Aus Hitler-Katastrophe lernen
von Jörg-Peter Schmidt
Wie konnte es geschehen, dass so viele Menschen den Verbrechern des Nationalsozialismus folgten? Dass 18 Millionen deutschen Soldaten andere Länder terrorisierten? Dieser Frage geht der renommierte Autor Götz Aly in seinem Buch „Wie konnte das geschehen – Deutschland 1933 bis 1945?“ nach, das er im ausverkauften Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses vorstellte.Alys Thesen stimmen nachdenklich
In der Veranstaltung des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) stellte der 78-jährige Historiker im Gespräch mit Moderator Felix Luckau (LZG) seine Argumente in freier Rede vor. Der gebürtige Heidelberger, der auch Journalist ist, verdeutlichte, dass von Anfang eine breite Mehrheit der Deutschen die Auffassung der Nazis teilte, dass die jüdische Bevölkerung zu bekämpfen sei.
Dieser Hass beschränkte sich nicht nur auf rechte Kreise. Sondern schon Jahre vor dem braunen Terror gab es die Diskriminierung der Menschen jüdischen Glaubens. Aly räumt mit dem Märchen auf, die meisten Bürgerinnen und Bürger hätten nicht gewusst, was mit ihren jüdischen Mitbürgern im Hitler-Staat geschah. Vielmehr beteiligte sich die Bevölkerung eifrig an Versteigerungen etwa jüdischer Haushaltsartikel. Und die Versammlungen zur Deportation erfolgten oft an öffentlichen Plätzen (Anmerkung des „Landbote“-Verfassers dieses Berichts: Auch in Gießen fand die Deportation an einem zentralen Platz, nämlich in der Goetheschule in der Westanlage, 1942 statt).
Ein Völkermord als Vorbild
Wie Götz Aly bereits in einem der ersten Kapitel darlegt, machten die Nazis bereits Anfang der 1920-er Jahre öffentlich deutlich: Sie sympathisierten mit dem Völkermord an Hunderttausenden von Armeniern im Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1917. Dies machten sich Hitler und Co. zum Vorbild. Nach ihrer Auffassung sollte das eigene Volk von „Fremdkörpern“ gereinigt werden. Aly konkretisiert, was die Hitler-Partei wollte: Für sie öffnete sich durch diese „Reinigung“ von den Juden die Möglichkeit, „eine überdurchschnittlich wohlhabende Minderheit komplett zu berauben.“ Aber es war nicht nur der Willkür gegen die jüdische Bevölkerung, weshalb aus der Weimarer Republik der Hitler-Staat wurde, unterstreicht der Politikwissenschaftler. Schon kurz nach der Machtübernahme 1933 wurden allfällige Zwangsversteigerungen von Äckern, Wiesen, Gebäuden und Möbeln weitgehend gestoppt.

Im Februar 1933 wurden die Gebühren für Krankenscheine und Rezepte von 50 auf 25 Pfennige reduziert. Und das geänderte Gesetz über den Mieterschutz und die Mieteinigungsämter (ebenfalls 1933 verabschiedet) stärkte die Position des Mieters erheblich, beschreibt Aly im Kapitel „Mieten-, Kündigungs- und Pfändungsbremse“.
Viele Menschen schauten weg – aber nicht alle
Menschen jüdischen Glaubens profitierten von diesen sozialen Erleichterungen nicht. Die meisten Deutschen konzentrierten sich auf die sozialen Verbesserungen und schauten weg, wenn Juden und Menschen verschiedener gesellschaftlichen Minderheiten oder Außenseitern sowie Kritikern des Regimes Leid geschah. Und die Aufrüstung lief!

Urheber
Domkapitular Gustav Albers († 1957)
Kirchen und Gewerkschaften wurden in den Hitler-Staat eingegliedert. Führungsstellen wurden hier durch Hitler-Treue ersetzt. Die christliche Bevölkerung wählte zunehmend NSDAP – auch wenn es Geistliche im Widerstand gab wie den katholischen Bischof Clemens August Graf von Galen, (Münster) , der im mehrere Predigten gegen das Euthanasieverbrechen hielt.
Bevölkerung steht im Mittelpunkt des Buches
Im Mittelpunkt der Veröffentlichung von Götz Aly stehen also nicht die Menschen an den Schalthebeln der Macht, die den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg verursachten. Sondern die Menschen aus den verschiedenen Schichten der Gesellschaft wie Alys Vater Ernst, der Soldat und später für die Kinderlandverschickung im Sudetenland führend tätig war. Ihn beschreibt Götz Aly als Zeitzeugen. Am Ende des Buches steht eine Überschrift, die gleichzeitig eine Mahnung ist. „Aus einer Menschheitskatastrophe lernen.“

Das Gespräch im Gießener Rathaus fand großen Beifall in einer Veranstaltung, die das LZG zusammen mit dem Forum Pankratius, der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung und der Volkshochschule Gießen veranstaltete.
Wie konnte das geschehen – Deutschland 1933 bis 1945“ ist im S. Fischer-Verlag erschienen und kostet 34 Euro.
Titelfoto: Titelbild: Ein Meilenstein in die Katastrophe: Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler am Tage von Potsdam (21. März 1933), (Foto: Wikipedia, Theo Eisenhart)

