Teilhabegesetz

Diakonisches Werk Wetterau berät

Von Elfriede Maresch

Der Betreuungsverein im Diakonischen Werk Wetterau (DWW) gehört zu den rund 400 Beratungsstellen zum Teilhabegesetz im Bundesgebiet. Die vom Bundesministerium für Soziales und Arbeit ausgewählten Stellen für die  „Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB)“ sollen „Lotsen und Wegweiser“ für die Ratsuchenden sein.

Modellprojekt Teilhabeberatung

Menschen mit körperlicher, geistiger, seelischer und /oder Sinnesbehinderung soll ein selbstbestimmtes Leben in der Mitte der Gesellschaft ermöglicht werden. Das ist das Ziel des Bundesteilhabegesetzes, dessen erste Reformstufe im Januar 2017 in Kraft trat. Die weiteren Schritte sollen bis 2022 umgesetzt sein. Ein wichtiges und richtiges sozialpolitisches Anliegen – aber wie kann es im Detail auf den Gebieten Wohnen, Arbeiten, Freizeitgestaltung, Mobilität, Hilfemittelversorgung und mehr umgesetzt werden? Wie kann der behinderte Mensch alle vorhandenen Hilfsmöglichkeiten überblicken? Der Gesetzgeber hat dem Problem Rechnung getragen, indem das Bundesministerium für Soziales und Arbeit Mittel bereitgestellt und Vorgaben für Teilhabeberatungsstellen entwickelt hat. Solche Stellen sollen im Vorfeld vor der Antragstellung Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) leisten und gewissermaßen „Lotsen und Wegweiser“ für die Ratsuchenden sein. Drei Beratungstermine stehen unmittelbar zur Verfügung, ein weiterer kann bei Bedarf nach sechs Monaten folgen. Dieses Modellprojekt mit wissenschaftlicher Begleitung ist auf drei Jahre ausgelegt.

Von den Institutionen, die sich für diese Aufgaben beworben haben, wurden im ganzen Bundesgebiet rund 400 ausgewählt, dazu gehört auch der Betreuungsverein im Diakonischen Werk Wetterau e. V. (DWW). Ein Pluspunkt des DWW ist die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Letzteren können zum Teil durch eigene Behinderungserfahrung als „Betroffene für Betroffene“ besonders authentisch beraten, das so genannte „Peer Counselling“ leisten, das der Gesetzgeber wünscht. Ein Ehrenamtlicher ist etwa der blinde Hubertus Ellerhusen, früher Verwaltungsjurist und jetzt im Ruhestand mehrfach im DWW engagiert.

Partnerschaftliche Beratung

Kürzlich trafen sich die EUTB-Beratungskräfte des DWW im Niddaer „Haus der Kirche“ zum Austausch. Anny Rahn-Walaschewski, stellvertretenden DWW-Leiterin, koordinierte das Gespräch. Gekommen waren DWW-Leiter Eckhard Sandrock als Vorsitzender des Betreuungsvereins, weiter hauptamtliche Fachkräfte in Voll- und Teilzeit, so die Sozialarbeiterinnen Jutta Merkel (auch Beraterin für Leistungen des Persönlichen Budgets), Isolde Steinke und eine weitere Kollegin. Die Sicht der Ehrenamtlichen brachten außer Ellerhusen auch Axel Heiderhof und Alexander Buser ein. Im Erfahrungsaustausch wurde die Wichtigkeit von unabhängiger, partnerschaftlicher Beratung nach den individuellen Wünschen und Möglichkeiten des behinderten Menschen deutlich. Konkrete Situationen wurden genannt, Zielgruppen für die Beratung angesprochen. Das sind neben den behinderten Menschen selbst auch gesetzliche Betreuer, Institutionen, Leistungsträger und Leistungserbringer.

