Wassernotstand

SGV fordert rasches Handeln

Kurzsichtigkeit sei behebbar, aber offensichtlich nicht bei etlichen politischen Entscheidungsträgern, meint die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV), die sich gegen den Raubau am Vogelsberg-Grundwasser wehrt. Das Wasser wird in Massen nach Frankfurt gepumpt. Vorausschauende Anpassungen an den Klimawandel würden weder beschlossen noch umgesetzt. Ein typisches Beispiel sei das Verhalten der Frankfurter Stadtpolitik. „Solange aus dem Umland noch genügend Wasser in Frankfurts Hochbehälter gepumpt wird, interessieren die Sorgen und Nöte der Liefergebiete die Stadtoberen bis auf Ausnahmen kaum“, beklagt die SGV.

Schutzgemeinschaft kritisiert „Weggucker“

Den Politikern sei der „Tanz ums goldene Wachstums-Kalb wichtiger als das Umsetzen vermeintlich unpopulärer, aber dringend notwendiger Maßnahmen im Sinne einer langfristigen Daseinsvorsorge“, vermutet die Schutzgemeinschaft. Die „große Politik“ hoffe „trotz ihrer 50 Jahre Verspätung immer noch darauf, den Klimawandel als solchen ausbremsen“ zu können. Dass dieses Wunschdenken naiv sei, zeige die Hitzewelle 2018 gnadenlos auf. Der Klima- und Wetterwandel finde definitiv statt, auch wenn er unerwünscht und nicht gesellschaftsfähig sei. „Langsam müsste diese Erkenntnis auch bei hartnäckigen Wegguckern, die mit ihrer Ignoranz die Lebensgrundlagen künftiger Generationen aufs Spiel setzen, ins Bewusstsein einsickern. Die Erderwärmung macht keinen Kotau vor Präsidenten oder Ministern, selbst wenn diese sich für nahezu allmächtig halten“, erklärt die SGV. Die politischen Reaktionen auf den diesjährigen, extrem trockenen Sommer seien zwar vollmundig, kämen „aber eher stereotyp hilflos daher“.

Es werde vor allem über die zweifellos erforderlichen, kurzfristigen Hilfen für die Land- und Forstwirtschaft diskutiert, also über Geld. Um die notwendige Strukturänderungen werde aber immer noch ein großer Bogen gemacht. Und um die eigene Untätigkeit zu kaschieren, werde vielfach abgewiegelt: das sei doch alles nicht so schlimm und die ewig nörgelnden Wissenschaftler und Umweltverbände würden wie üblich falschen Alarm schlagen.

Grenzen der Grundwasserstände erreicht

Durch die Frankfurter Klos fließt noch Trinkwasser. (Foto: Flammingo/Wikipedia)

Als „typisches Beispiel“ führt die SGV die Stadt Frankfurt an. Solange aus dem Umland noch genügend Wasser in Frankfurts Hochbehälter gepumpt werde, würden die Sorgen und Nöte der Liefergebiete die Stadtoberen bis auf Ausnahmen kaum interessieren. Entgegen der Fakten werde selbstsicher behauptet, die Grundwasserspeicher dort seien gut gefüllt. In Wirklichkeit seien die ersten Grenzgrundwasserstände, ab denen die Fördermengen gedrosselt werden müsse, bereits erreicht. Der große, tägliche Durst der Metropole, der vor wenigen Tagen ein Allzeithoch erreicht habe, grabe gerade in Trockenzeiten dem Naturraum der Liefergebiete das Wasser ab. Das werde ebenso übersehen wie die Tatsache, dass eine Grundwasserneubildung erst wieder in 2019 einsetzen könne. Frankfurts Anspruch, sich trotz alledem ohne Limit aus dem Umland versorgen zu lassen, komme mit einer solch erstaunlichen Selbstverständlichkeit daher, dass er auf dem Lande als der altbekannte urbane Imperialismus früherer Tage wahrgenommen werde. „City First eben. Pardon, Green City First natürlich“, so die SGV.

