Feuerwehr

Unfriede bei den Brandschützern in Karben

Von Klaus Nissen

Im Frühjahr 2023 ging er nach Streitigkeiten – nun versucht Christian Becker ein Comeback an die Spitze der Karbener Feuerwehr. Der in Okarben aufgewachsene 40-Jährige kandidiert zur Wahl des Stadtbrandinspektors am 24. April. Falls er den Posten bekommt, wollen einige Brandschützer aufhören.

Christian Becker will sein Amt zurück

Ganz leise räumte Christian Becker im April 2023 sein Spitzenamt. Er ging vor dem Ablauf seiner regulären Amtszeit – es wurde nicht an die große Glocke gehängt. Erst im Juli sprach sich herum, dass die Stadt ihren Chefkoordinator für die rund 200-köpfige ehrenamtliche Rettungs-, Lösch- und Bergungstruppe verloren hatte.

Warum genau Becker ging, blieb unklar. Dominik Rinkart, der Sprecher der Stadtverwaltung, schrieb damals auf Anfrage: „Wo Menschen leidenschaftlich zusammenarbeiten, ist es normal, dass es hin und wieder auch zu kleineren Querelen kommt.“ Um sie zu lösen, sei Becker zurückgetreten. Die Einsatzfähigkeiten der Karbener Feuerwehren sei weiter „jederzeit gegeben“. Becker blieb aktiver Feuerwehrmann; sein Geld verdient er als Angestellter der Karbener Stadtwerke.

Seit Ende Oktober 2023 hat Karben einen neuen Stadtbrandinspektor. Hartmut Töpfer aus Petterweil ist ein alter Hase, mit 58 Jahren eine ganze Generation älter und erfahrener als sein Vorgänger. Der ehrenamtlich bei der Feuerwehr tätige Elektroingenieur Töpfer hat bisher nicht signalisiert, dass er sein Amt aufgeben will. Er wolle wohl weitermachen, meint der Okarbener Feuerwehr-Vorsitzende Sebastian Oelstrom. Töpfer selbst bestätigte das nach mehrfacher Anfrage.

Kampfkandidaturen sind sehr selten

Es läuft auf eine Kampfkandidatur hinaus – was bei Feuerwehren eine Seltenheit ist. Normalerweise sind die ehrenamtlichen Brandschützer glücklich, wenn überhaupt jemand aus ihren Reihen ein zeitaufwendiges und verantwortungsvolles Führungsamt übernimmt. In Karben gibt es nun aber zwei Kandidaten.

Denn auch der frühere Stadtbrandinspektor Christian Becker will sein Amt zurück. Per Rundmail verschickte der Rendeler Wehrführer Frank Winkler im Januar eine Art Wahlplakat. Er tritt demnach am 24. April mit Becker als dessen Stellvertreter zur Wahl an. Becker schreibt auf dem PdF-Dokument, er strebe „durch Gespräche mit Führungskräften & Mannschaftsmitgliedern der Feuerwehr Karben reflektiert & weiterentwickelt – mit neuer Energie, vielen Ideen & großer Motivation zurück ins Amt.“ In die Stadtteilwehren brachten Winkler und Becker nach Auskunft eines Insiders sogar „richtige“ Wahlplakate mit Kopfbildern zum Aufhängen. Und für Unentschlossene gebe es Feuerzeuge. Feuerzeuge für Leute, die Feuer verhindern sollen.

Auf dem Acker neben dem Friedhof an der Straße nach Ilbenstadt soll bald der Bau des neuen Feuerwehrhauses für Burg-Gräfenrode beginnen. Der mehr als zwei Millionen Euro teure Neubau ersetzt das beengte Gerätehaus an der Freihofstraße. „Eigentlich läuft es super bei der Roggauer Wehr“, so deren Wehrführer Hendrik Strehl. Wenn die Causa Becker nicht wäre. Foto: Nissen

Manche führende Feuerwehrleute sind davon überhaupt nicht begeistert. Christian Becker habe ihn damals aus dem Amt gedrängt, sagt Sebastian Oelstrom. Nachdem Becker weg war, wurde der Okarbener wieder Vorsitzender der Stadtteil-Feuerwehr. Warum es Streit gab, will Oelstrom nicht ausplaudern.

Etwas konkreter wird der Burg-Gräfenröder Wehrführer Hendrik Strehl. Becker fehle der nötige Teamgeist, sagt er sinngemäß auf Anfrage. „Da geht es nur darum, sich selbst als den Größten darzustellen. Die ganze Wetterau hat sich über ihn lustig gemacht.“ Beckers Einsatzberichte hätten so gewirkt, als ob Becker allein die Lage in den Griff bekommen hätte.

Kritik am Führungsstil des früheren Stadtbrandinspektors

Richtig gekippt sei das Verhältnis, so Strehl, als sich Becker mit seinem Stellvertreter überwarf – nämlich Strehls Bruder Martin. Es gab 2023 laut Hendrik Strehl einen Beschwerdebrief über Becker, unterzeichnet von 22 aktiven Feuerwehrleuten. Daraufhin habe Bürgermeister Guido Rahn mit den Karbener Wehrführern gesprochen. „Da kamen ein paar Geschichten ans Licht“, so Hendrik Strehl. Becker habe beurlaubt werden sollen, sei dann aber selber vom Amt zurückgetreten.

Ob das so stimmt, will Christian Becker auf zweimalige Anfrage nicht beantworten. Er verwies an den Bürgermeister. Doch der sonst so auskunftsfreudige Guido Rahn hält in dieser Sache ebenfalls still. Er reagierte nicht auf die Anfrage dieser Zeitung. Zu vermuten ist, dass der Zwist den Bürgermeister nicht gerade begeistert. Andererseits kann und will er den Feuerwehrleuten nicht vorschreiben, wen sie wählen sollen. Und dass zwei Kandidaten um ein Führungsamt ringen, ist ja auch Demokratie.

Die Gefahr: Wehren könnten viele Mitglieder verlieren

Es steht allerdings vieles auf dem Spiel. Am 20. Februar trafen sich die Okärber Brandschützer zur Jahreshauptversammlung. Da wurde über Beckers Kandidatur gesprochen, so Sebastian Oelstrom. Wenn dieser Feuerwehrkamerad Stadtbrandinspektor werde, so werde er selber wahrscheinlich sein Vorstandsamt in Okarben aufgeben.

Noch drastischer ist die Ansage des Roggauer Wehrführers Hendrik Strehl und seines Stellvertreters Andreas Fröhlich. Im Bericht zur Hauptversammlung der Stadtteilfeuerwehr schreibt Strehl: „Wir schließen eine Zusammenarbeit mit Christian Becker aus und würden im Falle seiner Wahl mit sofortiger Wirkung als Wehrführung zurücktreten.“ Er würde die Feuerwehr dann ganz hinter sich lassen, so der 47-Jährige. Mit seiner Familie und seinem Beruf würde ihm nicht langweilig.

Im Rathaus sollen sich derweil weitere Feuerwehrleute gemeldet haben, die ihren Ausstieg signalisierten, falls Becker Stadtbrandinspektor würde. Ein Konflikt aus den Neunzigerjahren bei der Kloppenheimer Feuerwehr führter damals dazu, dass kaum noch Einsatzkräfte aktiv blieben. Von diesm Aderlass hat sich die Stadtteil-Wehr bis heute nicht erholt. Ihre einst starke Einsatzabteilung zählt heute nicht mehr als ein Dutzend Köpfe.

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