Ausstellung in Frankfurt
Von Detlef Sundermann
Frankfurt trägt in diesem Jahr den Titel „World Design Capital“ (WDC). Nicht allein Kreative, auch Institutionen wie Museen fühlen sich verpflichtet, ihren Beitrag beizusteuern. Das Museum für Kommunikation hat sich hierzu eine Art Suchspiel ausgedacht. Einzelne Exponate der Dauerausstellung sind als Design-Ikonen markiert. Eine Sammlung von mit gelb-grünen Piktogrammen bedruckten Bierdeckeln soll dem Besucher beim Auffinden helfen und Erläuterung geben.Gewagte Produktgestaltung
„Die Exponate verdeutlichen, dass Design technische Innovationen verständlich, nutzbar und alltagstauglich macht“, heißt es in der Pressenotiz zu der Schau. Die Auswahl der Stücke lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob sie wirklich diesen Anspruch erfüllen. Eine gewagte Produktgestaltung könnte auch Ausdruck von Stil, von Firmen- oder Nutzerimage, von Individualität, von (verspieltem) Futurismus oder ein Epochenbrecher sein oder einfach eine Form, eine andere, gehobene Kundengruppe zu erreichen?
Zwanzig Objekte wurden ausgewählt, dabei wurde Design nicht immer mit Ästhetik gleichgesetzt. Wie sonst hätte es der VW „Fridolin“ in die Auswahl geschafft! Die Post beauftragte 1962 die Niedersachsen ein Sonderfahrzeug für den Zustellerbetrieb zu entwickeln. Heraus kam eine Kreuzung aus Personenwagen und VW-Bulli. Mehr als 6000 Einheiten baute man im Westfalia-Werk in Wiedenbrück von diesem Klein-Nutzfahrzeug. Das Chassis nahm man vom Karmann-Ghia, die Technik vom „Käfer“, und weil sie problemlos passte, die Hecktür vom VW-Transporter. Nicht alle Fridolins hat die Post abgenommen. Auch etwa die Schweitzer Post und die Lufthansa waren Kunden. Wohl kaum ob des Designs, aber praktisch war er mit 400 Kilogramm Zuladung und einer Innenhöhe von eineinhalb Meter wie kein anderer in dieser Zeit. Der US-amerikanische Hochhausarchitekt Louis Sullivan gab vor rund einhundert Jahren die Formel aus „forms follows function“, und das trifft sicher für die Erscheinung des Fridolins zu.
Strahlender Minimalismus
Dieter Rams Braun Weltempfänger T1000 in nüchternem, nach außen hin ausstrahlendem Minimalismus (beim Innenleben ging es opulent zu) verkörpert hingegen einen Designaufbruch, der mit dem Phonosuper SK 5 im Jahr 1958 seinen Anlauf nahm. Beide Geräte sind in der Schau markiert. Der „Schneewittchensarg“ von Dieter Rams und Hans Gogelot wirkte jedoch wegen seiner sperrigen Technik, fünf Röhren, noch klotzig. Das Design des T1000 ist ab den 1970er Jahren stellvertretend für alle Produkte des Kronberger Elektrogeräteherstellers. Die Welt und die Gesellschaft hatte sich geändert, das Gelsenkirchener Barock hatte in der Ära der 70er nichts mehr verloren. Gerhard Kubetschek hat dies mit seiner TV-Musik-Truhe Kuba Komet bereits Ende der 50er Jahre versucht – auch sie gehört zu den „20“. Doch für das nach einem Meisterstück eines Schreiners aussehende Möbelstück fanden sich offenbar damals noch zu wenig passende Wohnzimmer.
Braun stand mit seiner Radikalität nicht allein da, sondern war besonders mit Olivetti in bester Gesellschaft, wie die Divisumma 18 in der Schau zeigt. Die Italiener stellten ihr besonderes Faible für avantgardistische Formen Ende der 60er in der Niederräder Bürostadt mit ihrem Verwaltungsbau zur Schau.

Geschickt präsentiert
Dass der US-Hersteller Apple auch einmal so mutig wie Olivetti war, ist mit dem IBook G3 Clamshell zu sehen. Die einen belächelten es als aufklappbare Damenhandtasche, die anderen als „Babies toilet seat“. Und andere wiederum schüttelten sich im Einführungsjahr 1999 ob des Preises von mehr als 4000 Mark. Mittlerweile hat die Firma zum Braunschen Minimalismus umgeschwenkt. Die Designkeckheit besteht höchsten noch in einer metallisch, dezent gelb oder violetten Lackierung.
Museumspädagogisch ist die Sonderschau mit Dauerexponaten geschickt angelegt und die Objekte sind es allemal wert, mal „live“ gesehen zu werden. Man kommt so auch an zum Teil historischen und für Laien wundersamen Geräten vorbei, die mit Bildern, Texten oder Audioproben gut in ihrem historischen Kontext eingebunden sind. Manches davon kann sogar ausprobiert, etwa das Lochschreiben-Fernsehen, und auch von Kinder begrabbelt werden. Die Erläuterungen auf den „Kommunikationsdeckeln“ zu den Design-Ikonen geben sich jedoch nicht tiefgreifend. Es ist derselbe Inhalt wie auf den Karten an den Exponaten. Aber immerhin, die Deckel können kostenfrei mitgenommen werden und als Bierglasuntersatz dienen. In dieser Nutzung wären lange Text ohnehin fehl am Platz.
Die Ausstellung „Design-Ikonen der Mediengeschichte“ ist bis zum 31. Dezember 2026 im Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, in Frankfurt zu sehen.
Titelbild: Der gelbe Fridolin von VW für die Post
