Lastwagen

Air-BnB für Trucker

Von Klaus Nissen

Weil Stellplätze fehlen, müssen Fernfahrer in ihren Lastern am Straßenrand übernachten – ohne Toiletten. Die „Ruhepausen“ dieser Menschen sind unglaublich stressig, berichtet die Chefin eines Fuhrbetriebs aus Hüttenberg. Dabei gebe es eine simple, fast kostenfreie Lösung, hieß es bei einer Zoom-Konferenz der Wetterauer Wirtschaftsförderung.

Parksuche mit Lkw ist „unglaublich stressig“

„Wenn ich die armen Kollegen sehe, die an der Autobahn stehen müssen, tut es mir in der Seele Leid!“ Das sagt Anja Blieder-Hinterlang, die Chefin eines Fuhrbetriebs in Hüttenberg und zugleich Vorsitzende des hessischen Fachverbandes Güterkraftverkehr und Logistik. Die Fahrer könnten ihren Truck in den vorgeschriebenen Pausen kaum verlassen.

Die Stellplätze für Lastwagen sind nicht nur wie hier auf dem Rasthof Wetterau fast immer belegt. Hessenweit fehlen rund 2600 sichere Standplätze, schätzt der ADAC. Foto: Nissen

Sie müssten ihre wertvolle Ladung hüten, stets in der Angst vor Auffahrunfällen und Vandalen. „Da wird nachts noch die Rückleuchte abgeschraubt“, so die Unternehmerin. An der Straße sei man vor Planen-Schlitzern nie sicher, hieß es in der Videokonferenz. Manchmal würden gar die Dieseltanks der stehenden Brummis angestochen.

Es wird nicht genug neue Stellplätze geben

Immer mehr Lastwagen sind unterwegs – der Bund wird nicht genügend Stellplätze schaffen können, meinte Claudia Bohner-Degrell vom Regionalverband Frankfurt Rhein-Main. Die Parkplatzsuche erhöhe den Spritverbrauch, den Abgas-Ausstoß, sie störe die Lieferketten und schrecke Menschen ab, die grundsätzlich zum Brummi-Fahren bereit wären. „Der massive Fahrermangel wird sich verschärfen“, warnte die Verkehrsbeauftragte des Regionalverbandes.

Wenn genug Betriebe mitmachen, lässt sich das Lastwagen-Stellplatz-Dilemma nach Ansicht des Güterverkehrs-Experten Thorsten Gutmann schnell lösen. Screenshot: Nissen

Dabei gebe es eine effektive, billige und schnell umsetzbare Lösung: das Air BnB für Lastwagen. Firmen in der Nähe der Autobahnen können ihre Höfe für parkende Fernfahrer öffnen. Dafür warben in der Online-Konferenz die Wirtschaftsförderer, Kommunalvertreter und Anbieter, die mit dem Stellplatz-Sharing schon Erfahrungen gemacht haben.

Anja Blieder-Hinterlang öffnete 2022 ihren Betriebshof in Hüttenberg. Neben den elf eigenen Muldenkippern durften dort bis zu zwei fremde Lkw pausieren. Inzwischen können sechs Fahrer gleichzeitig kommen. Und die Sanitäranlagen nutzen. Es gebe keine Probleme, „und die Fahrer sind absolut dankbar, dass sie parken dürfen.“ Manche kämen gar aus Erlensee angereist, um in Hüttenberg einen sicheren Pausenplatz zu nutzen.

Firmen sollen ihre Höfe für die Trucker öffnen

Der Güterverkehrs-Versicherer KRAVAG hat ein bundesweites Netzwerk organisiert, in dem laut Sprecher Thorsten Gutmann rund 400 Firmen an 95 Standorten rund 480 Truck-Stellplätze miteinander teilen. Auch der Bosch-Konzern macht Stellplatz-Sharing, so dessen Beauftragter Paul Riffel. Online könne man in zwölf Ländern an 670 Standorten auf rund 30 000 Lastwagen-Stellplätze zugreifen. Per App können die Fahrer die Tore zu den Betriebshöfen anderer Firmen öffnen, sich dann ausruhen und die sanitären Anlagen benutzen. Dafür werden ab acht, im Rhein-Main-Gebiet nicht unter 20 Euro pro Übernachtung fällig, berichteten Gutmann und Riffel. Zusätzlich bekämen die Spediteure Echtzeit-Daten, wo sich ihre Lastwagen gerade aufhalten.

Dies ist eine er der ersten Ladesäulen, die auch Lastwagen mit Batteriestrom versorgen kann. Sie steht auf dem Rasthof Wetterau-Ost. . Noch hat diese Technik Seltenheitswert. Aber die Elektro-Lastwagen werden sich durchsetzen, sagten die Experten beim Online-Gespräch. Foto: Nissen

Eine gute Idee – aber sie ist noch ausbaufähig. Im südlichen Hessen bietet neben der Firma Blieder in Hüttenberg nur noch Rewe in Neu-Isenburg und Ginsheim-Gustavsburg Parkplätze für fremde Lastwagen an. Die Wetterau hat keinen einzigen Sharing-Stellplatz. Auch das motivierte die Wirtschaftsförderer des Kreises, per Online-Schalte interessierte Unternehmer anzusprechen. Immerhin signalisierten fünf von etwa 30 Teilnehmern grundsätzliches Interesse. Sie können mit wenig Aufwand bald noch mehr Geld verdienen, lockten Gutmann und Riffel. Wenn sie nämlich ihre Ladesäulen für die fremden Lastwagen freigeben. Die Zahl der Elektro-Lkw sei noch gering, so die Insider. Doch sie werde massiv steigen.

Falsch parkende Trucks

Genau 13 217 Lastwagen zählte die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen an einem Werktag des Jahres 2023 auf der A5 in Höhe von Nieder-Weisel. Wer von dort nach Frankfurt fährt, passiert den trotz einer Erweiterung stets vollgeparkten Lkw-Rastplatz Schäferborn bei Friedrichsdorf. Davor und dahinter sind oft stehende Lastzüge auf der Standspur zu sehen, mit zugezogenen Vorhängen im Führerhaus. Obwohl bei einer Kontrolle 70 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg fällig werden.

Der ADAC zählte jüngst solche Falschparker. Demnach standen auf 85 von 100 Plätzen Lastwagen im absoluten Halteverbot. In Hessen wurden an sechs von 14 Anlagen kritische Parkverstöße festgestellt. An den hessischen Autobahnen fehlen nach Schätzung des ADAC mindestens 2600 Lkw-Stellplätze, bundesweit etwa 20 000. Nötig sei mehr Parkplatz-Sharing auf Betriebshöfen und das konsequente Ahnden von illegalem Parken.

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