ANTISEMITISCHER ANSCHLAG

Solidarität mit jüdischer Gemeinde

Die Stadt Gießen, die jüdische Gemeinde Gießen und das Polizeipräsidium Mittelhessen haben eine gemeinsame Pressemitteilung verfasst. Es geht um einen versuchten Brandanschlag vor der jüdischen Gemeinde Gießen eines 32-jährigen Deutschen am Dienstagabend, 13. Januar 2026, bei dem glücklicherweise niemand zu Schaden kam.

Bewegendes Gespräch in Gießen

Polizeipräsident Torsten Krückemeier, die Leiterin der mittelhessischen Abteilung Einsatz, Leitende Kriminaldirektorin Carina Lerch, Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher und der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gießen, Dow Aviv kamen zu einem  Gespräch zusammen. Das Treffen in den Räumen der jüdischen Gemeinde diente neben dem Informationsaustausch vor allem einem weiteren Zweck: dem Ausdruck der engen Verbundenheit.

Stellungnahme des Polizeipräsidenten

„Durch viele gemeinsame Treffen, Projekte und Gespräche bin ich ohnehin eng mit der jüdischen Gemeinde Gießen verbunden. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, diese Verbundenheit nach außen zu tragen und heute hier zusammen zu kommen. Frau Lerch und mir wurde eindrucksvoll geschildert, welche Betroffenheit unter den Mitgliedern der Gemeinde, aber auch der Gießener Bevölkerung herrscht. Als Polizei ist es unser Auftrag, die Grundrechtsausübung zu gewährleisten. Darunter fällt auch die Religionsfreiheit. Wir tun alles, um einen bestmöglichen Schutz der jüdischen Gemeinde sicherzustellen. Ich bin erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Dies ist auch dem schnellen Eingreifen der Polizeikräfte, die erste Löschversuche unternahmen, und der Feuerwehr zu verdanken. Der Vorfall untermauert umso mehr, wie wichtig es ist, in die Stärkung unserer Demokratie zu investieren. Mit Hoffnung hat mich derweil erfüllt, dass offenbar zwei Zeugen Zivilcourage bewiesenen, einschritten und der Polizei die schnelle Festnahme des Tatverdächtigen ermöglichten“, erklärte der sichtlich betroffene Polizeipräsident.

Frank-Tilo Becher,  Dow Aviv, Carina Lerch und Torsten Krückemeier vor der jüdischen Gemeinde. (Foto: Polizeipräsidium Mittelhessen).
Auch OB Becher ist sehr betroffen

Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher zeigte sich ebenfalls sehr betroffen: „In solchen Momenten, in denen der Schock über das Geschehen und das Gefühl der Verwundbarkeit besonders die Mitglieder in der jüdischen Gemeinde in Schrecken versetzt hat, ist eines besonders wichtig: Wir als Stadtgesellschaft wollen zeigen, dass wir beieinander stehen. Ich sage deshalb sehr deutlich: Wir stehen an Eurer Seite, Ihr seid nicht allein.“ Diese Botschaft habe er dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde an diesem Tag überbracht.

„Dass erneut Unbeteiligte wachsam waren und wohl auch derart couragiert eingegriffen haben, erfüllt mich gleichzeitig mit Hoffnung und Dankbarkeit. Das zeigt, dass in dieser Stadt Beherztheit statt Gleichgültigkeit herrscht. Auch wenn solche Vorfälle Angst machen: Wir sind diesem Schrecken nicht völlig hilflos ausgeliefert, wenn wir erfahren können, dass andere Menschen helfen. Das gilt ebenso für Feuerwehr und Polizei, die schnell reagiert und Gefahren abgewendet haben“, fügte der OB an. „Dennoch müssen wir natürlich auch immer wieder kritisch hinterfragen, ob es angesichts der weltweiten zunehmenden Anfeindungen gegenüber jüdischen Gemeinden weitere Schutzmaßnahmen auch vor Ort braucht. Dazu bleiben wir in engem Austausch“, erklärte Becher abschließend.

Dow Aviv schildert Angst

Der Gemeindevorsitzende, Dow Aviv, schildert die Sicht der Gemeinde: „Es ist schwer, sich die Angst und die Verzweiflung vorzustellen, die so ein Angriff auf unsere Synagoge bei den Bewohnern des Hauses ausgelöst hat. Die Vorstellung, was noch passieren könnte, sitzt immer noch tief in mir. Seit dem 7. Oktober 2023 war die Angst von einem Anschlag bei uns in der jüdischen Gemeinde stets präsent. Gott sei Dank, es entstand nur Sachschaden. Kein Mensch ist zu Schaden gekommen. Ich möchte mich bei den Menschen bedanken, die Zivilcourage zeigten und den Täter an der Flucht hinderten, bis die Polizei eintraf. Danke an die Polizei, die Feuerwehr und die Sicherheitskräfte, die Schlimmeres verhindert haben. Ich danke herzlichst Oberbürgermeister Becher und seinen Mitarbeitern, für die Anteilnahme und zugesicherte unbürokratische Hilfe. Wir werden unsere Rechte, hier in Frieden und mit Freude zu einschüchtern. Ich möchte klarstellen: Antisemitismus ist kein Problem der Juden. Es ist ein Problem der Gesamtgesellschaft. Ein Angriff auf Juden ist ein Angriff auf unsere Demokratie. Ich wünsche mir Solidarität mit den hier lebenden Juden die das Recht haben, hier und jetzt angstfrei zu leben.“

Täter zeigte laut Kamera „Hitlergruß“

Soweit die gemeinsame Pressemitteilung zu  folgendem Vorgang: Am 13. Januar abends wurde von einem Zeugen ein brennender Müllcontainer vor dem Gebäude der jüdischen Gemeinde Gießen gemeldet. Sofort fuhren mehrere Streifenwagen zum Einsatzort im Burggraben. Einsatzkräfte nahmen noch vor Ort den Tatverdächtigen vorläufig fest. Die Feuerwehr löschte das Feuer. An einem Rollladen des Gebäudes sowie am Eingangstor entstand durch das Feuer Schaden. Der Täter, der laut einer Überwachungskamera zudem vor der Synagoge noch den „Hitlergruß“ zeigte, wurde von einer Haftrichterin in die Psychiatrie eingewiesen.

Titelfoto: Torbogen der Beith-Jaakov-Synagoge in Gießen. Auf dem Torbogen steht  in hebräischer Schrift der Satz „B’veit Elohim nehalach berages“, was bedeutet: „In das Haus Gottes schreiten wir mit Würde“ (aus Psalm 55,15b).  (Foto: Wikipedia, Decebalus2021)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert