Tageszeitungen in Hessen

Tarifflucht bei  Frankfurter Neue Presse

Der Münchener Großverleger Dirk Ippen, sein Neffe Daniel Schöningh und ihre hessischen Statthalter Max und Jan-Eric Rempel fackeln nicht lange. Zum 1. April 2018 haben sie die Frankfurter Neue Presse (FNP) und die Frankfurter Rundschau (FR) samt der Frankfurter Societäts-Druckerei  von der Fazit-Stiftung übernommen.  Am 29. Juni 2018 verkündeten sie den Abschied der FNP aus dem Flächentarifvertrag für Redakteurinnen und Redakteure. Die wehren sich jetzt gegen die Verschlechterung. Ebenso die Verlagsangestellten, die bereits unter den alten Eigentümern die Tarifflucht ihres Arbeitgebers erleben mussten.

Tageszeitungen in Hessen bauen ab

Der bundesweite Gehaltstarifvertrag gilt bei der FNP für etwa 60 der 80 Redaktionsmitglieder. 20 Kolleginnen und Kollegen sind in einer tariflosen Tochtergesellschaft angestellt. Die Tarifgehälter werden dank der „Nachwirkung“ zwar nicht gekürzt, doch die künftigen Tariferhöhungen wollen die Verleger nach Einschätzung des FNP-Betriebsratsvorsitzenden Thomas Remlein nicht zahlen. Damit sparen sie zunächst Kosten im Volumen von 60 000 Euro, schätzt Remlein. Die jetzt bundesweit anstehenden Tariferhöhungen müssten sich die Journalisten wohl mit Streiks und vor Gericht erkämpfen.

Vier erfahrene Leute moderierten den Ratschlag der FNP-Journalisten in Frankfurt: Von rechts ver.di-Fachbereichsleiter Manfred Moos, die künftige hessische DJV-Geschäftsführerin Imke Sawitzky, ihr Vorgänger Achim Wolff und der FNP-Betriebsratsvorsitzende Thomas Remlein. Foto: Fabian von Josburg

„Bitte um Gottes Willen nichts unterschreiben, was die Nachwirkung aufheben könnte!“, beschworen der hessische ver.di-Fachbereichsleiter Manfred Moos und der DJV-Landesgeschäftsführer Achim Wolff die Redakteurinnen und Redakteure bei einem Treffen am 10. Juli in Frankfurt. Wer zu einem Personalgespräch gebeten werde, solle lieber einen Zeugen mitnehmen. Für die bislang tariflich abgesicherten Redaktionsmitglieder und die Verlagsangestellten gelten auch die manteltariflichen Regelungen fort. Der Altersversorgungstarifvertrag für Redakteurinnen und Redakteure ist ohnehin allgemeinverbindlich und muss auch von tariflosen Verlagen angewendet werden.

Sie nutzen jede Chance, Kosten zu sparen

Die Brüder Max und Jan-Eric Rempel führten die rund 30-köpfige Redaktion ihrer Mittelhessischen Druck- und Verlagsgesellschaft (Gießener Allgemeine, Alsfelder Allgemeine, Wetterauer Zeitung) schon 2012 aus dem Flächentarifvertrag heraus. 2017 wurden sie Minderheitsgesellschafter in der zur Ippen-Gruppe gehörenden „Zeitungsholdung Hessen“ (ZHH)  und managen nun neben ihrem Stammhaus in Gießen die Frankfurter Neue Presse und die Frankfurter Rundschau. Daheim in Gießen nutzen sie jede Chance, Kosten zu sparen, berichtete ein Insider den FNP-Journalisten in Frankfurt.

Diverse Sparmaßnahmen verfügte der neue FNP-Chefredakteur Max Rempel schon kurz nach der Übernahme der beiden Frankfurter Zeitungen. Die Neue Presse und die Frankfurter Rundschau sind nun gehalten, ihre selbst recherchierten Artikel im „Ippen-Net“ zum Nachdruck für alle anderen Zeitungen des Konzerns einzustellen. Die Korrespondenten der FR in Offenbach müssen sich demnächst ein Büro mit der Offenbach Post teilen. In der Wetterau nördlich von Frankfurt erscheinen neuerdings identische Artikel in den Lokalausgaben der Wetterauer Zeitung und der Neuen Presse. Laut Manfred Moos soll in der frisch erworbenen Societäts-Druckerei in Mörfelden künftig die Neue Presse auf einer statt auf zwei Maschinen produziert werden. Das eigene Anzeigenblatt „Mix am Mittwoch“ werde im September eingestellt. Den Bad Vilbeler Anzeiger und die Karbener Zeitung lässt Familie Rempel künftig in ihrer Druckerei in Gießen drucken, wo auch die süddeutsche Auflage der taz hergestellt wird.

In den Redaktionen der Zeitungsgruppe Hessen sind die nach dem Flächentarif bezahlten Angestellten bald in der Minderheit. Bei der Frankfurter Rundschau erhält schon jetzt nur noch ein Drittel der Redaktion das angemessene Gehalt, so die Betriebsratsvorsitzende Friederike Tinnappel. Die schlecht bezahlten Jung-Redakteure der Frankfurter Neuen Presse schauen sich verstärkt nach anderen Jobs um. Bei der Gießener Allgemeinen bekommen Studenten nach Angaben des Insiders für ihre Arbeit in der Redaktion um die zehn Euro pro Stunde, im Monat etwa 1700 Euro. Wenn sie dann befristet eingestellt werden, müssten sie die Sechs-Tage-Woche akzeptieren.

Gewerkschaft will Konzern-Betriebsrat

Wer solche Verhältnisse in Frankfurt vermeiden will, muss nach Einschätzung der Journalisten-Gewerkschaften dju in ver.di und DJV aktiv werden. Ein Redakteur sagte beim Treffen am 10. Juli: „Ich bin bereit, auf die Straße zu gehen – und wenn es sechs Wochen dauert!“ Die FNP-Belegschaft hat schon 2010 mit einem wochenlangen Streik verhindert, dass ihr damaliger Arbeitgeber den verkündeten Abschied aus dem Flächentarifvertrag vollzog. Eine Gruppe von Multiplikatoren soll nun jeden einzelnen Beschäftigten informieren und überzeugen, die Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen nicht hinzunehmen. Wenn sich genug Redaktionsmitglieder wehren, ist nach Überzeugung von Manfred Moos ein Anerkennungstarifvertrag durchsetzbar. Der würde die Verleger verpflichten, ihre Leute stets auf dem Niveau des Flächentarifs zu bezahlen.

Nicht weniger notwendig ist nach Ansicht des erfahrenen Gewerkschaftsfunktionärs die Gründung eines Konzernbetriebsrates für die Zeitungsgruppe Hessen. Darin könnten sich  Arbeitnehmer_innen der verschiedenen Zeitungen, darunter auch die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, vernetzen und die Interessen der Redakteurinnen und Redakteure und der Verlagsangestellten besser durchsetzen.

 

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