neue Perspektiven auf das Konzept der Chrononutrition in der Adipositas- und Diabetesprävention“.
Timing der Nahrungsaufnahme
Chronobiologische Zusammenhänge bestehen aber offenbar auch in umgekehrter Richtung: Die gewählte Zeit des Intervallfastens beeinflusst ihrerseits die innere Uhr, das zeitbeschränkte Essen wirkt auf die zirkadiane Phase in Blutzellen. So war die innere Uhr bei den Teilnehmerinnen mit dem späten Zeitfenster „abends Essen – morgens Fasten“ durchschnittlich 40 Minuten nach hinten verschoben. Sie gingen später zu Bett und wachten später auf als die Probandinnen mit dem frühen Rhythmus. „Das Timing der Nahrungsaufnahme wirkt als Zeitgeber für unsere biologischen Rhythmen – ähnlich wie Licht das auch tut“, erklärt Beeke Peters vom DIfE.
Keine Methode zum Abnehmen
Wer sich vom Intervallfasten Gewichtsabnahme erhofft, dürfte von den Forschungsergebnissen allerdings enttäuscht sein. Intervallfasten alleine verbessert demnach weder das Körpergewicht noch die Stoffwechselgesundheit. Frühere TRE-Studien, die solche Effekte nannten, hätten offenbar nicht ausreichend unterschieden, ob sie durch die Beschränkung der täglichen Essenszeit zustande kamen oder eher durch eine damit verbundene Kalorienrestriktion. Auch dem ging die Studie mittels Blutproben und einem oralen Glukosetoleranztest nach. Unter den „isokalorischen“ Bedingungen gleicher Kalorienmengen zeigten sich keine klinisch relevanten Veränderungen der Insulinsensitivität, des Blutzuckerspiegels, der Blutfette oder der Entzündungsmarker. Diese Ergebnisse wiesen darauf hin, „dass die gesundheitlichen Vorteile früherer Studien vor allem durch eine unbeabsichtigte Kalorienreduktion entstanden sind, aber nicht durch die verkürzte Essenszeit selbst“, erklärt Ramich. Ursache für den Gewichtsverlust beim Intervallfasten ist ganz schlicht die Kalorienreduktion. „Wer abnehmen oder seinen Stoffwechsel verbessern möchte, sollte nicht nur auf die Uhr, sondern auch auf die Energiebilanz achten“, fasst Ramich zusammen.
Quelle: Deutsches Institut für Ernährungsforschung .dife.de und dife.de/news
Das Titelbild zeigt die Aufbereitung von Blutproben für spätere Analysen Foto: David Ausserhofer/DIfE

