Raketenteile-Druckerei bei Conti?
Von Klaus Nissen
Nur noch ein Monat – dann schließt das riesige Aumovio-Werk (früher: Continental) in Groß Karben. Einst arbeiteten um die 2000 Menschen beim Autozulieferer, erinnert der Betriebsratsvorsitzende Frank Grommeck. Die letzten 30 Arbeitnehmer räumen gerade die gespenstisch leeren Hallen auf. Nun taucht eine neue Geschäftsidee für das 12-Hektar-Areal an der Dieselstraße auf.Autozulieferer will Werk in Karben verkaufen
Es wird noch ein Geheimnis daraus gemacht. Die vom Continental-Konzern abgespaltete Tochterfirma Aumovio wolle das Werksgelände in Karben verkaufen, berichtet ihr Sprecher Sebastian Fillenberg auf Anfrage. Und blockt dann ab: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu weiteren Details im Zusammenhang des Verkaufsprozesses oder zu den entstandenen Gerüchten hinsichtlich Rüstungsindustrie aktuell nicht äußern.“

Die Gerüchte haben eine Quelle. Der Wirtschafts-Informationsdienst Bloomberg veröffentlichte am 31. Oktober in englischer Sprache einen Artikel über angebliche Verhandlungen zwischen Aumovio und dem 3D-Druckmaschinenhersteller Nikon SLM. Es gehe darum, etwa zehn Metalldrucker im Karbener Conti-Werk aufzustellen. Die Maschinen vom Typ NXG600e können laut Fachinformationsdienst 3druck.com bis zu 1,5 Meter hohe Metallteile von 60 mal 60 Zentimetern Kantenlänge herstellen. Die Produktion in Karben solle schon im ersten Halbjahr 2026 anlaufen.
Bloomberg berichtet über Verhandlungen
Kauf und Einrichtung der Maschinen würde um die 100 Millionen Euro kosten, schreiben die Bloomberg-Autoren Eyk Henning, Monica Raymund und Kamil Kowalcze. Ihre nicht genannten Gewährsleute berichteten, die Drucker könnten in Karben Teile für Raketen, Munition und andere Militärausrüstung herstellen. Vertreter der deutschen Verteidigungsbehörden nähmen an den Verhandlungen teil. Es gebe aber noch keine Verträge mit deutschen Rüstungsfirmen.
Doch schon Gerüchte schaffen Gewinn. An der Börse legte der Kurs von Aumovio deutlich zu. Der Preis für eine Aktie stieg binnen Monatsfrist um 4,95 Prozent auf 36,90 Euro.
Betriebsrat findet Rüstungs-Idee „erschreckend“
Frank Grommeck kann sich über diese neuen Chancen nicht freuen. Zwar habe der Konzern- und Gesamtbetriebsrat schon seit Jahren weitere Standbeine für den Autozulieferer gefordert.Aber er dachte eher an die Teile-Produktion in der Medizin- oder Umwelttechnik. Eine Zusammenarbeit mit Rüstungsfirmen fände er erschreckend: „Der Gedanke, dass Menschen ihren Unterhalt mit dem Tod anderer verdienen, schmerzt mich. Wirtschaftlich gesehen ist dies auch alles andere als nachhaltig. Eine Verschwendung von Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft für Güter, welche am Ende nicht verkonsumiert werden können … und das Ganze noch gesamtgesellschaftlich auf Schuldenbasis finanziert.“
Während das Karbener Aumovio-Werk nun abgewickelt wird, bleibt das Schwester-Unternehmen Aumovio Engineering Solutions (AES) weiter am Standort aktiv. Laut Firmensprecher Fillenberg fertigen rund 200 Beschäftigte an der Karbener Dieselstraße in Kleinserien Head-up Displays, elektronische Steuergeräte, Getriebesteuerungen und Touchpads – beispielsweise für Sportwagenhersteller. „Zudem betreibt die AES in Karben ein 3D-Druckzentrum und ist im Musterbau tätig. Vornehmlich sind die Beschäftigten der AES in der Produktion tätig. Entwicklung findet in erster Linie im 3D-Druck statt.“
Von VDO über Conti zu Aumovio
Mit ihren Tempo-Anzeigern (Tachometern) wurde die 1929 gegründete Firma VDO (Vereinigte Deutsch-Ota) bekannt. In den Wirtschaftswunderjahren wuchs die Produktion. Ende der Achtziger wurde das Werk an der Frankfurter Gräfstraße zu klein. VDO kaufte fast 130 000 Quadratmeter Ackerland westlich von Groß-Karben und baute 1989 eine moderne Fabrik mit zwei Produktionsetagen. Sie entstand auf 1200 Betonpfählen, die bis zu elf Meter tief in den ehemaligen Nidda-Sumpf getrieben wurden. Das Werk bekam ein Betriebsrestaurant,mehrere miteinander verbundene Hallen, Lager, Verwaltungsräume und nachträglich auch einen riesigen Firmenparkplatz. Denn die 500 Tiefgaragen-Parkplätze reichten für die Autos der im Schichtbetrieb tätigen Arbeiter nicht aus.
1991 wechselte der VDO-Konzern zu Mannesmann. Der kam im Jahr 2000 durch eine feindliche Übernahme zu Vodafone. Ein Börsengang misslang, das Karbener Werk ging an Siemens. Im Dezember 2007 verkaufte Siemens das Karbener und andere Werke für 11,4 Milliarden Euro an Continental. Dieser Konzern hatte 2021 laut Wikipedia weltweit etwa 560 Standorte.
Arbeitnehmer draußen – trotz 51-Millionen-Verzicht
Damals war der Druck auf die Beschäftigten längst gewachsen. Das Management drang auf Abweichungen vom Flächentarifvertrag. Betriebsrat Frank Grommeck: „In den Jahren2009 bis 2019 haben die Wertschöpfenden in Karben in Summe auf 51,9 Millionen Euro verzichtet. Teilt man das durch die Anzahl der damaligen Beschäftigten, entspricht das für jeden etwa einem Jahresgehalt. Begründet wurden die Ergänzungstarifverträge mit der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Standortsicherung.“
Es half nichts. Am 1. September 2020 kündigte Continental eine schnelle Schließung des Karbener Werkes an – in dem damals noch über tausend Menschen arbeiteten. In harten Verhandlungen erreichten Beschäftigte und IG Metall, dass die Schließung auf Ende 2025 geschoben wurde, die Engineering-Sparte in Karben bleibt und die Beschäftigten mit zusätzlichem Geld in die Altersteilzeit oder die Transfergesellschaft „10K“ geschickt wurden. Letztere qualifizierte sie in elf Runden für andere Jobs. Bislang sei das bei 85 bis 100 Prozent der Ex-Continentaler gelungen, so Frank Grommeck. „Wir haben es mit Hilfe der IG Metall wenigstens geschafft, dass die Leute mit geradem Kreuz rausgehen.“
Konzern macht weiter Milliarden-Umsätze
Weltweit beschäftigt Aumovio nach eigenen Angaben rund 86 000 Mitarbeiter. Den Umsatz für 2024 beziffert er auf 19,6 Milliarden Euro. Um Kosten zu senken, sollen laut Konzernchef Philipp von Hirschheydt noch Fabriken in Schwalbach, Babenhausen, Gifhornund Italien geschlossen werden.