Todesstrafe

Erfahrungsberichte von Häftlingen

von Ursula Wöll

Am 10. Oktober ist der Welttag gegen die Todesstrafe. Um die weltweite Abschaffung dieser barbarischen Strafe bemüht sich neben Amnesty International vor allem die ‚Initiative gegen die Todesstrafe eV.‘. Sie  schrieb 300 Gefangene an, mit denen ihre Mitglieder Briefkontakte pflegen. Die Häftlinge wurden gebeten, ihre Lebensbedingungen in den Todestrakten zu schildern und über die Organisation zu veröffentlichen. Mehr als 100 Erzählungen, Gedichte und Zeichnungen gingen bei der ‚Initiative gegen die Todesstrafe‘ ein. Sie wurden von Mitgliedern des gemeinnützigen Vereins  übersetzt und zweisprachig ins Internet gestellt. Fast alle schildern sie Erfahrungen in amerikanischen Todeszellen.

Das Warten auf die Hinrichtung

Zeichnung von Ink Junkie

Auch Troy J. Clark schickte ein Gedicht, in dem er seine Unschuld beteuert. Er wurde vor kurzem, am 26. September, in Texas hingerichtet, die Petitionen der ‚Initiative‘ an den Gouverneur und die Demonstrationen vor dem Gefängnis in Texas waren vergeblich. Die Hinrichtung war auf 1 Uhr nachts unserer Zeit angekündigt, und auch ich stellte einige Stunden vorher eine Kerze ins Fenster. Eine hilflose Geste, die zeigen sollte, dass an Troy J. Clark in den furchtbaren letzten Stunden des Wartens gedacht wird. Dieses zeitgleiche Warten mit einem unbekannten Menschen nahm mich stark mit. Und das, obwohl ich merkte, dass man sich nur sehr unvollständig in den Betroffenen einfühlen kann. Selbst dem großen Schriftsteller Victor Hugo gelingt es nur annähernd, die grauenvolle Angst in seiner Erzählung „Die letzten Stunden eines Verurteilten“ zu schildern. Als meine Kerze  anfing, nach 24 Uhr zu flackern, weil sie schief abbrannte, war das eine geradezu gespenstische Situation. Und doch wusste ich, dass ich nach dem unaufhaltsamen Ablauf der Zeit zu Bett gehen und morgens wieder aufwachen würde. So wie auch der gnadenlose Gouverneur, der keinen Aufschub gewährte, obwohl der Hingerichtete immer wieder seine Unschuld beteuert hatte.

Juan Melendez, der 18 Jahre im Todestrakt von Florida saß, bevor er 2002 wegen erwiesener Unschuld entlassen wurde, erinnerte sich: „Ich kam in eine kalte Einzelzelle mit Kakerlaken. Schon nach wenigen Tagen wurde der erste Mithäftling hingerichtet.“ Bis heute hat Melendez Alpträume, in denen er zu seiner Hinrichtung abgeholt wird. In Japan müssen die Verurteilten sogar jeden Tag mit ihrer Hinrichtung rechnen, da sie erst morgens erfahren, dass der Tag der Vollstreckung da ist. Dieser qualvolle Wartezustand dauert oft über Jahre.

Auch Straftäter haben Menschenrechte

Innere Freiheit von F. Baer

Troy J. Clark beteuert in seinem im Projekt „Leben im Todestrakt“ nachlesbaren Gedicht, dass  er innocent, also unschuldig ist. Wie dem immer sei, er besitzt ein Menschenrecht auf Leben, das missachtet wurde. Wenn sich der Staat ebenfalls des Mordens bedient, um einen Mord zu rächen, wie kann da eine Gesellschaft ein liebevolles und barmherziges Miteinander leben? Zur Frage der Schuld äußert sich die ‚Initiative gegen die Todesstrafe eV.‘ so: „Unsere Mitglieder sind sich dessen bewusst, dass ein großer Teil der Häftlinge unermesslich schlimme Straftaten begangen hat. Wir wollen diese Tatsache in keiner Weise verharmlosen. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt den Opfern und ihren Angehörigen, und im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützen wir Opferhilfsorganisationen. Wir sehen jedoch in einem Täter immer noch den Mensch, dessen Straftat allein nicht seine ganze Person ausmacht.“

Sehnsucht, die Isolation zu überwinden

Am 10. Dezember 1948 nahm die Generalversammlung der Vereinten Nationen die ‚Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte‘ an. Sie verbietet zwar nicht ausdrücklich die Todesstrafe, garantiert aber in Artikel 3 das Recht auf Leben eines  j e d e n  Menschen. 2007 dann verabschiedete sie eine – allerdings nicht bindende – Resolution für ein weltweites Moratorium der Todesstrafe. 104 Staaten stimmten zu, 29 enthielten sich und 54 stimmten dagegen. Unter ihnen vermute ich die USA, in deren Todeszellen im Jahr 2017 über 2800 Verurteilte saßen. Weltweit befinden sich 20000 bis 40000 Menschen in Todeszellen. Oft unter grausamen Umständen, wie etwa in Malawi. Dort müssen die Verurteilten in Schichten schlafen, weil es so eng ist, dass sich nicht alle legen können. Auch unter „normalen“ Bedingungen ist das Eingesperrtsein selbst schon unerträglich. Die Isolation ist sicher ein Grund, warum so viele Gefangene auf den Projektvorschlag der Initiative eingingen. Sie wollten auf diese Weise die Mauern überwinden und eine Verbindung zur  Gesellschaft suchen.

Zeichnung von A.J.Angel

Das ist auch der Grund, warum hier in Deutschland, wo ja die Todesstrafe abgeschafft ist, etwa 40 Gefangenenzeitungen existieren. Sie sind ein Ventil für das Bedürfnis jedes Menschen nach Mitteilung. Die älteste und als einzige unzensierte dieser Zeitungen ist „Der Lichtblick“ aus der JVA Tegel. Er hat eine Auflage von 7500, davon 4300 Abos, die nach draußen verschickt werden. In diesem von Gefangenen gemachten und verantworteten Blatt fand ich einen Vers von Ralf Sonntag:

Wenn Wände erzählen könnten!

Von denen, die nachts leise weinen,

von denen, die im Schlaf schreien

oder von denen, die ganz still sind.

Das Projekt „Leben in der Todeszelle“ findet man unter life-on-deathrow.jimdofree.com

Gegliedert sind die Werke nach US-Bundesstaaten (ganz oben, im dunkelroten Feld). Um einen neuen Bundesstaat aufzurufen, bitte unten rechts den Pfeil nach oben anklicken.

Über die ‚Initiative gegen die Todesstrafe eV.‘ erfährt man mehr unter initiative-gegen-die-todesstrafe

Ein Gedanke zu „Todesstrafe“

  1. Ein Lichtblick nach dem Welttag gegen die Todesstrafe am vergangenen Mittwoch ist die Tatsache, dass der US-Bundesstaat Washington die Todesstrafe für verfassungswidrig erklärt hat. Das ist zwar nicht dasselbe wie eine Abschaffung, wovon die deutschen Medien sprechen, aber es macht Hoffnung, das ein entsprechendes Gesetz noch folgen wird.

    Zu dem Projekt der Initiative gegen die Todesstrafe e.V. ist übrigens auch ein Buch erschienen und seit wenigen Tagen erhältlich: https://www.epubli.de//shop/buch/Leben-im-Todestrakt—Life-on-Death-Row-Todestraktinsasse-in-den-USA-Gabi-Uhl-9783746768274/79225

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