Dabei lägen die technischen und administrativen Problemlösungen, die für alle Beteiligte eine Win-to-Win-Situation darstellen würden, schon seit rund 30 Jahren auf dem Tisch. Würde Frankfurt mehr eigenes Wasser, auch solches ohne Trinkwasserqualität, zum Beispiel in dezentralen Inselversorgungssystemen nutzen, würden die Risiken für Engpässe in der eigenen Wasserversorgung ebenso reduziert wie die für den Naturraum des Umlandes, erläutert die Schutzgemeinschaft. Trotz der erforderlichen Investitionen könnte zudem der Wasserpreis für die Endverbraucher gesenkt werden, denn aufwendig aufbereitetes Trinkwasser sei teurer als Brauchwasser. Vorreiter-Kommunen, bei denen solche Systeme schon problemlos funktionieren, gebe es auch. „Hinkt Frankfurt bei solchen Maßnahmen, die für die Zukunftssicherung ohnehin unerlässlich sind, deshalb hinterher, weil hier Betriebswirtschaftler, deren Vorstellungen von Nachhaltigkeit nicht über den Horizont selbst definierter Gewinnmargen hinausreicht, im Hintergrund das Sagen haben? Oder verhält es sich wie ein schlechtgelaunter Morgenmuffel, der danach trachtet, den Sonnenaufgang durch festes Augen-Zukneifen ungeschehen zu machen?“, fragt die SGV.

Front der Ignoranz bröckelt

Durch das jahrelange, beharrliche Agieren hessischer Umweltverbände beginne „die Frankfurter Front der Ignoranz jetzt zu bröckeln“, stellt die Schutzgemeinschaft fest. Zumindest die Umweltdezernentin habe nach langem Zögern endlich den Stab für den Aufbruch in eine neue Ära der dualen Wasserversorgung gebrochen. Ihre durchaus mutige, öffentliche Ankündigung, dass Frankfurt nunmehr sein ökologisches Herz nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Wasserliefergebiete in die Hand nehmen will, habe bislang weit weniger Aufmerksamkeit erregt, als sie es verdiene. In der Metropole sollen demnach für die künftige Bautätigkeit Vorgaben für das Nutzen des eigenen Wassers gelten, durch die unter anderem separate Leitungssysteme einwandfreies Brauchwasser in Frankfurter Toiletten und Gärten bringen sollen. „Dies wäre eine der längst überfälligen Maßnahmen, mit der die Metropole ihre Klimaanpassung zielgerichtet selbst gestalten könnte, anstatt dem Klimawandel und der immer massiveren Kritik, einem Grundwasserraubbau Vorschub zu leisten, ausgeliefert zu sein. Zudem würde sie ihre Abhängigkeit von der schwindenden Grundwasserverfügbarkeit des Umlandes entscheidend mindern“, kommentiert die SGV.

Mit einem solchen „ökologisch-wasserwirtschaftlichen Quantensprung“ könne Frankfurt nicht nur in Hessen, sondern auch in Europa und darüber hinaus Vorreiter für das Lösen der immer größeren urbanen Wasserprobleme werden. Auch dass eine solcherart nachhaltige Ressourcennutzung gerade einer Green City sehr gut zu Gesicht stehen würde, und dass sie den Stadt-Land-Konflikt entscheidend entschärfen würde, werde niemand leugnen. Allerdings stehe nach wie vor die Frage im Raum, ob sich Frankfurt wirklich auf seine eigene Stärke, in einem wasserreichen Gebiet zu liegen, besinnen wird, oder ob sich die Frankfurter Politik weiterhin dem Diktat einer gewinnorientierten Wasserwirtschaft unterwerfen wird, für die ein hoher Trinkwasserverbrauch ein wichtiges Geschäftsziel ist.

„Erheblich mehr Einsicht, Mut und Einigkeit als bisher werden im Römer in den nächsten Wochen notwendig sein, damit Frankfurt möglichst schnell den Einstieg in die duale Wasserversorgung findet. Denn die Zeit drängt mächtig. Aktuell werden massenhaft Häuser gebaut, und durch ihre Wasserinstallationen wird entschieden, wie viel Trinkwasser diese Neubauten in den nächsten 50 bis 100 Jahren verbrauchen werden. Bebauungspläne und Baugenehmigungen müssen umgehend, und nicht später irgendwann mit entsprechenden Vorschriften für eine konsequente Brauchwassernutzung ausgestattet werden. Und es besteht Hoffnung, dass dies auch geschehen wird“,meint die SGV. Die Frankfurter Umweltdezernentin jedenfalls habe auf die Frage, wann Frankfurt diesbezüglich endlich aufwachen wird, mit einem klaren ‚Jetzt‘ geantwortet. „Was nunmehr durch entsprechende Taten zu beweisen wäre“, so die Schutzgemeinschaft.

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