Wohnhaus fit für die Zukunft
von Theo Pauly
Der Umwelt- und Energieberater Theo Pauly hat sein 1950 in Rockenberg erbautes Haus fit für die Zukunft gemacht. Durch den Um- und Ausbau hat er die Wohn- und Nutzfläche verdoppelt während der Energieverbrauch auf weniger als 40 Kilowatztstunden im Jahr reduziert wurde. Der Wasserverbrauch ging bislang um 30 Prozent zurück und soll sogar um 70 Prozent reduziert werden. Wie er das gemacht hat, erzählt der Diplom-Ingenieur hier:Mit der Sonnen planen und bauen
Kürzlich wurde unsere „Jumbozisterne“ auf die Bodenplatte aus Kohlendioxydreduziertem Beton gesetzt. Der Regenspeicher (25.000 Liter) kann ein Drittel des jährlichen Niederschlags aufnehmen – groß genug, um längere Trockenzeiten zu überbrücken und die Regenrückhaltung entlastet bei Starkregen das Kanalnetz. Die Zisterne ist einer der letzten „Bausteine“ des Umbaus und der Modernisierung unseres Hauses, gebaut 1950. Die Strahlungsenergie der Sonne ist circa 5.000-mal höher als der weltweite Energieverbrauch.
Mit der Sonne planen und bauen stand von Anfang an im Fokus. Unser Holzwintergarten ist zugleich Klimapuffer, Solar-Akku und Wärmebooster. Selbst bei Frost wärmt die Sonne den Wintergarten, warme Luft durchströmt die Wohnräume und spart Heizenergie. Beheizte Wintergärten sind „Energieschleudern“, die Idee des Wintergartens wird zunichtegemacht. Mit einer energieeffizienten Gebäudehülle (ist gleich Wärmeschutz und Hitzeschutz) und bedarfsgeregelter Lüftung haben wir den Energieverbrauch auf 40 Kilowattstunden pro Quadratmeter minimiert. DieGebäudehülle wurde mit nachwachsenden Rohstoffen und Recyclingmaterial wie zum Beispiel Holzfaser und Zellulose gedämmt.
Effiziente Gebäudehülle
Für den Brand- und Schallschutz sowie gute Raumakustik wurden die Holzdecken mit mineralisch gebundenen (Holz-)Platten verkleidet. Fenster und Türen sind aus Holz und mit Hanf statt PU-Schaum eingebaut. Holz, Holzwerkstoffe, Pflanzenfasern sind langlebig, energieeffizient und speichern Kohlendioxyd. In Bereichen, die durch Feuchte gefährdet sind, wurde Schaumglas aus recyceltem Altglas eingesetzt. Alle Innen- und Außenoberflächen wurden konsequent mit Naturfarben behandelt. Wichtig ist der richtige Werkstoff für die jeweilige Anwendung und konstruktiver Bauteilschutz.
Eine effiziente Gebäudehülle übersteht Generationen. Hingegen sind Heizanlagen in der Regel nach 25 Jahren erneuerungsbedürftig. Schon über ein Viertel Jahrhundert erzeugen wir Sonnenstrom und sonnenwarmes Wasser. Die Holzpelletsheizung funktioniert seit 18 Jahren nahezu störungsfrei. Die DIN-Holzpellets werden regional aus Sägewerksresten hergestellt. Wir verbrauchen pro Jahr drei Tonnen Pellets für 450 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche und der Aschekasten muss nur einmal jährlich geleert werden. Bequemer geht’s nicht. Zwecks weiterer Energieeinsparung werden die vorhandenen Heizkörper Raum für Raum durch Wandheizungen (in Lehmplatten integrierte Heizrohre) ersetzt. Diese können im Bedarfsfall auch zur Kühlung genutzt werden. Zurzeit werden viele Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzt, aber dies ist nur sinnvoll, wenn die Wärmepumpen mit Sonnenstrom betrieben werden.
Rohrposttoiletten und Wärmetauscher
Geplant ist, die Spültoiletten durch Rohrposttoiletten „Floop“ zu ersetzen. Dann werden unsere Hinterlassenschaften automatisch in Behälter im Kellergeschoß gleiten. Der Inhalt wird abgeholt und extern zu Biodünger verarbeitet. Das bislang zur Toilettenspülung genutzte Regenwasser wird künftig zum Wäschewaschen, Hausputz und für den Garten genutzt. Trinkwasser wird nur noch zum Kochen, Spülen und zur Körperpflege benötigt. In der Summe werden wir künftig 70 Prozent Trinkwasser sparen.
Vorgesehen ist, das warme Abwasser (auch Grauwasser genannt) vom Duschen, Baden, Spülen über einen Wärmetauscher zu leiten, um den Energiebedarf zur Warmwasserbereitung zu senken. In der geplanten Pflanzenkläranlage wird das Grauwasser gereinigt und als Kreislaufwasser in die Jumbozisterne gepumpt. Pflanzenkläranlagen, begrünte Dächer und Fassaden sind voller Leben, kühlen die Umgebung und sind Ausgleich für die überbaute Fläche.
Aluminium haben wir nur zur Dachverglasung eingesetzt. Angesichts zerstörerischen Rohstoffabbaus (Bauxit) und energieintensiver Produktion sollte Alu auf notwendige Anwendungen beschränkt bleiben. Alufenster, -türen und -fassaden, Aludächer und -carports, Aluzäune und -möbel gehören sicher nicht dazu.
