Ursachen der Flucht

Beispiel: Das Niger-Delta

von Ursula Wöll

Vor 20 Jahren, am 10. November 1995, wurden Ken Saro-Wiwa (Foto) und acht weitere nigerianische Umweltschützer in Port Harcourt im NiKen-Saro-Wiwagerdelta gehängt. Was geht uns das Nigerdelta an? Zum Urlaub taugt es nicht, denn 50 Jahre Ölförderung haben es in eine Grusellandschaft verwandelt. Vielleicht aber ist Öl von dort in meinem Tank? Öl, dessen rücksichtslose Förderung das Leben der 31 Millionen Menschen im Delta ruiniert.  Amnesty International (ai) appelliert nun erneut an die Royal Dutch Shell, die Missstände abzustellen und fordert Nigeria auf, die Fördermethoden zu kontrollieren. (Foto: Wikipedia)

Unsere Freud ist deren Leid

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Gasabfackelung

Immer wieder wird gefordert, die Zustände in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu verbessern, damit die Menschen nicht flüchten müssen. Aber wie und wo beginnen? Denn oft sind „wir“ in Europa sogar mit verantwortlich für die Zerstörung von Lebensmöglichkeiten. Das Nigerdelta im Süden Nigerias hat die Größe von Belgien. Hier betreibt neben anderen Ölkonzernen vor allem der europäische Shell-Konzern eine rücksichtslose Förderung, freilich mit Duldung des nigerianischen Staates. Dieser ging ein Joint Venture mit Shell ein und schickt das Militär anstatt die Produktion zu kontrollieren. Seit der Ermordung Ken Saro-Wiwas und acht weiteren Bürgerrechtlern vor 20 Jahren hat sich wenig geändert. Vergammelte Pipelines überall, riesige schillernde Öllachen durch Lecks, Gasabfackelungen Tag und Nacht, vergiftete Luft, vergiftete Erde, vergiftetes Wasser. Daher vergiftete Fische und das Aus für die vielen kleinen Fischer.

Protest gegen das ökologische Desaster

Der Schriftsteller Saro-Wiwa hatte die Bürgerinitiative MOSOP (Movement for the Survival of the Ogoni People) gegründet, die  g e w a l t f r e i   gegen das ökologische Desaster protestierte. Er bezahlte das neben acht Mitstreitern  am 10. November 1995 mit seinem Leben. Sein bekanntester Roman „Sozaboy“ erschien auf deutsch bei dtv. Es ist ein Antikriegsbuch, das man sogar mit Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘ verglich. Auch das machte den Autor für die damalige Militärregierung unbequem. Nur 10 Tage nach dem Todesurteil ließ sie die neun Menschenrechtler hängen. Damals gab es eine weltweite Empörung gegen die Morde und die Umweltzerstörung des riesigen Deltas durch 7000 km Pipelines und 5000 Bohrlöcher. Auch die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer und der im Exil lebende nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka protestierten. Der ‚Spiegel‘ sprach von einem diabolischen Urteil.

Ursachen der Flucht
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Letzte Ölung Nigerdelta.

Obwohl die Ölfirmen, vor allem Shell, behaupten, seitdem rücksichtsvoller zu fördern, hat sich wenig geändert. Das beweist auch die Ausstellung ‚Letzte Ölung Nigerdelta‘ mit aktuellen Fotos, die letztes Jahr in Freiburg und München zu sehen war. Sie präsentierte Aufnahmen wie aus einem Inferno.  Zwar hat die Royal Dutch Shell 14 Jahre nach den Morden 15,5 Mio. $ an die Hinterbliebenen gezahlt, aber die Umwelt, oder das, was von ihr übrig ist, wird weiter rücksichtslos zerstört, nicht mal die alten verrosteten Pipelines werden  erneuert. Der Protest von ai vom 3. November 2015 weist nach, dass für gesäubert deklarierte Gebiete immer noch verseucht sind. „Die Lebensqualität der Menschen, die hier seit Jahrzehnten inmitten von Öldämpfen, ölverklebter Erde und ölverseuchten Flüssen leben müssen, ist entsetzlich schlecht“, so Stevyn Obodoekwe vom nigerianischen Zentrum für Umweltschutz, Menschenrechte und Entwicklung CEHRD. Die Gewinne fließen an den Bewohnern vorbei, die Ölresourcen wurden ihnen zum Fluch. Nun wird der Widerstand militanter, durch Entführungen von Angestellten versuchen bewaffnete Gruppen, den Shell-Konzern zu zwingen, die Missstände abzustellen.

Lebensbedingungen verbessern
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Satellitenbild des Nigerdeltes (Foto: Wikipedia)

Das Nigerdelta demonstriert beispielhaft, dass oft erst die Eingriffe von außen am Ende die Flüchtlinge produzieren. Hier, im Süden des 160-Millionen-Staates Nigeria, zeigt das der bloße Augenschein, während etwa ungleiche Handelsbeziehungen zwischen reichen und armen Ländern als Ursache schwieriger zu erkennen sind. Wenn nun Amnesty International wiederum an den ökologischen Skandal im Nigerdelta erinnert, so wird einem bewusst, wie schwierig Veränderungen erreichbar werden. Sie würden die Gewinne der Konzerne schmälern, korrupte Regierungen verärgern und die Produkte für uns eventuell verteuern. Man sollte daher beginnen, die richtige Forderung nach einer Verbesserung der Lebensbedingungen in den Heimatländern der Flüchtlinge konkreter zu diskutieren, damit sie nicht zur Phrase verkommt.

Der AI-Protest ist lesbar unter amnesty.de

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