Türken in Deutschland

Lasst Euch nicht vereinnahmen!

Von Canan TopçuCanan Topcu

Was ist bloß falsch gelaufen?  Warum verehren türkischstämmige Frauen und Männer, die hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, die hier eine Ausbildung gemacht oder gar studiert haben, Recep Tayyip Erdogan so sehr? Fragen wie diese beschäftigen mich seit dem Putschversuch in der Türkei mehr als sonst.

Türken in Deutschland

Ich versuche zu verstehen, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, mit denen ich etliche Gemeinsamkeiten habe. Wie sie habe auch ich meine Wurzeln in der Türkei, bin als Kind von Arbeitsmigranten hier aufgewachsen und habe so manche Diskriminierung erlebt. Auch mein Weg war voll von Hindernissen, ich musste mich durchboxen, vieles erkämpfen und für meine Ziele viel mehr leisten als Herkunftsdeutsche. Frau, Türkin und Muslima zu sein ist nicht wirklich ein Zuckerschlecken in diesem Land!

Canan Topcu
Canan Topçu, 1965 in der Türkei geboren, lebt seit 1973 in Deutschland. Sie studierte Literaturwissenschaft und Geschichte, absolvierte ein Volontariat bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ und war zwölf Jahre Redakteurin bei der „Frankfurter Rundschau“. Sie ist als freie Journalistin und Dozentin auf Themen rund um Migration und Integration spezialisiert.

Trotzdem ist mir etwas gelungen, was etliche Deutsch-Türken nicht zu schaffen scheinen: ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, mich dabei weiterhin meinem Herkunftsland verbunden zu fühlen und gerade deswegen die politischen und gesellschaftlichen Missstände dort zu kritisieren. Ich kann die Türkei nicht als ein demokratisches Land feiern, wenn Staatspräsident Erdogan die Macht immer mehr an sich reißt und Entscheidungen trifft, die weit über seine Befugnisse hinaus gehen; wenn er tausende von Menschen verhaften lässt, mal eben zahlreiche Medien verbietet, Akademikern Auslandsreisen untersagt und die Todesstrafe einführen will.

Dass dieser Autokrat auch Deutsch-Türken dermaßen in seinen Bann zieht, macht mich fassungslos! Als am Sonntag einer der Organisatoren erklärte, die Veranstaltung in Köln sei „eine ganz normale friedliche Demonstration gegen den Putschversuch in der Türkei“ und die meisten Teilnehmer seien „normale, integrierte Menschen, viele darunter deutsche Staatsbürger“, schüttelte es mich.

Übersteigerter Nationalismus

Die brachiale, hetzerische, rassistische Sprache der Redner und der Demonstranten, ihr übersteigerter Nationalismus und ihre Vorstellung von einem strafenden und rächenden Gott, all das lässt mich Angst und Bange werden. Es fällt mir schwer zu glauben, dass es sich um integrierte Menschen handelt, wenn sie „En büyük Türkiye – die Türkei ist am größten“ und „Alles für das Vaterland“ skandieren.

Muslime haben hierzulande ohnehin einen schweren Stand. Islamistische Terrorakte, die sich auch in Europa häufen, sorgen für immer mehr Vorbehalte gegen sie. Vielen Herkunftsdeutschen gelingt es nicht, zwischen friedfertigen Muslimen und islamistischen Extremisten zu unterscheiden. Daher ist es mehr als unklug, in Deutschland eine Demonstration für Erdogan zu veranstalten. Nicht weitsichtig auch, auf solch einer Kundgebung „Allahu akbar – Gott ist groß“ und „Wir wollen die Todesstrafe“ zu rufen. All das flößt mir Angst ein.

Jeder ist selbst für seinen Status verantwortlich

In diesen Tagen versuchen sich viele Experten an der Antwort auf die Frage, warum sich Deutsch-Türken hierzulande so sehr für Erdogan begeistern. Eine gängige Erklärung: Die deutsche Politik habe sich jahrzehntelang viel zu wenig um sie bemüht, sie zu wenig wahr und ernst genommen. Ich teile diese Auffassung nicht, obwohl vieles nicht gut gelaufen ist in der Integrationspolitik. Diese Erklärung nimmt Erdogan-Anhänger in Schutz, die sich eh als Opfer sehen. Ihnen die Verantwortung für ihren Status-Quo abzunehmen und ihr Handeln entschuldigen, macht sie einmal mehr zu Opfern. Diese Position ist eine allzu bequeme, darin haben sich etliche Deutsch-Türken eingerichtet.

Dass die erste Generation nicht aus sich rauskam, kann ich noch verstehen – nicht aber, dass die jungen Deutsch-Türken trotz ihrer Sprachkenntnisse wenig dafür tun, die Fremdheit zu überwinden und sich – wie schon ihre Großeltern und Eltern – auch mental in der Parallelgesellschaft einrichten. Dass Menschen in Parallelgesellschaften leben, ist nicht grundsätzlich ein Problem; wenn es aber dazu führt, dass sie  ihren Lebensmittelpunkt als feindliches Territorium betrachten und einen Autokraten aus der Türkei als Demokraten und ihr Staatsoberhaupt feiern, ist das mehr als bedenklich. Wenn also die „Erdoganitis“ tatsächlich ein Reflex auf die Missachtung durch die deutsche Politik und die Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft sein sollte, führt eben diese Krankheit zu noch mehr Distanz und Anfeindungen.

Je mehr sich die Deutsch-Türken vom türkischen Staatspräsidenten vereinnahmen lassen, desto mehr sinken ihre Sympathiewerte hier. Das wiederum liefert ihnen Argumente für ihren Opfer-Status.

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