Wildblumen für Insekten

Gärten und Wiesen sind zu ordentlich

Von Klaus Nissen

Damit die Insekten zurückkehren, müssen mehr Kräuter und Wildblumen wachsen.  Der Naturschutzbund Wetterau verteilt nun Saat-Tüten und ruft zum Wettbewerb auf. Auch der Wetteraukreis startet eine Kampagne, damit mehr Wildblumen für Insekten gesät werden.

Wildblumen für Insekten

Die blau blühende Phacelia ist nicht nur als Bienenweide, sondern auch als Stickstoffdünger nützlich. Foto: Nissen

Der seit Monaten beklagte Insekten-Schwund führt allmählich zu konkreten Rettungsmaßnahmen. Die Bundesregierung billigte im Juni 2018 grundsätzlich den Plan der Umweltministerin Svenja Schulze (SPD),  Projekte zur Förderung der biologischen Vielfalt mit fünf Millionen Euro zusätzlich fördern. Der Wetterauer Landrat Jan Weckler (CDU) startet die Kampagne „Mehr Unordnung im eigenen Garten und auf kommunalen Flächen.“ Er sagt: „Vorgärten, die ausschließlich aus Gabionen und Steinschüttungen bestehen, sind kein attraktiver Lebensraum für Insekten.“ Bei den kreiseigenen Schulen und Amtsgebäuden soll auf Wunsch des Landrats die Anlage von Blühstreifen geprüft werden.

Die kleine vielette Blüte der Braunelle lockt Wildbienen an. Foto: Nissen

Parallel dazu beginnt nun eine Art Wettbewerb des Wetterauer Naturschutzbundes (NaBu). Die 20 Ortsverbände verteilen ab sofort – möglichst gegen eine Spende – Tütchen mit Kräuter- und Blumensamen für jeweils einen Quadratmeter. Die kann man in einer ungenutzten Ecke des eigenen Gartens auf den vorher vom Rasen befreiten Boden streuen. Man muss ihn für einige Tage feucht halten und kann dann zusehen, wie die Wildbienen und Käfer zurückkehren. „Wir wollen bald die ersten tausend Quadratmeter zusammen bekommen“, sagt Frank-Uwe Pfuhl von der NaBu-Umweltwerkstatt in Assenheim. Weil die bunten Flecken auch schön sind, reicht der Zuspruch für etliche Hektar Blumenwiesen in der Wetterau, hoffen die Aktiven des Umweltverbandes. Sie verteilen neben den Tüten eine selbst erstellte 28-seitige Broschüre über artenreiche Blumenwiesen und Flyer mit Anbau-Tipps. Details dazu gibt es auf der Webseite www.nabu-wetterau.de.

Zusätzlich soll ab August 2018 eine Insektenzählungs-Kampagne starten. Wie die funktioniert, erfährt man unter dem Suchbegriff „Insektensommer“ im Internet. Der NaBu entwickelte eine Smartphone-App, die das Zählen und Bestimmen der Insekten erleichtert.

Auch der unscheinbare Mittelere Wegerich ist eine bei Insekten beliebte Nahrungspflanze. Foto Nissen

Am 22. Juni 2018 zeigten die Umweltschützer zwischen Effolderbach und Stockheim bei Ortenberg, dass auch Landwirte und Kommunen viel tun können, um mehr Nahrung zu schaffen für die 500 Wildbienenarten, 8000 Käferarten, 500 Wanzenarten und die etwa 180 unterschiedlichen Schmetterlinge in Deutschland.  Klaus Wörner von der Jagdgenossenschaft hat dort mit einem Landwirt einen unbefestigten Feldweg in einem Blühstreifen verwandelt, der auch von den Ackermaschinen befahren werden kann. „Hier verstecken sich die Hasen. Wir haben hier auch wieder Rebhühner“, so Wörner. Zu oft würden die Feldwege noch gegrubbert, also  aufgerissen und von Bewuchs befreit, damit keine Unkrautsamen in das nebenan stehende Getreide wachsen.

Manche Landwirte zeigen sich aber aufgeschlossen für den Wunsch nach mehr Unordnung an den Ackerrändern, sagte Frank Uwe Pfuhl. Die Landwirtin Angelika Bobrich aus Altenstadt beklagte vor Ort, dass die EU-Agrarförderung noch zu sehr auf Wirtschaftlichkeit achte. Sie habe Zuschüsse zurückzahlen müssen, nur weil auf ihrem Grünland zu viel Schilf und andere Wildpflanzen wuchsen.

Zwischen den Feldern von Effolderbach bei Ortenberg zeigen (v.l.) Angelika Olbrich, Andreas Sievernich, Manfred Vogt und Bärbel Kraft, wie man wenig genutzte Feldwege in artenreiche Wildblumenwiesen verwandeln kann. Foto Nissen

Bärbel Kraft vom Liegenschaftsamt der Stadt Ortenberg präsentierte ein Stück Streuobstwiese, auf dem blaue Phacelia und Braunellen, gelber Senf, viele Kamilleblüten und Wegerich wachsen. Das passiere in größerem Maßstab gerade auf den Obstwiesen in Rosbach nahe der A5. Bei Bärbel Kraft und in anderen Wetterauer Liegenschaftsämtern dringt der Nabu momentan darauf, die nur selten genutzten kommunalen Grünflächen nicht mehr alle Wochen lang abzumähen. Besser sei es, sie einmal von der Grasnarbe zu befreien und mit Saatmischungen zu belegen. Die Insekten anlockenden Pflanzen müssten viel seltener gemäht werden – das spart die Städte und Gemeinden laut Bärbel Kraft einiges an Kosten und Personal-Einsatz. Die Stadt-Bedienstete hat sich davon sogar anregen lassen, in ihren bislang von Geranien bevölkerten Balkonkästen Wildblumen wachsen zu lassen. „Seitdem ist im Garten richtig viel los“, sagte Bärbel Kraft.

Mücken brauchen keine Blumen

Die Nabu-Umweltwerkstatt rät dazu, je nach Beschaffenheit des Bodens unterschiedliche Saatmischungen anzuwenden. Informationen und Saatgut finde man in Gartengeschäften. Und im Netz unter den Suchworten „Wildsaatgut Hessen“.. Auch ohne Saatgut kann man mehr für die Insekten tun, so Frank Uwe Pfuhl. Und sei es, indem man die Ecken des eigenen Rasens viel seltener mäht. Die dann von selber wachsenden Brennesseln ziehen zum Beispiel Tagpfauenaugen an. Und zu den Wilden Möhren flattern Schwalbenschwänze, um auf den Blättern ihre Eier abzulegen. Die lästigen Mücken werden durch die wilden Gärten übrigens nicht zahlreicher, sagt Pfuhl. Denn die leben ja von Blut und nicht von Wildblumen-Nektar.

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