Becher und Wright ziehen Bilanz
Der Widerstand in Gießen zur Gründung der AfD-Jugendorganisation in den Hessenhallen war enorm: Rund 25.000 Demonstrantinnen und Demonstranten protestierten. Die regionalen und überregionalen Medien berichteten über weitgehend friedliche Kundgebungen, leider aber auch über Gewalt.
Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (OB) und sein Stellvertreter Bürgermeister Alexander Wright ziehen Bilanz.
OB: Mut von vielen Tausenden
„Gießen hat nicht gebrannt, sondern geleuchtet – durch die vielen Augen derer, die auf die Straßen gegangen sind und fröhlich und friedlich ihre Unterstützung unserer Demokratie gefeiert und ihrer Sorge vor einem Rechtsruck Ausdruck verliehen haben.“ Mit diesen Worten blickt der OB auf Samstag, 29. November 2025 in einem Pressebericht der Stadt Gießen zurück.
Becher fährt fort: „Das ist das, was uns von diesem Tag in Erinnerung bleiben sollte. Zigtausende Menschen haben sich nicht abschrecken lassen von den Prognosen und Warnungen, die hier bürgerkriegsähnliche Zustände in der ganzen Stadt heraufbeschworen haben. Sie waren da und haben ihren Sorgen um unsere Gesellschaft Ausdruck verleihen können. Und sie haben eine große Gemeinschaft in dieser Stadt vorgefunden. Eine Gemeinschaft, die sie trägt, die uns trägt und die Botschaft in die Republik ruft: Wir sind mehr. Wir sind die Mehrheit. Dieser Mut kann von Gießen ausgehen. Und er muss uns alle weiter tragen. Auch in dieser Stadt: Nicht mutlos zu sein. Nicht resigniert zu sein. Nicht alleine zu bleiben mit Ängsten und Sorgen.“
„Kein Recht auf Gewalt“
Zugleich habe es auch andere Szenen jenseits der Lahn gegeben, die er bedaure. „Auf diese Bilder von Gewalt hätte ich auch gerne verzichtet“, so Becher. „Unser Grundgesetz kennt kein Recht auf Gewalt. Es garantiert aber, dass alle Menschen ein Recht auf Unversehrtheit haben.“ Er dankte der Polizei ausdrücklich für deren Einsatz,
Rechter Machtdemonstration getrutzt
Abschließend ordnet Becher ein: „Bei all dem dürfen wir aber nicht vergessen: Das Fazit dieses Tages kann nur heißen: Gießen hat sich weder von linker Gewalt noch von rechter Machtdemonstration in schwarzen Limousinen in die Flucht treiben lassen. Gießen hat gezeigt, dass Protest auch friedlich geht. Und legal ist. Dass friedlicher Protest nicht kriminalisiert werden kann. Gießen hat geleuchtet. Als Vorbild.“
Wright: Sicherheitskonzept erfolgreich
Bürgermeister Alexander Wright fügte hinzu: „Unser Sicherheitskonzept, für das wir von der Protest-Seite heftig kritisiert wurden, hat genau dies möglich gemacht. Es ist nicht nur höchstrichterlich durch mehrere Beschlüsse des VGH, sondern sogar noch vom Bundesverfassungsgericht am Samstag nach einer Beschwerde der ‚Linken’ bestätigt worden. Wir hatten mit diesem Konzept vor allem auf der Straße Erfolg. Damit haben wir friedlichen Protest und die Sicherheit der Demonstrierenden überhaupt erst ermöglicht“, sagte der Ordnungsdezernent.
Dank an die zahlreichen Helfer
Oberbürgermeister und Bürgermeister bedankten sich bei allen Mitarbeitenden, die zu diesem Ergebnis beigetragen haben. Neben den vielen Kräften des Ordnungsamtes, der Stadtpolizei, der Feuerwehr und den Rettungsdiensten seien „vom IT-Spezialisten bis zum Hausmeister“ über Wochen viele hunderte Menschen aus Stadtverwaltung und städtischen Betrieben im Einsatz für diese Stadt gewesen. Auch die extra eingerichtete telefonische Hotline sei rege genutzt worden und habe den Menschen gezeigt, dass die Stadt ansprechbar und für alle Sorgen und Nöte da sei. Besonders dankte die Stadtspitze den vielen Bereitschaftskräften aus dem städtischen Stadtreinigungs- und Fuhramt sowie dem Bauhof für den nächtlichen und sonntäglichen Extra-Einsatz. „Sie haben mit dafür gesorgt, dass die Stadt nun wieder ganz den Gießenerinnen und Gießener gehört. Die Sperrungen sind weitestgehend beseitigt und die größten Verunreinigungen sind weg“, sagten Becher und Wright. Soweit die Pressemitteilung der Stadt.
Gießen bleibt bunt!
Kommentar von Jörg-Peter Schmidt
Der immense Protest gegen die Neugründung der AfD-Jugendorganisation hat gezeigt, wie verärgert und enttäuscht so viele Menschen über folgende Situation sind: Rechtsextreme, völkische Gruppierungen nehmen weiter zu. Allerdings ist Wut kein Freibrief für Gewalt, die eine Minderheit der Demonstrantinnen und Demonstranten am Samstag in Gießen verübt hat. Das Werfen von Steinen und Pyrotechnik auf Polizistinnen und Polizisten ist kein gutes Argument.
Allerdings liefen am Wochenende auch Videos im TV und im Netz, die ein aggressives Verhalten der Polizei gegenüber Demonstranten zeigen. Auch dies muss aufgearbeitet werden.
Die meisten Proteste in Form von Kundgebungen oder Musikveranstaltungen verliefen friedlich, auch fröhlich. Auf solche Weise wird den Rechtsextremen besonders wirksam die Rote Karte gezeigt, wie es am Freitag bereits Gießener Schülerinnen und Schüler bei ihrem Streik und ihrer Kundgebung gezeigt hatten. Ganz wichtig: Gießen ist nach dem 29. November weiterhin eine bunte Stadt der Toleranz.
Titelbild: Luftaufnahme der Polizei Mittelhessen vom Demonstrationstag in Gießen.


