Steinbruch Michelnau

Ein besonderes Industriedenkmal

von Elfriede Maresch

Grün, ruhevoll, mit Aussichtspunkten, seltenen Pflanzen, Felsformationen – der Steinbruch Michelnau ist zugleich Geotop, Industriedenkmal und touristischer Anziehungspunkt. Am Aktionstag am Niddaradweg am Donnerstag, 20. Juni 2019, kann der Steinbruch besichtigt werden.

Der rot gefärbte Michelnauer Stein

Vor 15 Millionen Jahren, in der Epoche des tertiären Vulkanismus, war die Erde hier in Bewegung, die Oberfläche riss, Schlote bildeten sich und warfen gashaltige Lavafetzen aus. Im Prozess des Erkaltens türmten sich Schlacken zu Schichten, Wänden, einem Kegel. Der charakteristische Michelnauer Stein entstand, ein in Europa einzigartiges Schlackenagglomerat, durch Eisenverbindungen rot gefärbt.

Felswand mit Schrämmspuren und dem Schatten des Derrick-Krans. (Fotos: Elfriede Maresch)

Hier und dort sind im Gestein noch Bomben aus Alkalibasalt erkennbar. Nicht so hart wie der dunkle Vogelsbergbasalt, der ebenfalls vulkanischen Ursprungs ist, hat der Michelnauer Stein doch Festigkeit. Während der Abkühlung füllten sich die kleinen Hohlräume mit kristallinen Chabasiten, die das Gestein gewissermaßen „verkitten“ und als winzige schimmernde Bestandteile mit bloßem Auge zu erkennen sind.

Verwunschen im Grünen: Skulpturen der Bildhauerin Dorothee Schäfer

150 Jahre lang wurde das Michelnauer Schlackenagglomerat als Werkstoff abgebaut, war, in dünne Platten gesägt, gefragte Auskleidung für Backöfen und -häuser, wurde für Fassadenverkleidungen, für Gebäudesockel, aber auch für Skulpturen genutzt, an der Konzerthalle Bad Homburg etwa, beim Ehrenmal in Frankfurt-Fechenheim, zuletzt beim Omegahaus am Offenbacher Kaiserlei-Kreisel.

Abbau eingestellt

In den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts war der Abbau nicht mehr lohnend und wurde eingestellt, die Wege wuchsen zu, an den Felswänden siedelten sich Gehölze an, der Steinbruch versank in Wildnis.

Engagierte Ortsbürger mochten sich ebenso wenig damit abfinden wie Mitglieder der Deutschen Vulkanologischen Gesellschaft, Sektion Vogelsberg. Sie forderten die Erhaltung, das Zugänglichmachen dieses einzigartigen „Fensters in die Erdgeschichte“. 2009 konnte die Stadt Nidda das Gelände kaufen, 2010 gründete sich der „Verein der Freunde des Steinbruchs Michelnau e.V.“ Für die Ehrenamtlichen gab es viel zu tun: eine Beobachtungskanzel mit überwältigendem Blick auf die Felswände mit ihren Schrämmspuren und hinunter auf die Talsohle wurde angelegt, störender Bewuchs entfernt, die Betriebsgebäude nach und nach in Absprache mit der Denkmalschutzbehörde saniert.

Der Derrick-Kran als Willkommmensstein mit den Steinmetzen und den beiden Vereinsvorsitzenden

Glücklicher Zufall, dass der Derrick-Kran, das Wahrzeichen des Steinbruchs, erhalten geblieben ist? Lothar Noll, Vorsitzender der „Freunde des Steinbruchs“, hat da einiges zu erzählen: „1952 wollten die damaligen Steinbruchbetreiber, die Bergisch-Märkische Steinindustrie, einen Holz-Derrick-Kran und wandten sich an die Firma Schmidt-Tychsen. Der Kran mit fünf Tonnen Tragkraft bei 15 Metern Reichweite musste eigens für Michelnau konstruiert werden – vergleichbare Kräne konnten solche Gewichte gar nicht bewältigen. Als wir unseren Einsatz im Steinbruch begannen, waren die Holzteile längst morsch und einsturzgefährdet. 2012 konnte in Zusammenarbeit mit dem Zimmereibetrieb Böckel der Kran als größter in Deutschland saniert werden. Darauf sind wir stolz!“ So findet sich der Kran als Logo auf den Hinweisschildern im Ort und als markantes Willkommens-Relief, gefertigt von der Steinmetzfirma Martin Röhling, am Eingang des Geländes. Je mehr es den Ehrenamtlichen gelingt, die alten Werkzeuge wieder zu beschaffen, desto mehr wird die handwerkliche Geschichte des Ortes deutlich. Etwa seit 1850 wurde der Stein mit Äxten, Eisenkeilen und Hämmern aus der Wand gebrochen – eine mühsame Arbeit! Nach 1920 wurde mit so genannten Luftmeiseln mit Pressluft gearbeitet. Ab 1947 wurde mit einer starkstrombetriebenen Schrämmaschine abgebaut, auf Loren wurden die Blöcke dann zur Konfektionierung in die Steinmetzhütte gefahren. 700 Meter Feldgleis für solche Transporte konnten die Ehrenamtlichen inzwischen wieder frei legen.

Es war ein besonderer Glücksfall, dass der Verein mit der Steinbruchfirma Gustav Hummel im österreichischen Burgenland in Kontakt kam und dort 2016 eine Korfmann Schrämmaschine ST 55 kostenlos überlassen bekam, die inzwischen restauriert wurde – genau dasselbe Modell war in Michelnau im Einsatz gewesen. Weitere historische Maschinen sind dazu gekommen und bei den Führungen erläutern die „Freunde des Steinbruchs“ die Arbeit an der Felswand, der Sägehalle, der Steinmetzhütte, dem Windenhaus. „Steinbruch als Lebensraum“: auch das ist Thema. Hier wachsen Kartäusernelken, Golddisteln, Natternkopf, Hornklee, Königskerzen. Baldrian, Dost und Thymian sind Bienenweide, die heimischen Orchideen sind mit der Stendelwurz vertreten. Verwunschen stehen mitten im Grünen Skulpturen der Bildhauerinnen Dorothee Schäfer und Anja Molendijk, die den Michelnauer Stein nutzten.

„Schweres Gerät“ ist auch die Winde des Derrick-Krans. (Foto: Lothar Noll)

„Noch mehr Arbeit wird auf uns zukommen, wenn das von der Stadt Nidda geplante Besucherzentrum gebaut wird“ meint Lothar Noll und sein Stellvertreter Helmut Kaiser betont: „Wir freuen uns über Besucher und zeigen gern alles Aspekte des Steinbruchs. Diesen einzigartigen Ort wollen wir mit anderen teilen!“

Am Aktionstag am Niddaradweg, Donnerstag, 20. Juni 2019, ist der Steinbruch von 10.30 bis 17 Uhr geöffnet. Jeweils um 11 und um 14 Uhr gibt es Führungen von anderthalb Stunden Dauer. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage steinbruch-michelnau.de.

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