Stolpersteine Frankfurt

Spaziergänge in die dunkle Vergangenheit

Fast 1400 Stolpersteine erinnern in Frankfurt/Main an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Initiative Stolpersteine in Frankfurt am Main hat nun zehn weitere Touren zu diesen Mahnmalen in einem Buch veröffentlicht und erzählt dabei die Geschichte der Opfer. Vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen und jüdische Geschäfte wurde geplündert. Das Buch ist eine Ansammlung berührender Schicksale, nicht nur der jüdischen Opfer des Nazi-Terrors.

Wehrkraftzersetzung und Hochverrat

Erzählt wird zum Beispiel von dem Widerstandskämpfer Georg Nebel, der in der Martin-Böff-Gasse in Fechenheim wohnte, der Kommunistischen Partei angehörte und an Druck und Verbreitung der illegalen „Arbeiterzeitung“ beteiligt war. Er wurde angeklagt, zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Ein relativ mildes Urteil, weil das Gericht strafmildernd seine Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg anerkannte. Freigelassen nahm er sogleich wieder die illegale Arbeit auf. Im Frühjahr 1943 wurde er wegen „kommunistischer Mundpropagande“ erneut verhaftet, saß zunächst in Frankfurt in U-Haft und wurde schließlich vom Volksgerichtshof in Berlin-Plötzensee wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt. Am 14. August 1944 wurde er in der Haftanstalt Brandenburg-Görden hingerichtet.

Erzählt wird auch von Irene Kahn, die in zweifacher Hinsicht Opfer der Nazis war: politisch und rassisch. Sie war Jüdin, wohnte in der Scheffelstraße im Nordend, war Lehrerin am Philanthropin, einer jüdischen Volks- und Realschule – und sie gehörte der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, die 1931 von Mitgliedern des linken Flügels der SPD und von Kommunisten gegründet worden war. (Der spätere Bundeskanzler Willy Brandt gehörte damals auch der SAP an). 1938/39 deckte die Gestapo die illegale Organisation auf und verhaftete einige SAP-Mitglieder, darunter Irene Kahn am 2. Juni 1919 Sie wurde am 5. November 1940 wegen „Beihilfe zu einem Verbrechen der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu einem Jahr Haft verurteilt,kam 1942 in die „Euthanasie“-Tötungsanstalt Bernburg und wurde dort am 24. März1942 ermordet.

Erzählt wird weiterhin das Schicksal der Familie Caspari, die in der Bockenheimer Landstraße im Westend wohnte. Wilhelm Caspari war einer der bekanntesten Krebsforscher seiner Zeit. Während seinen vier Kindern die Flucht gelang, wurde er mit seiner Frau Gertrud nach Lodz/Litzmannstadt verschleppt. Wilhelm Caspari starb dort am 21. Januar 1944 und wurde auf dem alten jüdischen Friedhof beigesetzt. Seine Frau war bereits im September 1942 zusammen mit Tausenden Kindern, Alten und Kranken nach Chelmno/Kulmhof deportiert und dort umgebracht worden.

Steine mit Namen und daten der Opfer

An diese vier und fast 1400 weitere Opfer der Nazis erinnern die Stolpersteine in Frankfurt. Diese besonderen Mahnmale werden sei 1995 von dem Künstler Gunter Demnig verlegt. In rund 1200 deutschen Städten und Gemeinden sowie in 20 weiteren europäischen Ländern gibt es nahezu 70.000 Stolperstein. Es sind Betonquadrate mit zehn Zentimetern Seitenlänge, auf deren Oberseite eine Messingplatte mit den Namen und Daten der Opfer eingelassen sind. Die Stolpersteine werden in der Regel vor den Häusern der Opfer in den Belag des Gewegs eingelassen.

Frankfurt ist die vierte Stadt in Deutschlnd mit mehr als 1000 Stolpersteinen – nach Berlin mit rund 8000, Hamburg mit 5500 und Köln mit über 2000. Die Zahl der aus Frankfurt Deportierten übersteit die Zahl der verlegten stolpersteine um ein vielfaches. Am 19. Oktober 1941 wurden 1180 Menschen nach Lodz deportiert, nur drei überlebten. Am 11. November 1941 wurden 1062 Menschen nach Minsk verfrachtet. Überlebende: 10. am 11. Juni 1942 kamen 1135 nach Izbica. Überlebende: keine. 1367 kamen am 15. September 1942 nach Theresienstadt. 105 überlebten. Und das sind nur einige wenige Beispiele.

Die etwa drei Kilometer lange Stolperstein-Route im Gallus. Die gelben Kästchen mit den Nummern sind die Stolperstein, die Schwarzen zeigen andere Senhenswürdigkeiten an, wie das Haus Geallus, das Schauplatz des Auschwitz-Prozesses war, die Adler-Werke (13) und den Golup-Lebedenko-Platz, der nach zwei entflohenen ukrainischen Häftlingen beannt ist, die von der SS in aller Öffentlichkeit erschossen wurden.

Die zwischen zwei und drei Kilometer langen Touren führen jeweils zu den Stolpersteinen in Bergen-Enkheim, Fechenheim, Gallus, Niederrad, Nordend Süd, Ostend Nord, Römerstadt, Sachsenhausen West, Westend Nord und Westend Süd. Dort sind aber nicht nur Stolpersteine zu besichtigen, sondern auch andere Orten, die bedeutend waren für die Vernichtungsmaschinerie der Nazis, das KZ in den Adlerwerken im Gallus etwa. Das war im August 1944 unter dem Decknahmen „Katzbach“ alsAußenlager eingerichtet worden. Bis März 1945 waren hier 1609 Menschen aus acht Nationen interniert, von denen die wenigsten überlebten.

Stolpersteine in Frankfurt Am Main, Band 2, Zehn Rundgänge. Herausgegeben von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main., Verlag Brandes & Apsel, Paperback, 216 Seiten, 13 X 21 Zentimeter, zahlreiche Abbildungen. 14,90 Euro. ISBN 978-3-95558-241-8

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