Eine Runde von Haupt- und Ehrenamtlichen für gute Teilhabeberatung im DWW (v .li: Anny Rahn-Walaschewski, Isolde Steinke, Jutta Merkel, Hubertus Ellerhusen, der Name der Dame ist nicht bekannt, Axel Heiderhof und Eckhard Sandrock. (Foto: Elfriede Maresch)

„Zu uns kommen mehr als ‚Fälle‘- es sind Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und kein Hilfskonzept wird dem andern gleichen. Die Beratung muss in einer Atmosphäre von Offenheit, Einfühlsamkeit und Kreativität erfolgen“ war Konsens in der Runde. Abe: „Ich habe selbst Hilfe erfahren, als ich in Not war, und freue mich, diese Hilfe weitergeben zu können!“, meinte der Ehrenamtliche Axel Heiderhof. So konnte Eckhard Sandrock am Ende ein Fazit ziehen: „Noch sind wir in einer Pioniersituation, wachsen als Team zusammen. Aber eine hohe Motivation ist spürbar!“

Menschen, die mich verstehen

Wie kann die EUTB konkret aussehen? Hier ein Fall aus der Praxis des DWW-Betreuungsvereins:  „Nicht alle Sehnsüchte sind erfüllbar“, ist der erste Eindruck, als Tanja F. ihre Anliegen vorträgt. „Ich halte es zuhause nicht mehr aus. Ich will weg! Ich will bei Menschen sein, die mich verstehen“, sagt sie erregt. Nach und nach wird deutlich: Die 32-jährige leidet an einer psychischen Erkrankung mit jähen Stimmungsumschwüngen zwischen hektischer Euphorie und tiefer Depression und war deswegen schon mehrfach stationär in psychiatrischen Kliniken. Derzeit wohnt sie wieder in einer Einliegerwohnung des Elternhauses, die Beziehung zu ihrer Mutter und deren neuem Lebenspartner ist mehr als gespannt, wobei es sicher beide Seiten nicht leicht miteinander haben. Tanja F. ist künstlerisch interessiert, hat sich in der Klinik in Techniken der Keramikherstellung, der Malerei eingearbeitet. „Ich will als frei schaffende Künstlerin leben – in einem Kreis kreativer, wundervoller Menschen!“, ist ihre Vorstellung. Um der häuslichen Situation zu entkommen, die ihre Symptome eher noch verstärkt, ist sie bereit, für einige Zeit in ein Wohnheim für Menschen mit psychischer Behinderung zu ziehen. Und das Künstlerische? Nach einigen Telefonaten findet sich eine professionelle Töpferin, die gegen ein Honorar stundenweise die junge Frau in ihre Werkstatt nimmt und ihr hilft, ihre Ideen zu realisieren. Es kommt zu einer kleinen gemeinsamen Ausstellung der beiden, Tanja ist stolz auf die Aufmerksamkeit, die ihre Arbeiten bekommen. Ihre Stimmungsumschwünge machen auch das Leben im Wohnheim oft schwierig. Nach einem halben Jahr wird eine Nachberatung nötig, schrittweise wird angestrebt, dass Tanja in einer kleinen Wohnung allein lebt, vom Betreuten Wohnen Unterstützung bekommt und weiter mit der Künstlerin zusammenarbeitet. Mehr zufällig kommt ein Kontakt zum Inhaber eines kleinen Verlages zustande, dem Tanja S. stundenweise beim Gestalten von Kalendern, Postern und ähnlichem hilft und ein wenig zuverdienen kann. Derzeit ist sie so stabilisiert, dass sie sogar Selbstironie aufbringt: „Es ist nicht gerade documenta-Niveau, was ich mache, aber es macht mir Freude. Ich sehe, was ich kann!“ Es ist nicht auszuschließen, dass wieder akute Krankheitsschübe kommen und stationäre Behandlung erfordern. Aber Tanja F. ist ihren Wunschvorstellungen ein Stück näher gerückt und hat mehr Lebensqualität als zuvor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.