Verfolgung unter Stalin

Dichterinnen im Widerstand

Von Jörg-Peter Schmidtchor1

Die Dichterinnen  Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa wurden unter Stalin verfolgt und erst nach 1953 Schritt für Schritt rehabilitiert.  Dr. Gerd Zimmermann (Foto) erinnerte in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar an sie.

Couragierte Schriftstellerinnen

Gedichte der couragierten russischen Schriftstellerinnen Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa,  umrahmt vom feinen, harmonischen Gesang des Vokalensembles „Harmonie“ St. Petersburg unter Leitung von Alexander Andrianov, beeindruckten die rund 90 Zuhörerinnen und Zuhörer in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, die für  ihren jährlichen literarisch-musikalischen Abend wiederum Dr. Gerd Zimmermann (Dozent für russische Sprache und Literatur an der Universität Göttingen) als Moderator gewonnen hatte. Bewegt schilderte er die Schicksale der beiden Autorinnen, die in der Zeit des Stalin-Terrors Verfolgungen erlitten, und zitierte in russischer und deutscher Sprache aus ihrer Lyrik.

 Anna Andrejewna Achmatowa

Anna_Achmatowa_1950
Anna Andrejewna Achmatowa

Anna Andrejewna Achmatowa, die 1889 in Bolschoi Fontan bei Odessa  geboren wurde und 1966 in Moskau starb, ließ sich nie vereinnahmen und war den kommunistischen Machthabern ein Dorn im Auge. so dass in den zwanziger und dreißiger Jahren ihre Gedichte nicht mehr gedruckt wurden. Erst nach Stalins Tod 1953 wurde sie in mehreren Schritten rehabilitiert. Vorher hatte sie erleben müssen, wie ihr Sohn eineinhalb Jahrzehnte  inhaftiert war, ihr erster  Ehemann, dem man „konterrevolutionäres Verhalten“ vorwarf, erschossen wurde. Sie glaubte, ein neues Glück gefunden zu haben ­ ­–­­ auch dieser Mann starb (in einem Arbeitslager). Sie verfasste in zarter Sprache Verse über Liebe, Landschaften und Städte wie Leningrad, dem heutigen St. Petersburg.  Als ihre populärste Dichtung gilt das „Requiem“, das den Opfern der Diktatur gewidmet war: „Ich kannte viele früh gewelkte Frauen/Von Schrecken, Furcht, Entsetzen ausgeglüht/Des Leidens Keilschrift sah ich eingehauen/auf Stirn und Wangen, die noch kaum geblüht“.

Marina Zwetajewa
Tsvetaeva
Marina Zwetajewa

Auch Marina Zwetajewa, die 1892 in Moskau geboren wurde und 1941 in Jelabuga (Tatarstan) starb, war regimekritisch,  wie Dr. Zimmermann berichtete. Sie schrieb Gedichte in einer wundervollen Sprache und kämpfte so lange für Gerechtigkeit, bis sie keine Kraft mehr hatte, zumal sie unter den Repressalien gegen Angehörige und Freunde litt. Sie beging Selbstmord. Die Zuhörer in der Phantastischen Bibliothek spürten, wie sich durch die Lyrik von Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und Meinungsfreiheit zieht und ihre schriftstellerische Botschaft heute umso aktueller ist.

„Harmonie“ St. Petersburg

Zwischen den Gedichtvorträgen Zimmermanns hörte man jeweils das Ensemble „Harmonie“ St. Petersburg, dessen glänzende Leistung chorin wenigen Worten zusammengefasst werden kann: Jeder der Sänger ist auch ein hervorragender Solist. Ob es russische Heimat- und Volksweisen, geistliche Werke wie „Ich bete an die Macht der Liebe (auf Russisch und Deutsch) oder die Klassiker “Eintönig klingt hell das Glöcklein“, „Abendglocken“ und (auf Deutsch) „Guten Abend, guten Nacht“ waren – die Stimmen bildeten ein vielfältiges Klangspektrum leiser, heller Töne bis zum kräftigen, aber nicht dröhnenden Bass. Unter langem Applaus dankte Bibliotheks-Leiterin Bettina Twrsnick allen Akteuren dieses hochinteressanten literarischen Konzerts.

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