Volkstrauertag

„Denk mal Krieg“

Von Corinna Willführ

Detail an einem Kriegerdenkmal im Vogelsbergkreis. Da ist kein Bein abgeschossen, da fehlt kein Arm. Der Kopf ist im Tod noch hoch erhoben. (Fotos: Corinna Willführ)

Sie stehen neben Kirchen und auf Friedhöfen, manchmal auch mitten im Ort: die Kriegerdenkmäler. Auch Ehrenmale genannt. Errichtet wurden sie  für die getöteten Soldaten (auch von 1870/71), vor allem nach dem Ersten Weltkrieg. Ergänzt um die Namen, derer, die im Zweiten Weltkrieg  als menschliche Instrumente nationalistischer Machtkämpfe ihr Leben verloren. Rund 100.000 Kriegerdenkmäler gibt es in Deutschland. Während das Gedenken am Volkstrauertag aktuell allen Opfern von Krieg, Hass und Gewalt gilt, einst wie heute, hat diese Entwicklung nicht zu einer Umgestaltung dieser Erinnerungsstätten geführt. An jedem könnte „Nie wieder Krieg“ stehen. Zum Nachdenken und Verändern dieser Form der Erinnerungskultur hat das Landbote-Team mit „Denk mal Krieg“ eine Fotoreihe zusammengestellt.

„Kriegsgräber erzählen Geschichte(n)“

„Im Kampf fürs Vaterland“ – mit Schwert und Stahlhelm auch 2018 noch?

„Kriegsgräber erzählen Geschichte(n)“ ist das Leitthema der diesjährigen Straßensammlung des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge (VdK). Es sind meist junge Menschen, die noch bis 25. November mit der Sammelbüchse unterwegs sind. Junge Menschen, die sich beispielsweise an der Kriegsgräberstätte im Butzbacher Stadtteil Nieder-Weisel „konkret und persönlich mit den Folgen eines übersteigerten Nationalismus auseinandergesetzt haben“. Zur Unterstützung ihrer Arbeit rufen in der Region die Landräte Jan Weckler (Wetteraukreis), und Manfred Görig (Vogelsbergkreis) auf. Der Volkstrauertag 2018 ist am Sonntag, 18. November. 100 Jahre und 6 Tage, nachdem am 11. November 1918 um 11 Uhr der Waffenstillstand für den Ersten Weltkrieg verkündet wurde.

Die gleichen Worte und doch ein Trost

Eleonore Mayer ist 76. Sie lebt in einem kleinen Ort unweit von Fulda. Nach zwei Bandscheibenoperationen und dem Rheuma in den Gelenken kann sie kaum mehr das Haus verlassen. Soweit es ihr noch möglich ist, geht sie regelmäßig ans Grab ihres Mannes. Doch zum Volkstrauertag will sie auf jeden Fall dort sein, „und zwar solange ich lebe.“ Für ihren Franz. Ihr Franz war 20 Jahre älter als sie. Er starb vor acht Jahren. Eines natürlichen Todes.

„Wenn der Opa nur gefallen ist, wieso ist er dann nicht mehr nach Hause gekommen. Hinfallen tut doch nur ein bisschen weh“.

„Ich geh‘ dahin, weil ich so dankbar bin, dass er im Krieg nicht ums Leben kam. Sonst hätten wir uns doch nicht kennengelernt.“  Erzählt hat ihr der Franz „eigentlich nichts“ von seiner Zeit im Zweiten Weltkrieg. Eleonore Mayer weiß auch wenig von der Geschichte des Volkstrauertags. „Die Reden, die gehalten werden, gleichen sich Jahr für Jahr.“ Dennoch: Sie geben ihr für einen Augenblick Trost. „Ich finde es gut, wenn die Redner nicht nur an die Millionen Toten der beiden Weltkriege erinnern, sondern auch an das Leid, das die Kriege über die brachten, die überlebt haben.“

Kein „Heldengedenktag“

Seit 1952 wird der Volkstrauertag jedes Jahr zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen. An öffentlichen Gebäuden wehen die Fahnen auf Halbmast. Für die Nacht zuvor gilt das Tanzverbot. Im Bundestag sprechen der Bundespräsident und die Kanzlerin vor dem Kabinett und dem Diplomatischen Korps. Seine Geschichte reicht bis in die Weimarer Republik zurück, eingeführt, um der im Ersten Weltkrieg getöteten Soldaten zu gedenken und erstmals am 26. Februar 1926 begangen. Schon 1934, also ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, benannten die Nationalsozialisten den Volkstrauertag in Heldengedenktag um. Bis zur Wiedervereinigung gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR den „Internationalen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg.“ Um den Gedenktag von dem von den Nationalsozialisten heroisierten Heldentum abzugrenzen, wurde der Volkstrauertag auf den zweiten Sonntag vor dem ersten Advent verlegt und damit in die Zeit zwischen Allerseelen, Allerheiligen und dem Totensonntag – Gedenktage im Kalender der christlichen Kirchen.

Für alle Opfer von Krieg und Gewalt

In Hessen wird in einer zentralen Gedenkstunde in der Paulskirche in Frankfurt den Opfern von Krieg und Gewalt gedacht. Veranstalter des öffentlichen Gedenkens sind die Stadt Frankfurt, die Hessische Landesregierung, der Landesverband Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie das Landeskommando Hessen der Bundeswehr. Kooperationspartner sind in diesem Jahr die Schulgemeinschaft der Hohen Landesschule in Hanau (Main-Kinzig-Kreis) und der Sozialverband VdK Fankfurt. Die Besucher der öffentlichen Veranstaltung können sich vor und nach dem Gedenken in der Wandelhalle der Paulskirche die Ausstellung „14/18 Mitten in Europa – Der Erste Weltkrieg und die Folgen für das 20. Und 21. Jahrhundert“ ansehen. Im Bundestag sprechen Bundespräsident Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel vor dem Kabinett und dem Diplomatischen Korps.

„Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde…. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten…Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.“ Die Auszüge stammen aus der Rede zum Totengedenken des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht

Im Jahr 2017 starben in bewaffneten Konflikten (31 Kriege) 157.000 Menschen. 65,6 Millionen Menschen waren weltweit auf der Flucht. In Afghanistan verloren 10.000 Zivilisten ihr Leben. In den kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien wurden 39.000 Tote gezählt. Im ersten Halbjahr 2018 starben mehr als 1400 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer.

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