Keine chemischen Schutzmittel und kein PVC
Ein No-Go in unserem Ökohaus sind chemische (Holz-)Schutzmittel und die Kunststoffe PUR und PVC. Schon deren Herstellung ist energieintensiv und hochgefährlich. Bei der Anwendung von PUR-Bauschaum gasen krebserregende Isocyanat-Dämpfe aus. Bei PVC werden bei der Salzgewinnung Gewässer versalzt (zum Beispiel die Werra). Während der energieintensiven Chlor-Alkali-Elektrolyse entsteht giftiges Chlorgas (das war Kampfgas im 1. Weltkrieg). Aus verbautem PVC (Fenster, Türen, Vinylböden, Vinyltapeten, Spanndecken, Elektrokabel und -kanäle) gasen krebserregende Weichmacher aus und belasten die Raumluft. Im Brandfall entsteht ein Cocktail ultragiftiger Brandgase und beim Löschen Salzsäure.
Bereits 1996 sollte PVC verboten werden. Anstatt des Verbots werden mittlerweile 70 Prozent der Fenster aus PVC gefertigt. PVC-Produkte sind „billiger“, weil seit Jahrzehnten Umweltauflagen umgangen werden und die energieintensive, klimaschädliche PVC-Produktion subventioniert wird. Das ist ein skandalöser, politisch lancierter Marktvorteil zum Schaden der klimafreundlichen, nachhaltigen Forst- und Holzwirtschaft. Ich bin überzeugt: Würden Umwelt- und Gesundheitsschäden in PVC-Produkte eingepreist, würde sie niemand mehr kaufen. Wer weiß, wie viele Menschen infolge ausgasender Weichmacher schon an Krebs erkrankt oder sogar gestorben sind?
Für einen künftigen Umbau oder Rückbau unseres Hauses ist vorgesorgt: Alle Bauteile sind frei von Schadstoffen und haben lösbare Verbindungen. Sie können sortenrein getrennt und in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden. Alle Konstruktionselemente (Wände, Decken, Dächer), Fenster, Türen und so weiter können direkt wieder verwendet werden. Die lose eingebrachten Dämmstoffe können einfach abgesaugt oder demontiert und an anderer Stelle wieder genutzt werden.
Für eine lebenswerte Zukunft
Als Nachkriegsgeneration und Baby-Boomer geht´s uns so gut, dass wir kaum darüber nachdenken. Aber mit „immer mehr, schneller, weiter“ erzeugen wir immer mehr Klimagase und plündern unseren Planeten, als hätten wir eine zweite Erde im Kofferraum. Fakt ist: Bereits 1992, auf dem Klimagipfel in Rio, forderten Klimaforscher mehr Energieeffizienz sowie den schnellen Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien. Filme wie „Crash 2030“ (1994) oder „Eine unbequeme Wahrheit“ (2007), zeigten der Menschheit, was passieren kann, wenn sie so weitermacht. Immer häufigere Medienberichte über regionale klimabedingte Katastrophen sind deutliche Zeichen.
Unsere Generation ist die erste, die die Klimakrise erkannt hat. Unsere Aufgabe ist, das Kippen des Klimas zu verhindern. Alles, was wir heute im Klimaschutz unterlassen, müssen unsere Nachkommen teuer bezahlen. Wir sollten uns nicht wundern, wenn unsere Renten gekürzt werden, weil die Sanierung von Katastrophenschäden nicht mehr zu finanzieren ist.
Der Gebäudebestand verursacht etwa 40 Prozent der Klimagase. Je nach Bauzustand kann bis zu 75 Prozent Energie eingespart werden. Der durchschnittliche tägliche Trinkwasserverbrauch von 125 Liter pro Person muss deutlich gesenkt werden, um künftig die Wasserversorgung zu sichern. Mit Trockentoiletten, Regen- und Brauchwassernutzung können 70 Prozent Wasser eingespart werden – hygienisch und komfortabel.
Nachhaltig Bauen und Modernisieren heißt: gesundes Raumklima genießen und sich über niedrige Energie-, Wasser- und Abwasserkosten freuen. Lassen Sie sich ein nachhaltiges Modernisierungskonzept erstellen. Wem für die Modernisierung die finanziellen Mittel fehlen, sollte sich beraten lassen. Auch Senioren und Seniorinnen können Baukredite und Förderung erhalten. Als 68-jähriger finanziere auch ich die aktuellen Maßnahmen mit einem Baukredit.
Unabhängig von Despoten
Viele Zisternen an vielen Orten können Überschwemmungen verhindern. Machen wir aus der Klimakrise ein nachhaltiges Wirtschaftswunder mit Millionen Arbeitsplätzen – wie nach den Ölkrisen der 1970er Jahre. Energiesparen wurde schnell zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor: Effizientere Fahrzeuge, Heizungen, Maschinen, Anlagen, Bau- und Dämmstoffe. Isolierglasfenster wurden Standard.
Es liegt an uns. Jede eingesparte Ressource ist gut für´s Klima und macht uns weniger abhängig von Despoten wie Trump, Putin und Co. Übernehmen wir mehr Verantwortung, seien wir Vorbild für unsere Nachkommen, engagieren wir uns mehr für nachhaltige Entwicklung, für eine lebenswerte Zukunft und damit auch für den Erhalt unserer Demokratie.
Lebenswert heißt: genug Wasser für alle, lebendige Wälder, Flüsse, Seen, Meere; 100 Prozent Kreislaufwirtschaft, kein Müll mehr; starke (Bio-)Ökonomie mit Millionen Arbeitsplätzen; 100 Prozent Erneuerbare Energien, regionale Nährstoffkreisläufe, gesunde Böden und Pflanzen, Artenvielfalt, bezahlbare Kosten für Energie, Wasser, Abwasser; Keine Konflikte um Wasser, Energie, Rohstoffe; Global Fairtrade mit fairen Löhnen und sicheren Lebensgrundlagen. Dann brauchen Menschen nicht zu flüchten.
Titelbild: Das Ökohaus von Theo Pauly in Rockenberg.

